Mulatu Astatke, dieser entspannte Mann von Mitte sechzig, wohnt so weit weg, dass ein Besuch bei ihm für uns schon ein rechter Ausflug wäre. Im Herzen Addis Abebas gehört ihm ein großes Haus, dort lebt er mit seiner Frau, Lehrerin für Englisch und Mathematik, und seinem Sohn, dem Software-Ingenieur. Seine Tochter macht nach ihrem Studium gerade ein Hotelpraktikum in Washington, D. C. Wo Mulatu Astatke ist, da schwingt die Welt immer mit. Zurzeit läuft seine Europatournee, sodass wir ihn, bevor er Ende des Monats zu zwei Auftritten nach Deutschland kommt, eh nur unterwegs treffen können. Fahren wir also nach Löwen in Belgien.

Am vergangenen Sonnabend beehrte er dort Het Depot, das sympathisch verwahrloste Kulturzentrum der Brüssel benachbarten Stadt. Ein zehn Meter hoher Saal, Vorhänge aus rotem Samt, fest bestuhlt – aber bitte vorsichtig setzen, denn etliche Klappsitze sind unter der Last der Jahre herausgebrochen; im Dunkeln lässt man sich allzu schnell in ein Polster fallen, das gar nicht mehr da ist.

Einst beherbergte das Gebäude ein Pornokino, dann zog das Radio-Orchester Flanderns ein und probte europäische Klassik. Inzwischen ist es öffentliche Spielstätte, zugelassen für 600 Zuschauer, und die Jugend Löwens strömt herbei, um den sambafizierten Punk von Nouvelle Vague aus Paris zu hören oder um dem Amerikaner Mayer Hawthorne zuzujubeln, der schon »die Currywurst des Soul« genannt wurde ob seiner rustikalen Musikalität.

Het Depot bietet also Raum für vieles, und deshalb ist Mulatu Astatke ganz richtig hier, obschon er vierzig Jahre älter ist als das erwartungsfrohe Publikum. Die Mitte der Bühne gehört seinem Vibrafon. Die wabernd-psychedelische Eröffnung des Abends spielen The Heliocentrics aus London noch ohne ihn – eine Verbeugung der jungen Musiker vor dem Rang und der Klasse ihres äthiopischen Stars.

Man merkt, dass diese sieben mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, Perkussion und Hammondorgel, Trompete und Saxofon laut sein können. Als zum zweiten Stück Mulatu Astatke erscheint und nach den Klöppeln greift, werden sie sofort leiser, um ihn nicht zu überdecken. Sie spielen seine Stücke, die er in den sechziger und siebziger Jahren schrieb und in denen die Musik Ostafrikas zum Westen stieß: Ethio Jazz nennt er diese Jazzarrangements mit lateinamerikanischem Kolorit und äthiopischer Melodik, die nur fünf Noten braucht und so für europäische Ohren manches offenlässt. Die Kompositionen klingen warm, vertraut, als hätte man sie immer schon gekannt, und zugleich wirken sie fremdartig, ja, mysteriös. Eine faszinierende Melange, weit vor dem Stilmix unserer Tage, eine historische Avantgarde, die nach vier Jahrzehnten aktuell und zeitlos erscheint. Dabei ist ihre Ästhetik so unverwechselbar, dass man sie sofort wiedererkennt, wenn man sie einmal gehört hat. Von wie vielen Komponisten und Kompositionen kann man das sagen?

Das junge, lebendige Löwen feiert den feinen, alten Mann aus Afrika und sein dynamisches Ensemble. Auf dieser Bühne, von der Lichtregie getaucht in Sepia, Umbra und Ocker, finden nicht nur die Kontinente zusammen, sondern auch die Generationen. Erst vor einem Jahr war Mulatu Astatke nach jahrzehntelanger Pause in London aufgetreten, und sofort waren junge Hip-Hop-Produzenten zur Stelle, holten die Heliocentrics, die aus dem Funk kommen und sich zwischen James Brown und Sun Ra ins Freie vortasten und ihr Debüt folgerichtig Out There genannt hatten. Sie kannten die Musik Astatkes aus der legendären Ethiopiques- Reihe eines Pariser Musikarchäologen. Im September 2008 probten und arrangierten sie eine Woche lang und stellten die Aufnahmegeräte an. Mit dieser Platte sind sie nun auf Tour.

All das war nicht zu ahnen, als ein halbwüchsiger Äthiopier aus sehr gutem Hause Ende der fünfziger Jahre nach Großbritannien aufs College kam. Er hatte Flugzeugingenieur werden wollen, dann entdeckte ihn die Musik.