Ich komme aus Leverkusen, und das will etwas heißen. Nach der Schule traf ich meine Freunde an einer hydraulischen Brunnenskulptur in der Fußgängerzone, Partys feierten wir im Schatten der Stelzenautobahn, und abends saßen wir im Uferkies am Rhein und sahen die Lichter des Bayer-Werks in der Dunkelheit funkeln. In Leverkusen lernt man, künstliche Welten so zu betrachten, wie andere Leute Kunst betrachten.

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass der Internationale Kunstkritikerverband meine Heimatstadt entdecken könnte – und sei es auch nur seine deutsche Sektion. Die aber hat jetzt das Museum Morsbroich, mitten in Leverkusen gelegen, zum »Museum des Jahres« bestimmt: ein spätbarockes Wasserschloss in einem Waldstück zwischen zwei Schnellstraßen, nahe beim Betonflachbau meiner alten Schule. In den Schlosshof gelangt man nur über eine Brücke und durch ein Tor. Es ist vielleicht der einzige Ort, an dem Leverkusen auf ganz altmodische Weise schön ist. Wunderschön sogar.

Das Tolle an diesem kleinen Museum ist allerdings, dass es eben keine Bastion der Vormoderne darstellt. Morsbroich war immer ein Schauplatz der Avantgarde. Kein Zufall, dass genau hier die berühmteste Anekdote über die Komplexität der Kunstwahrnehmung in der Moderne spielt – nämlich die Geschichte jener zwei Frauen, die 1973 eine Beuys-Badewanne abschrubbten, um beim Museumsfest des SPD-Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath die Gläser darin zu spülen.

Tatsächlich war Schloss Morsbroich das erste Museum für Gegenwartskunst, das nach dem Krieg in Deutschland eröffnet wurde. Der Kritikerverband lobt die »erstaunliche Sammlung«, die »einen hervorragenden Einblick in die Entwicklung der abstrakten Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in all ihren Facetten bietet« – und das mit Recht, denn das Museum begann zwar 1951 mit der Rehabilitierung der klassischen Moderne, entwickelte sich jedoch schnell zum Magneten für Erneuerungsbewegungen, vom Informel über die Zero-Gruppe und die Op-Art bis hin zum Fluxus. Werke von Gerhard Richter, Blinky Palermo oder Georg Baselitz wurden angekauft, als diese Künstler noch als Nachwuchshoffnungen galten. Im Rheinland war Morsbroich als zeitgenössisches Museum sogar fast konkurrenzlos, bis in den 1980er Jahren das Kölner Museum Ludwig und das Düsseldorfer K20 gebaut wurden.

Seitdem liegt Schloss Morsbroich, mit Bus und Bahn eine halbe Stunde vom Kölner Hauptbahnhof entfernt, leicht abseits der Hauptverkehrswege des Betriebs. Ungefähr 30.000 Besucher kommen jedes Jahr. Die Wände, über drei Etagen verteilt und allesamt von Fenstern und Türen durchbrochen, bieten keinen Platz für Megaspektakel. Aber dafür verhindern die fast schon intimen Räumlichkeiten jenes routinierte Durchlaufen, das in großen Museen schnell einsetzt.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Gerhard Richters übermalte Fotografien zum Beispiel, die sich im vergangenen Winter in einer Reihe ohne Anfang und Ende durch die Zimmerfluchten zogen, konnten es mit den zeitgleich im Museum Ludwig gezeigten Riesenformaten aufnehmen – und das nicht nur, weil zwischendurch der Blick immer wieder in den verschneiten Schlosspark fiel oder in den Spiegelsaal, dessen Kronleuchter 1900 auf der Pariser Weltausstellung angeschafft wurde. Candida Höfer hat diesen Räumen eine Fotoserie gewidmet (siehe unser Bild).

Noch gibt es im Museum Morsbroich keine richtige Dauerausstellung, die Bestände lagern im Depot und werden als Basis für wechselnde Sonderausstellungen genutzt. Das will Markus Heinzelmann, Direktor seit 2006, ändern – er plant im Park einen kühnen Anbau aus Sichtbeton und Holz. Der Entwurf stammt vom Berliner Büro Kuehn-Malvezzi.

All das zeugt von Selbstbewusstsein, und Heinzelmann gehört nicht zu den Leuten, die den goldenen Jahren der westdeutschen Kunstszene hinterhertrauern und trübselig nach Berlin schauen. Nächstes Jahr plant Heinzelmann eine Ausstellung über die »postironische Generation«: Nur lebende Künstler aus dem Rheinland und alle höchstens 35 Jahre alt. Es könnte sich lohnen, aus der Hauptstadt anzureisen.