Geopolitik Mächte auf der Jagd
Konzerne aus Schwellenländern nutzen die Krise, um sich Rohstoffe zu sichern
© Amos Gumulira/AFP/Getty Images

Der Chinesische Außenminister Yang Jiechi (links), hier mit seiner malawischen Amtskollegin Joyce Banda, trat im Januar eine Reise durch mehrere afrikanische Staaten an. China pflegt seine politischen Beziehungen zu Afrika, um seiner wachsenden Wirtschaft Rohstoffe zu beschaffen
Als Kapitalist in einer Rohstoffbranche muss man in diesen Tagen zu dem Schluss kommen: Es ist eine schlechte Zeit, um in neue Projekte zu investieren. Öl und Gas, Eisenerz und Kohle, Kupfererz und Nickel werden ja dann am stärksten nachgefragt, wenn die Wirtschaft rund läuft und die Fabriken ausgelastet sind. Für die kommenden Jahre ist aber mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise zu rechnen, mit einem trägen Wachstum von unbestimmter Dauer.
Investitionen in Rohstoffquellen sind eine teure Angelegenheit. Immer größer wird der Kapitalaufwand, um tiefer denn je zu bohren, um an noch entlegeneren Orten als bisher zu schürfen, um mit neuen technischen Verfahren Stoff aus alten Lagerstätten herauszupressen. Für Kapitalisten würde sich das nur lohnen, wenn absehbar wieder mit höheren Preisen zu rechnen ist – also halten sich viele Konzernchefs und Aktionäre in diesen Tagen zurück.
Allerdings sind nicht alle Teilnehmer am Rohstoffmarkt waschechte Kapitalisten. Dort mischen seit je auch Behörden, ganze und halbe Staatskonzerne mit. Vielfach haben sie einen längeren Atem als die Kapitalisten, häufig genießen sie Rückendeckung aus der Politik, und manchmal verfügen sie sogar über Kapital aus Steuermitteln oder sonstigen Rücklagen wie etwa staatlichen Devisenfonds. Sie können langfristiger, strategischer, spekulativer agieren.
Zum Wochenbeginn machte eine Nachricht über einen wichtigen Rohstoffdeal die Runde: Der russische Rohstoffkonzern Gasprom – zu mehr als der Hälfte in der Hand des russischen Staates – wird künftig in Nigeria mit dem Unternehmen Oando zusammenarbeiten. Gemeinsam wird man an Pipelines und anderer Infrastruktur arbeiten. Allein um den Profit aus diesem Geschäft, glauben Beobachter, gehe es den Russen dabei wohl kaum. Stattdessen spielten Investitionen in Ländern wie Nigeria eine wichtige Rolle für die zukünftige Energieversorgung Russlands. Nigeria besitzt immerhin die siebtgrößten Gasreserven der Welt. Auch chinesische Unterhändler werden dort immer häufiger beim Geschäftemachen beobachtet.
Gerade China ist seit Jahren bestrebt, seinen Zugriff auf Rohstoffe in aller Welt zu stärken. Peking und seine Staatskonzerne kaufen Förder- und Schürfrechte oder schließen langfristige Liefer- und Serviceverträge in Ländern wie Turkmenistan und Angola, Kasachstan und Brasilien. Für einige Deals haben sie so großzügig gezahlt, dass sich Branchenexperten die Augen reiben.
Die Volksrepublik findet dabei laufend Nachahmer, zumal seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise. Man kann das bei einem Blick in die Statistiken internationaler Firmenübernahmen erkennen. Zwar sind die Zahlen in den vergangenen Monaten insgesamt stark gesunken. Aber neben China haben Russland und Indien weiter kräftig in aller Welt investiert, und zwar überwiegend in Energiebranchen, in den Minenbau und in Versorgungsindustrien.
Das mutmaßliche Kalkül: Nur wer auch künftig verlässlich und zu vernünftigen Preisen Treibstoffe und Baumaterialien beziehen kann, vermag eigene Industrien aufzubauen. Viele Rohstoffe werden auf Dauer knapp, und erpressbar möchte sich niemand machen.
Manche Erze sind schon heute so rar, dass hierzulande die Wirtschaftsverbände vor Lieferengpässen bei Chrom, Platin, Molybdän und anderen Metallen gewarnt haben. In Russland, China und einigen anderen Staaten ist die Rohstoffsicherung offenbar längst zur Chefsache erklärt worden.
Erst im Sommer unternahm der russische Präsident und frühere Gasprom-Aufsichtsratsvorsitzende Dmitrij Medwedjew eine Afrikatour, bei der er auch die wichtigsten Ölproduzenten des Kontinents aufsuchte: Nigeria und Angola.
Andere politische Einflussnahme erschöpft sich nicht im Liebeswerben. Der britisch-australische Rohstoffkonzern Rio Tinto bekam in diesem Jahr in seinen chinesischen Niederlassungen eine Menge Ärger mit den dortigen Behörden – laut Brancheninsidern geschah das, weil der Bergbaukonzern ein Kaufangebot aus China zurückgewiesen hatte.
Den Australiern übrigens ist die eifrige Kundschaft aus China längst ungeheuer geworden. Erst im Frühjahr erhöhten dort die Wettbewerbsbehörden die Auflagen für chinesische Konzerne, wenn sie in Zukunft ein Unternehmen erwerben wollen.
- Datum 23.10.2009 - 17:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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danke für den Artikel - aber wann dämmert es auch euch, dass die Zeiten der Dollarherrschaft vorbei sind und welche Bedeutung das haben wird?
Bisher konnte man immer davon ausgehen, dass man Rohstoffe gegen Devisen, vor allem den Dollar, erwerben konnte - Lieferengpässe gab es kaum und der Preis schwankte durchaus, aber physisch waren die Produkte lieferbar.
Das wird sich änderen - die Rohstoffe werden in Zukunft wohl nicht mehr über die Börsen gehandelt, sondern direkt von Staaten abgeschöpft und über langfristige Liefervertäge bedient. Wer sich die wenigen Erzvorräte nicht sischert und direkt investiert, wird dann dumm aus der Wäsche schauen!
Viele Länder haben die Zeichen der Zeit erkannt und nutzen auch das Militär um ihre Rohstoffinteressen zu sichern. Und die EU? Die leckt sich die Wunden an den beinahe Bankpleiten und verteidigt eisern die alten moralischen Vorstellungen und Werte - anstatt endlich ebenfalls in das globale Rohstoffwettrennen einzusteigen.
Gerade die Bankenkatastrophe hat uns gezeigt, wie schnell die Krise plötzlich vor der Tür steht, genau eine solche Krise ist bei allen Rohstoffen möglich. Angefangen beim Gas aus Russland, für das es keine strategischen Reserven gibt, wie auch bei anderen Industriemetallen.
Europa braucht hier a) strategische Reserven b) Pläne die Ressourceneffizienz enorm zu erhöhen - z.B. durch eine Ausweitung der Rohstoffgewinnung durch Recycling.
in unsicheren Zeiten: Flucht in die Sachwerte.
Und was sollten z.B. die Chinesen mit ihren riesigen Dollarvorräten sinnvolleres tun, als Rohstoffe und know how zu kaufen.
Es ist eben ein Unterschied, ob eine Gesellschaft eher volkswirtschaftlich handelt, oder ob Partikularinteressen sich betriebswirtschaftlich organisiert gegenseitig behindern.
Daß natürlich auch die weltweiten Mammutkonzerne auf Einkaufstour sind, widerspricht dem nicht, oft sind sie mächtiger als mancher Staat.
Das fällt mir hierzu ein. Und insofern ist mir ein Zögern und Zaudern hier dann doch ganz sympathisch. Man sollte die Diskussion darüber m.E. auch mal so führen. Wenn alles weggeputzt und weggebaggert ist, ist die Erde sozusagen abgegrast und ausgegast. Es ist von daher wohl ein Irrglauben, dass Länder, die hier besonders rabiat und aggressiv vorgehen, wie unsere Vorgänger dies allerdings auch schon taten, deshalb nun die große Zukunft vor sich haben. Auch die Menschen dieser Länder können dann sich dann halt im Groß-TV alle Endzeitkatastrophen live und in Farbe ansehen und darüber dumm und dämlich diskutieren: Ja, die Erste Welt geht halt auch beim Untergang voran - und alle anderen folgen ihr.
Nette Betrachtungsweise, dieser Vergleich der Rohstoff-"Sicherung" mit der Jagd. Allerdings ist da ein wesentlicher Unterschied, die Tierwelt kann sich in kurzer Zeit regenerieren - wenn man es zulässt -, aber für Resourcen wie Öl, Gas, Erze benötigte das universum Millionen / Milliarden von Jahren zu deren "erzeugung", d.h. es gibt keine Regneration.
Folgendes Scenario ist denkbar : Es steht neben jeder Abbaustelle / Pipeline eine "Sicherungs"-Einheit und nur der "Mächtigste" hat die Macht über die Resourcen (-> MadMax).
Ein besseres Scenario wäre allerdings, wenn die Menschheit erkennt, dass wir für sehr lange Zeit auf begrenztem (sehr großem) Raum miteinander und mit den begrenzten Resourcen auskommen müssen.
Für mich ist dieses "Wettrennen" um die Resourcen Öl, Gas, Erze bereits heute für alle Teilnehmer am Wettlauf verloren. Warum sollte also Europa mit nicht vorhandenem Geld in ein solches Rennen einsteigen? Das vorhandene Geld könnte sicherlich sinnvoller eingesetzt werden, als es anderen "in den Rachen" zu werfen ohne wirkliche Aussicht auf Erfolg. Insbesondere sollten dafür keine Schulden auf die Zukunft gemacht werden.
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