Thüringen Lutherland in FrauenhandSeite 2/2

Warum ließen Sie Ihre Frau?

Weil ich tolerant genug war.

Frau Lieberknecht, als CDU-Mensch in der DDR bekannte man Staatsloyalität.

Nicht unbedingt. Ich wollte ’ne Plattform. Damit ich als Dorfpastorin auch mit Bürgermeister, Parteisekretär, LPG-Vorsitzendem reden kann. Mein erster Akt als kleines Mitglied war, dass ich ’ne CDU-Friedenswoche gemacht habe, in der Dorfgaststätte, mit kirchlichen Referenten. Und alle freuten sich, dass die Christine da war und was machte.

Es geschah die Wende. Die Mauer fiel, die West-CDU trat auf den Plan der Geschichte. Christine Lieberknecht empfing ein Schlüsselerlebnis, als sie den West-CDUler Walter Wallmann öffentlich Gott für den gewaltlosen Umbruch danken hörte. Hier bist du richtig, habe sie gedacht. Sie gab ihr Pfarramt auf und machte politisch Karriere. Schon 1991 beschenkte sie den gesamtdeutschen CDU-Parteitag mit dem Bekenntnis, ihre beiden Kinder hätten am 3. Oktober und am 5. Januar Geburtstag, wie die deutsche Einheit und Konrad Adenauer.

Frau Lieberknecht, das klang echt anbiedernd.

 

Och, bisschen fishing for compliments. Kam prima an. Das Parteivolk hat gejohlt.

Unter Joseph Duchač war sie 1990 Kultusministerin geworden. 1992 verließ sie das sinkende Schiff des überforderten, stasibezichtigten Ministerpräsidenten. Bernhard Vogel übernahm die Erfurter Staatskanzlei. Er beförderte »Christinchen« zur Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten. Von 1999 bis 2004 präsidierte sie dem Thüringer Landtag, wurde sodann von Dieter Althaus zur CDU-Fraktionschefin umfunktioniert und 2008 zur Sozialministerin.

Wir sprechen zu zweit. Kein Pressereferent schreibt oder schneidet argwöhnisch mit. Christine Lieberknechts Frisch-fromm-fröhlich-Freistil offenbart ein erquickendes Desinteresse an Formalität. Ihr Machtwille wird gewiss unterschätzt. Ministerpräsidentin, das sei nie ihr Traumziel gewesen. Ihren Mangel an brachialem Ehrgeiz verdanke sie dem Glauben.

Könnten Sie wieder Pastorin sein?

Ja.

Was würde Ihnen da fehlen?

Ich glaub, nix.

Und was fehlt jetzt?

 

Ein Stück ganz individueller äußerer Freiheit. Die innere hab ich.

2008 sollte Peter Krause, ehedem Redakteur der Jungen Freiheit, Thüringens CDU-Kultusminister werden. Sie widerstanden dem nicht.

Nun soll das Bandgerät doch pausieren. Wir hören gar manches über den differenzierten Charakter Krause, aber keine klaren Worte zum völkisch-konservativen Milieu, das auch in der Thüringer CDU Raum greift. Das Band läuft wieder. Christine Lieberknecht spricht: Junge Freiheit, das gehört nicht zu meiner Lektüre, das lehne ich ab, damit hab ich nichts zu tun. Es ist aber ein Verdienst der CDU, dass am rechten Rand keine Partei in Größenordnungen entstehen konnte.

14 Prozent der Thüringer Erstwähler haben für die NPD gestimmt.

Ich habe mich viel mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigt, sagt Christine Lieberknecht, und mit Paul Schneider, dem Prediger von Buchenwald. In meinem Pfarramtsschrank fand ich die Kirchenaustrittserklärungen der Buchenwalder SS-Wachmannschaften. 1989 hab ich mich gefragt: Könntest du für deinen Glauben den letzten Weg gehen?

Könnten Sie?

Es ist eine offene Frage.

 
Leser-Kommentare
  1. am Sonntag abend. Christoph Dieckmann endlich mal wieder ...!
    Gut, das Thema ist für Nicht-Thüringer, Nicht-Pfarrerskinder und Nicht-Blockflötespieler(innen) nicht unbedingt der Aufreger, der Emotionen aufkochen läßt ...
    Trotzdem, schön mal wieder was von ihm gelesen zu haben!

  2. Religion ist Privatsache

    Vormalige Arbeitgeber eines Spitzenpolitikers sollten dem Wähler bekannt sein. Diese Aufgabe hat die Presse durchaus erfüllt.

    Ich gehe davon aus, daß Frau Lieberknecht mit dem Antritt ihrer neuen Arbeit als MP gleichzeitig alle Verpflichtungen gegenüber ihrem derzeitigen Arbeitgeber auflöst.

    Ich gehe davon aus, daß Frau Lieberknechts Arbeit als MP unbeeinflußt von ihrem vormaligen Arbeitsverhältnis bleibt und dies auch öffentlich nachgewiesen wird.

    Ich gehe davon aus, daß eine Kontrolle entsprechend der o.a. Kriterien wahrscheinlich nicht erfolgt.

  3. den Sie wohl lieber an der Stelle von Frau Lieberknecht sehen würden, ebenfalls fordern, dass seine Arbeit "unbeeinflußt vom vormaligen Arbeitsverhältnis bleibt", nämlich bei der Gewerkschaft ver.di ?

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