MartensteinDen Morphotyp einpflegen

Harald Martenstein erklärt, wie fast jeder Witz, so schlecht er auch sein mag, erträglich wird. Und welche unbekannten Vokabeln man unbedingt verwenden sollte. von 

Unter "Carsoning" versteht man, dass ein Showmaster, Moderator oder Conférencier einen sehr schlechten Witz oder einen besonders niveaulosen Kalauer erzählt. Während des Erzählens gibt der Sprecher zu verstehen, dass ihm die mindere Qualität seines Witzes durchaus bewusst ist, er verzieht schmerzlich das Gesicht und macht entschuldigende Gesten. Er distanziert sich sozusagen von sich selber und bittet, nonverbal, um Entschuldigung, weil er einen besseren Witz halt leider nicht zur Verfügung hat, but the show must go on. Dadurch wird fast jeder Witz, so mies er auch sein mag, erträglich.

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Diese raffinierte Vortragstechnik hat der Amerikaner Johnny Carson perfekt beherrscht, in Deutschland lässt sich das Carsoning häufig bei Harald Schmidt , Stefan Raab oder Oliver Pocher beobachten. Auch Hellmuth Karasek habe ich schon carsoningen gesehen. Wenn man aber darauf hinweisen will, dass zwei Menschen der gleichen "Rasse" angehören, dieses politisch problematische Wort aber vermeiden möchte, kann man das politisch korrekte Wort "Morphotyp" nehmen. Beispiel: "Als ich", carsoningte er, "die mir von Freunden empfohlene Fußpflegerin Gretel Palukat zum ersten Mal aufsuchte, war ich nicht wenig überrascht, denn Gretel Palukat gehört zum gleichen Morphotyp wie Mao Tse-tung."

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Der Sprecher weiß nicht genau, ob Frau Palukat chinesischen oder japanischen oder sonstigen Ursprungs ist, er kann aber, falls er korrekt sein möchte, nicht gut das Wort "Asiatin" verwenden, denn womöglich leben die Palukats schon seit dem Koreakrieg in Deutschland und haben mit Asien nichts mehr am Hut. Ausweg: das Wort "Morphotyp".

Pharmakogenomik heißt die Wissenschaft, die sich mit den unterschiedlichen Auswirkungen von Medikamenten auf Menschen verschiedenen Morphotyps beschäftigt, es gibt da nämlich Unterschiede. Ein "Rant", ausgesprochen "Ränt", ist dagegen etwas Ähnliches wie eine Polemik, also eine emotional gefärbte, temperamentvolle und nicht um Abwägung oder Fairness sich bemühende Meinungsäußerung. "Wer das Wort Rasse verwendet, muss, selbst beim Carsoning, mit einem Rant rechnen, besser, man sagt Morphotyp."

Unter dem "Rebecca-Syndrom" versteht man die rückblickende Überhöhung oder sogar Idealisierung eines ehemaligen Mitglieds einer Gruppe. Die Nachfolger werden abgewertet, oft auf eine unsachliche oder unfaire Weise. Das Wort geht auf den Hitchcock-Film Rebecca zurück, in dem ein Mann unter dem Bann seiner Exfrau steht. "Die SPD leidet seit dem Tod von Willy Brandt unter dem Rebecca-Syndrom."

Leserkommentare
  1. Auf dem Foto von Nicole Sturz macht Harald M. einen höchst verstörten (& auch verwilderten) Eindruck - wird man so nach 87543 Kolumnen in der ZEIT?

  2. Hallo Harald!
    verstehe immer noch nicht warum in Deutschland so wenig über den Skandal mit der Firma Baxter aus USA nicht viel geschrieben wird.
    Die 72 kg Impfstoff für die normale Grippe die über die Filialle von BAxter in Osterreich geliefert wurden und weiter nach der Tschkei weiter versenden wurden...alles hochkontaminiertes material...Virus A mit Vögelgrippe zusammen...
    Vielleicht hast Lust etwas darüber zuschreiben

    lg

    ignacio

  3. Sehr geehrter Herr Martenstein
    Möglicherweise wäre es besser anstatt der deutschen Sprache an sich bestimmte grammatikalische Grundregeln ins Grundgesetz zu übernehmen.
    Carsoning ist ja wohl die Verlaufsform von Carson, die im Englischen auch zum Ausdruck einer Tätigkeit verwendet werden kann (Bsp.: das Substantiv Snowboard wird zur Tätigkeit Snowboarding). Im deutschen macht man ein Verb natürlich nicht aus der Verlaufsform, sondern leitet es direkt vom Substantiv ab, also snowboarden und nicht snowboardingen.
    Ansonsten lese ich Ihre geschätzten Kolumnen natürlich immer sehr gerne uns als erstes am Donnerstagmorgen.

    • Hattric
    • 06. November 2009 10:02 Uhr

    „Wenn die Sprache nicht stimmt,
    so ist das, was gesagt wird, nicht das, was
    gemeint ist. Ist das, was gesagt ist, nicht
    das, was gemeint ist, so kommen die Werke
    nicht zustande. Kommen die Werke
    nicht zustande, so gedeihen Moral und
    Kunst nicht. Gedeihen Moral und Kunst
    nicht, so trifft die Justiz nicht, trifft die
    Justiz nicht, so weiß die Nation nicht,
    wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde
    man keine Willkür mit den Worten. Das
    ist es, worauf es ankommt.“

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