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Ort: der Flughafen von Venedig
Personen: eine Reiseleiterin, zwei Touristen.
Die Reiseleiterin hat die Touristen gerade am Flughafen abgeholt. Jetzt begleitet sie die beiden im Laufschritt zum Anleger des Wasserbusses.

Reiseleiterin: Do you know Venice?
Touristen (einstimmig): No.
Reiseleiterin: Venice is an island.
Touristen: Oh!
Reiseleiterin: No cars.
Touristen (erschrocken): No cars?
Reiseleiterin: Only boats.
Touristen: Only boats?
Reiseleiterin: Just walking.
Touristen: Oh God!

Wenn man in Venedig lebt, gibt es wenige Dinge, mit denen man sich unbeliebter machen kann als damit, Touristen als Touristen zu schmähen. In Venedig zu wohnen wird als ein so unerhörtes Privileg betrachtet, dass sich jede Klage darüber verbietet.

Und in der Tat betrachte ich noch nach 20 Jahren das Leben hier mit Demut. So ging es mir auch heute früh, als ich schon um sieben Uhr das Haus verließ: Da gehörte die Stadt noch sich selbst, das Pflaster glänzte feucht, und die Tauben saßen als schwarze Federkugeln im Gesims der Arkaden, wo sie von der Wiedereinführung des Taubenfutters am Markusplatz träumten. In der Calle della Mandola räumte mein mürrischer Gemüsehändler seine Obstkisten in das Geschäft, ohne einen Blick auf den Himmel zu verschwenden, der sich rosafarben über die Palazzi wölbte. Die Straßenfeger kratzten mit ihren Reisigbesen über die Marmorplatten, und ein paar Hundebesitzer fielen verschlafen aus der Haustür und liefen mit Zeitungspapier in der Hand hinter ihren Hunden her. Über den Campo Manin, wo noch kein einziger Tourist sein mitgebrachtes Brot auf den Stufen vorm Denkmal des venezianischen Revolutionärs verspeiste, spazierte hoheitsvoll eine Möwe.

Als die Sonne aufging, tauchte sie den Campo, die Straßenfeger und die Marmorbögen der Palazzi in ein unwirkliches Licht, ein goldenes Glühen, in dem die Wolken verdampften, ein Anblick, der fast zu groß war für meine kleine, ungläubige Seele. Und dann kam ich mit meinen Zeitungen nach Hause und musste hören, wie Horch, was kommt von draußen rein, hollahi, hollaho in unsere Wohnung schwappte. Wird wohl mein Feinsliebchen sein, hollahi jaho .

Bis heute Morgen glaubte ich mich einigermaßen gefestigt, was das Liedgut der Gondelfahrer betrifft. Auf unserem Kanal wird von morgens um neun bis abends um elf gesungen und geschunkelt – nicht nur zu Ciao-Venezia-ciao-ciao-ciao , sondern auch zu Hava Nagila oder zu New York, New York . Aber Horch, was kommt von draußen rein hatte ich noch nie gehört. Was auch daran liegen mag, dass die Deutschen bei den Gondelserenaden etwas unterrepräsentiert sind. Ich schloss das Fenster und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch. Worin ein eindeutiges Zeichen der Resignation zu sehen ist: In den ersten Jahren in Venedig habe ich mich damit verausgabt, Wasser auf die Sänger der Gondelserenaden zu schütten. Damals konnte ich auch noch auf die Unterstützung des Conte Marcello zählen, der am selben Kanal wohnt und ebenfalls Wasser hinunterkippte. Regelmäßig rief er das Ordnungsamt an, um sich zu beschweren. Doch inzwischen hat er aufgegeben. Die Frau des Kunsthändlers gegenüber brachte es sogar fertig, kalte Spaghetti auf die Gondelserenadensänger zu werfen. Aber nach ihrem Tod hat der Sohn die Wohnung an Touristen vermietet, und die Touristen stehen am Fenster und winken den Gondelinsassen freundlich zu. An unserem Kanal wohnt fast niemand mehr, das gegenüberliegende Kino hat sich in eine Lounge verwandelt, das benachbarte Anwaltsbüro in eine Locanda, die Kirche am Campo San Fantin wurde mangels Gemeinde geschlossen.

Unweit der Rialtobrücke, am Campo San Bartolomeo, blinken im Fenster der Apotheke Morelli Ziffern auf einer Anzeigetafel. In Hongkong zählte man die letzten Tage als britische Kronkolonie, in Venedig zählt man die letzten Venezianer. Heute morgen waren es noch 60007. Während ich in meinen Reportagen das Verschwinden der Venezianer ebenso folgenlos wie starrköpfig beklagte, verdreifachte sich die Zahl der Touristen. Im letzten Jahrzehnt stieg sie von sieben Millionen auf 22 Millionen. Die Bevölkerung der Stadt hat sich in den letzten 40 Jahren jedoch halbiert. Auf einen wehrlosen Venezianer kommen also 366 sich nach Venedig verzehrende Touristen. Mein Käsehändler verkauft jetzt Eis, der Fleischer Muranoglas, der Buchhändler am Campo San Luca ist auf kunstgewerbliche Töpferwaren umgestiegen. Der Conte Marcello, die Frau des Kunsthändlers und ich, wir waren Widerstandskämpfer. Aber wir haben unsere Schlacht verloren.