Thüringen Lutherland in Frauenhand
Die Thüringer Pastorin Christine Lieberknecht soll Deutschlands erste CDU-Ministerpräsidentin werden.
In Thüringen beginnt jetzt eine Zeit, die gerade vorüber schien. Es ist die Zeit der Christine Lieberknecht. Das ewige Mädchen der Erfurter Politik verkörperte fast zwei Jahrzehnte lang die christdemokratische Staatsreserve, bis die CDU bei den jüngsten Landtagswahlen krachend unterging. Gerettet wurde sie von SPD-Chef Christoph Matschie mit dem Angebot einer schwarz-roten Koalition – zwei Pastorenkinder, zwei protestantische Theologen, regieren künftig Lutherland.
Bislang regiert Christine Lieberknecht das Erfurter Sozialministerium, früher ein Lazarett der Roten Armee. Der Dachboden, kyrillisch bemalt, nennt noch die Heimatstädte der Patienten, von Wolgograd bis Omsk. Dort hat sich die Ministerin jüngst fotografieren lassen. Sogleich zeigt sie die Bilder: Sind doch schön geworden, stimmt’s?
Freundlichkeit scheint ihre Natur. Ihr vermittelndes Wesen schätzen auch politische Widersacher. Sie redet wie der Trusetaler Wasserfall. Die Kindheit, ach. Leutenthal bei Weimar, das dörfliche Paradies. Drei jüngere Geschwister. Pfarrer Lieberknecht, der Vater, züchtete Blumen, Tauben, Kaninchen sowie federfüßige porzellanfarbene Zwerghühner. Schriftführer im Zuchtverein sei er gewesen: eine prima Kommunikationsplattform jenseits der Kanzel.
Die politische Karriere der Christine Lieberknecht, geboren 1958 in Weimar, beginnt am 10. September 1989. An diesem Tag veröffentlichte das Ost-CDU-Mitglied Lieberknecht mit drei Gesinnungsfreunden einen Brief aus Weimar. Darin wurden etliche Übel des kranken Honecker-Staats diagnostiziert und Kurvorschläge unterbreitet. Der beherzte Text entsetzte die SED-hörige Führung der Ost-CDU.
Und Christine Lieberknechts vorheriges Leben?
Zunächst haben wir den großen alten Mann des ostdeutschen Protestantismus gefragt, Erfurts Senior-Propst Heino Falcke. Die rote Christine, so habe sie geheißen, erinnert sich Falcke. Sogar FDJ-Sekretärin sei sie gewesen. Eins störe ihn gewaltig: die heutige Verklärung der DDR-CDU zum Schutzraum. Nein, sagt Falcke, die Blockpartei CDU sollte die Christen in die Gleichförmigkeit mit der SED bringen.
Falcke sucht und findet ein Lieberknecht-Dokument, einen offenen Brief, datierend vom 10. Januar 1997. Die Verfasserin der schneidigen Epistel attackiert Falcke als Unterzeichner der Erfurter Erklärung gegen Sozialstaatsabbau. Sie rügt sein »politisches Kurzzeitgedächtnis«. Mit »Skrupellosigkeit« werfe er sich »den Nachlaßverwaltern der überwundenen Diktatur in die Arme«. Das fasse ich nicht, sagt Falcke. Vom SED-Staat wurde Christine Lieberknecht widerspenstigen Kirchenleuten als konstruktives Beispiel vorgehalten.
Zur Ministerpräsidentin ist sie geeignet, resümiert der Propst. Die Sekundärtugenden hat sie, den politischen Alltag wird sie bewältigen und viel Zustimmung erfahren. Aber Stehvermögen, Charakter, da habe ich überhaupt kein Vertrauen zu ihr.
Wenn Christine Lieberknecht ihre Vergangenheit erzählt, offenbart sich eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit. DDR-Pastorenkinder sind gebürtlich Außenseiter. Sie aber will teilhaben, mitbestimmen. Den Pionieren darf sie, elterliches Verbot, nicht angehören. Der FDJ tritt sie dann bei. Der Staat gestattet der Pastorentochter das Abitur. Physik und Mathematik möchte sie studieren und Lehrerin werden. Sie begreift, dass sie in Margot Honeckers Volksbildungssystem ideologisch scheitern würde. Sie wählt Theologie, in Jena. Glänzendes Examen. Heirat, zwei Kinder. Dorfpfarre in Ramsla: persönlich die freieste Zeit ihres Lebens.
Die Tür geht auf. Ein Mann tritt ein. Oh, der Herr Lieberknecht!, ruft Frau Lieberknecht. Thüringens künftiger Prinzgemahl besucht die Gattin auf einen Kaffee. Auch Martin Lieberknecht ist Theologe und Pastorenkind. Die Ost-CDU kam für mich nie infrage, sagt er. Wenn Sie als Pfarrer im Dorf Parteimitglied sind, da geht bei allen die Jalousie runter.
Warum ließen Sie Ihre Frau?
Weil ich tolerant genug war.
Frau Lieberknecht, als CDU-Mensch in der DDR bekannte man Staatsloyalität.
Nicht unbedingt. Ich wollte ’ne Plattform. Damit ich als Dorfpastorin auch mit Bürgermeister, Parteisekretär, LPG-Vorsitzendem reden kann. Mein erster Akt als kleines Mitglied war, dass ich ’ne CDU-Friedenswoche gemacht habe, in der Dorfgaststätte, mit kirchlichen Referenten. Und alle freuten sich, dass die Christine da war und was machte.
Es geschah die Wende. Die Mauer fiel, die West-CDU trat auf den Plan der Geschichte. Christine Lieberknecht empfing ein Schlüsselerlebnis, als sie den West-CDUler Walter Wallmann öffentlich Gott für den gewaltlosen Umbruch danken hörte. Hier bist du richtig, habe sie gedacht. Sie gab ihr Pfarramt auf und machte politisch Karriere. Schon 1991 beschenkte sie den gesamtdeutschen CDU-Parteitag mit dem Bekenntnis, ihre beiden Kinder hätten am 3. Oktober und am 5. Januar Geburtstag, wie die deutsche Einheit und Konrad Adenauer.
Frau Lieberknecht, das klang echt anbiedernd.
Och, bisschen fishing for compliments. Kam prima an. Das Parteivolk hat gejohlt.
Unter Joseph Duchač war sie 1990 Kultusministerin geworden. 1992 verließ sie das sinkende Schiff des überforderten, stasibezichtigten Ministerpräsidenten. Bernhard Vogel übernahm die Erfurter Staatskanzlei. Er beförderte »Christinchen« zur Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten. Von 1999 bis 2004 präsidierte sie dem Thüringer Landtag, wurde sodann von Dieter Althaus zur CDU-Fraktionschefin umfunktioniert und 2008 zur Sozialministerin.
Wir sprechen zu zweit. Kein Pressereferent schreibt oder schneidet argwöhnisch mit. Christine Lieberknechts Frisch-fromm-fröhlich-Freistil offenbart ein erquickendes Desinteresse an Formalität. Ihr Machtwille wird gewiss unterschätzt. Ministerpräsidentin, das sei nie ihr Traumziel gewesen. Ihren Mangel an brachialem Ehrgeiz verdanke sie dem Glauben.
Könnten Sie wieder Pastorin sein?
Ja.
Was würde Ihnen da fehlen?
Ich glaub, nix.
Und was fehlt jetzt?
Ein Stück ganz individueller äußerer Freiheit. Die innere hab ich.
2008 sollte Peter Krause, ehedem Redakteur der Jungen Freiheit, Thüringens CDU-Kultusminister werden. Sie widerstanden dem nicht.
Nun soll das Bandgerät doch pausieren. Wir hören gar manches über den differenzierten Charakter Krause, aber keine klaren Worte zum völkisch-konservativen Milieu, das auch in der Thüringer CDU Raum greift. Das Band läuft wieder. Christine Lieberknecht spricht: Junge Freiheit, das gehört nicht zu meiner Lektüre, das lehne ich ab, damit hab ich nichts zu tun. Es ist aber ein Verdienst der CDU, dass am rechten Rand keine Partei in Größenordnungen entstehen konnte.
14 Prozent der Thüringer Erstwähler haben für die NPD gestimmt.
Ich habe mich viel mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigt, sagt Christine Lieberknecht, und mit Paul Schneider, dem Prediger von Buchenwald. In meinem Pfarramtsschrank fand ich die Kirchenaustrittserklärungen der Buchenwalder SS-Wachmannschaften. 1989 hab ich mich gefragt: Könntest du für deinen Glauben den letzten Weg gehen?
Könnten Sie?
Es ist eine offene Frage.
- Datum 23.10.2009 - 15:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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am Sonntag abend. Christoph Dieckmann endlich mal wieder ...!
Gut, das Thema ist für Nicht-Thüringer, Nicht-Pfarrerskinder und Nicht-Blockflötespieler(innen) nicht unbedingt der Aufreger, der Emotionen aufkochen läßt ...
Trotzdem, schön mal wieder was von ihm gelesen zu haben!
Religion ist Privatsache
Vormalige Arbeitgeber eines Spitzenpolitikers sollten dem Wähler bekannt sein. Diese Aufgabe hat die Presse durchaus erfüllt.
Ich gehe davon aus, daß Frau Lieberknecht mit dem Antritt ihrer neuen Arbeit als MP gleichzeitig alle Verpflichtungen gegenüber ihrem derzeitigen Arbeitgeber auflöst.
Ich gehe davon aus, daß Frau Lieberknechts Arbeit als MP unbeeinflußt von ihrem vormaligen Arbeitsverhältnis bleibt und dies auch öffentlich nachgewiesen wird.
Ich gehe davon aus, daß eine Kontrolle entsprechend der o.a. Kriterien wahrscheinlich nicht erfolgt.
den Sie wohl lieber an der Stelle von Frau Lieberknecht sehen würden, ebenfalls fordern, dass seine Arbeit "unbeeinflußt vom vormaligen Arbeitsverhältnis bleibt", nämlich bei der Gewerkschaft ver.di ?
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