Italien Fauler Zauber
Venedig verkommt zur Fassade. 22 Millionen Touristen pro Jahr vertreiben die Einwohner aus ihrer Stadt. Den Bürgermeister schert das wenig. Hilferuf einer Einheimischen.
Reiseleiterin: Do you know Venice?
Touristen (einstimmig): No.
Reiseleiterin: Venice is an island.
Touristen: Oh!
Reiseleiterin: No cars.
Touristen (erschrocken): No cars?
Reiseleiterin: Only boats.
Touristen: Only boats?
Reiseleiterin: Just walking.
Touristen: Oh God!
Wenn man in Venedig lebt, gibt es wenige Dinge, mit denen man sich unbeliebter machen kann als damit, Touristen als Touristen zu schmähen. In Venedig zu wohnen wird als ein so unerhörtes Privileg betrachtet, dass sich jede Klage darüber verbietet.
Und in der Tat betrachte ich noch nach 20 Jahren das Leben hier mit Demut. So ging es mir auch heute früh, als ich schon um sieben Uhr das Haus verließ: Da gehörte die Stadt noch sich selbst, das Pflaster glänzte feucht, und die Tauben saßen als schwarze Federkugeln im Gesims der Arkaden, wo sie von der Wiedereinführung des Taubenfutters am Markusplatz träumten. In der Calle della Mandola räumte mein mürrischer Gemüsehändler seine Obstkisten in das Geschäft, ohne einen Blick auf den Himmel zu verschwenden, der sich rosafarben über die Palazzi wölbte. Die Straßenfeger kratzten mit ihren Reisigbesen über die Marmorplatten, und ein paar Hundebesitzer fielen verschlafen aus der Haustür und liefen mit Zeitungspapier in der Hand hinter ihren Hunden her. Über den Campo Manin, wo noch kein einziger Tourist sein mitgebrachtes Brot auf den Stufen vorm Denkmal des venezianischen Revolutionärs verspeiste, spazierte hoheitsvoll eine Möwe.
Als die Sonne aufging, tauchte sie den Campo, die Straßenfeger und die Marmorbögen der Palazzi in ein unwirkliches Licht, ein goldenes Glühen, in dem die Wolken verdampften, ein Anblick, der fast zu groß war für meine kleine, ungläubige Seele. Und dann kam ich mit meinen Zeitungen nach Hause und musste hören, wie Horch, was kommt von draußen rein, hollahi, hollaho in unsere Wohnung schwappte. Wird wohl mein Feinsliebchen sein, hollahi jaho .
Bis heute Morgen glaubte ich mich einigermaßen gefestigt, was das Liedgut der Gondelfahrer betrifft. Auf unserem Kanal wird von morgens um neun bis abends um elf gesungen und geschunkelt – nicht nur zu Ciao-Venezia-ciao-ciao-ciao , sondern auch zu Hava Nagila oder zu New York, New York . Aber Horch, was kommt von draußen rein hatte ich noch nie gehört. Was auch daran liegen mag, dass die Deutschen bei den Gondelserenaden etwas unterrepräsentiert sind. Ich schloss das Fenster und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch. Worin ein eindeutiges Zeichen der Resignation zu sehen ist: In den ersten Jahren in Venedig habe ich mich damit verausgabt, Wasser auf die Sänger der Gondelserenaden zu schütten. Damals konnte ich auch noch auf die Unterstützung des Conte Marcello zählen, der am selben Kanal wohnt und ebenfalls Wasser hinunterkippte. Regelmäßig rief er das Ordnungsamt an, um sich zu beschweren. Doch inzwischen hat er aufgegeben. Die Frau des Kunsthändlers gegenüber brachte es sogar fertig, kalte Spaghetti auf die Gondelserenadensänger zu werfen. Aber nach ihrem Tod hat der Sohn die Wohnung an Touristen vermietet, und die Touristen stehen am Fenster und winken den Gondelinsassen freundlich zu. An unserem Kanal wohnt fast niemand mehr, das gegenüberliegende Kino hat sich in eine Lounge verwandelt, das benachbarte Anwaltsbüro in eine Locanda, die Kirche am Campo San Fantin wurde mangels Gemeinde geschlossen.
Unweit der Rialtobrücke, am Campo San Bartolomeo, blinken im Fenster der Apotheke Morelli Ziffern auf einer Anzeigetafel. In Hongkong zählte man die letzten Tage als britische Kronkolonie, in Venedig zählt man die letzten Venezianer. Heute morgen waren es noch 60007. Während ich in meinen Reportagen das Verschwinden der Venezianer ebenso folgenlos wie starrköpfig beklagte, verdreifachte sich die Zahl der Touristen. Im letzten Jahrzehnt stieg sie von sieben Millionen auf 22 Millionen. Die Bevölkerung der Stadt hat sich in den letzten 40 Jahren jedoch halbiert. Auf einen wehrlosen Venezianer kommen also 366 sich nach Venedig verzehrende Touristen. Mein Käsehändler verkauft jetzt Eis, der Fleischer Muranoglas, der Buchhändler am Campo San Luca ist auf kunstgewerbliche Töpferwaren umgestiegen. Der Conte Marcello, die Frau des Kunsthändlers und ich, wir waren Widerstandskämpfer. Aber wir haben unsere Schlacht verloren.
- Datum 21.10.2009 - 15:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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Vielleicht wäre ja das Model "Sylt" (das mittlerweile Dank größerer Hotels einen Wandel widerfährt) etwas für Venedig: Einfach die Preise für die Einreise erhöhen! Ein teures Zugticket lässt dann nicht jeden auf die Insel bzw. reguliert: Lässt die Muskelshirt-Touris draußen, die eh nichts kaufen und nur tagsüber bleiben, und macht Venedig mit kaufkräftigen Touristen zu einem mondänen Hot Spot, der eigene Reize entfaltet.
Ja ich weiß, Selektion nach Geldbeutel, aber nützt sonst gegen den Massentourismus? Stellen sie sich die Insel Sylt vor, wenn jeder dort, am besten mit dem PKW, einfach ohne Gebühren über den Damm fahren könnte, da ginge nichts mehr und die jetzt schon einfallenden Tagestouristen würden mit ihren Rucksäcken nur noch MCDonalds überfallen...
Ich denke Venedig sollte wieder das Kulturpublikum ansprechen, das weiß, dass es eine autofreie Insel ist....
Ihr Kommentar legt nahe, dass Luxustourismus nicht schädlich ist für gegebene Strukturen. ABER der Artikel thematisiert aus meiner Sicht zweierlei: a) die Überflutung mit Touristen, die Venedig nicht verkraftet und b) eine Politik des Ausverkaufs und der ungehemmten "bedarfsgerechten" Stilisierung zum Konsumprodukt, auf Kosten gewachsener historischer Strukturen. Zu b) möchte ich Folgendes sagen: jede Stadt braucht Entwicklung, die Frage ist aber, wie erhält man die Identität einer Stadt und wie entwickelt man sie nachhaltig und ökologisch. Ich lebe selbst in einer Stadt in Südeuropa, die eine ähnliche Entwicklung durchleidet, nicht nur aufgrund der Touristen, die man bedienen will, sondern weil das Alte und Historische gering geschätzt wird, auch wirtschaftlich gesehen. Was bringt mehr Geld: ein riesiges Shoppingcenter oder ein paar kleine Handwerker und Gemüseläden? Auch in meiner Stadt verschwindet ein Großteil lokaler Kultur in rasantem Tempo. Investiert wird überwiegend in Luxuswohnungen, und Luxushotel um Luxushotel entsteht - alles wird schick und aufpoliert (und verflacht!). Die Stadt verliert zunehmend ihre Konturen und ihre Persönlichkeit. Es gibt sie noch, aber es wird eifrig daran gearbeitet, sie zum Verschwinden zu bringen. Das Phänomen, das Petra Reski beschreibt, ist in Venedig vielleicht besonders deutlich sichtbar, bedroht aber eine Vielzahl von Städten.
Die ganze Welt geht zugrunde.
Was genau beklagt denn dieses allochthone Fossil namens Petra Reski?
Dass Casanova nicht mehr kommt, um ihr die Aufwartung zu machen?
Sie nicht mehr ungestört in „Venetian Style“ von der Calatrava pinkeln kann?
Zeitgenössische Welt-Kunst und deren offenherzige und immens großzügige Förderer, die sie nicht mehr versteht, an den sublokalen Pranger zu stellen?
Es ist in diesem Kontext so billig, die Millionen zahlender Gäste (wozu auch ich seit Jahrenden gehöre) pauschal als „Sargnägel“ Venedigs zu denunzieren. In Wirklichkeit sind wir es (und sicher auch die ernsthafte und ehrenwerte Amtsführung von Bürgermeister Prof. Massimo Cacciari), die Venedig Vision und Arbeit und (globalisierten!) Sinn geben.
Wie bei uns jezze in Hamburg – „Gänge-Viertel wird platt-gemacht“, ein Lamento untergehender Kultur. Nein – ein sich metamorphosierendes Quartier! Ewig gestrige Latifundien-Verteidiger (wie z.B. die unsägliche Petra Reski ) im Gegensatz zu einer sich öffnenden und lernenden und Pluralen Gemeinschaft.
Petra Reski - Go Home! Weil: Venedig muss eine Zukunft haben! Importierte Bedenkenträger: IHR seid faul(ig) – nicht der Zauber Venedigs…
Weil es Menschen gibt die abseits von Dummheit und Konsum leben möchten? Ist das so schlimm?
Ich verstehe vielleicht. Leute wie Sie produzieren und alle anderen sollen froh sein, konsumieren und keine Fragen stellen. Wünschen Sie sich die Welt wirklich auf solch einem tiefen Niveau? Und, ist es Ihr höchstes Glück, an sich selbst zu fummeln, geistig oder körperlich?
natürlich nicht den Grund Ihres heraufbeschworenen Scherbengerichts. Dass Sie sachlich keine Nuance außer dem Erkenntnisgewinn bezüglich physiologischer Usancen beitragen, läßt allerdings einiges vermuten.
Nicht umsonst sagt man: "Gatta ci cova", da brütet wer was aus. Cova eben.
Weil es Menschen gibt die abseits von Dummheit und Konsum leben möchten? Ist das so schlimm?
Ich verstehe vielleicht. Leute wie Sie produzieren und alle anderen sollen froh sein, konsumieren und keine Fragen stellen. Wünschen Sie sich die Welt wirklich auf solch einem tiefen Niveau? Und, ist es Ihr höchstes Glück, an sich selbst zu fummeln, geistig oder körperlich?
natürlich nicht den Grund Ihres heraufbeschworenen Scherbengerichts. Dass Sie sachlich keine Nuance außer dem Erkenntnisgewinn bezüglich physiologischer Usancen beitragen, läßt allerdings einiges vermuten.
Nicht umsonst sagt man: "Gatta ci cova", da brütet wer was aus. Cova eben.
Weil es Menschen gibt die abseits von Dummheit und Konsum leben möchten? Ist das so schlimm?
Ich verstehe vielleicht. Leute wie Sie produzieren und alle anderen sollen froh sein, konsumieren und keine Fragen stellen. Wünschen Sie sich die Welt wirklich auf solch einem tiefen Niveau? Und, ist es Ihr höchstes Glück, an sich selbst zu fummeln, geistig oder körperlich?
teilt das Schicksal vieler Touristenpole, in Europa etwa Mont Saint Michel, der schon lange mehr einen Trampelpfad denn Pilgerweg zum Kloster hinauf hat oder Rothenburg ob der Tauber, das Freilichtmuseum par excellence. Solch eine Entwicklung ist weder Schicksalsschlag noch Verantwortung einer einzelnen Person. Immerhin regiert nicht der Bürgermeister, sondern der Consiglio comunale, mithin der Stadtrat. Cacciari war auch nicht nur kurzzeitig vom Amt abwesend, wie der Artikel anklingen lässt, sondern er bekleidete es von 1993 bis 2000, sodann wieder seit 2005. In seiner Abwesenheit fielen einige der Entscheidungen, die im Artikel kritisiert werden. Das Projekt Mosè, vergleichbar mit dem überaus erfolgreichen Rotterdamer Maeslant-Flutwehr, ist zudem eines der italienischen Regierung, der Entscheidung des Gemeinderates längst entzogen.
Venedig hat, wie andere Touristenattraktionen (Rom, Florenz, Pisa) in Italien seine ruhigen Ecken. Dorthin Gemüseläden per Ordre Mufti herbei zu sehnen, ist eine etwas bizarre Wunschvorstellung. Viel gravierender ist, dass die Stadt für junge Menschen, insbesondere junge Familien einfach mehr kein lebensfähiges Pflaster mehr ist. Erschwingliche Wohnungen, Freiräume für Kinder, schulische Infrastruktur sind der wahre Nährboden auf dem Bevölkerung wächst, nicht dieses seltsam schwiemelnd Nostalgische nach heiler Welt. Ästhetisch lebt Venedig da eher vom Morbiden, bei Luchino Visconti angefangen und bei der Kulturkatastrophe La Fenice aufgehört.
natürlich nicht den Grund Ihres heraufbeschworenen Scherbengerichts. Dass Sie sachlich keine Nuance außer dem Erkenntnisgewinn bezüglich physiologischer Usancen beitragen, läßt allerdings einiges vermuten.
Nicht umsonst sagt man: "Gatta ci cova", da brütet wer was aus. Cova eben.
Bravissimo Signora Reski!
Venedig soll bleiben was es immer war: ein abschreckendes
Beispiel für den Rest der Welt.
Als beeindruckendes Exempel dafür, wie es einer Minderheit
gelingt die Mehrheit zu ver[...]!
[entfernt. Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigteren Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
Die Nobili von heute, die Commercianti, Gastrononen,
Hoteliers, Taxifahrer und Gondolieri leben prächtig vom
vom Kondolenzbesuch der Millionen die Abschied nehmen von der Leiche Venedig und engagieren Klageweiber, wie Sie gentilissima Sig.ra,
sobald Gefahr besteht, dass die Situation sich ändert.
Also auf Reede mit den fremden Hotelrestaurants der Kreuzfahrt
Schiffe. Wir booten und nehmen die Reisenden aus, so wie wir es immer gemacht haben. In die Bleikammern wer daran rüttelt.
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