Italien Fauler ZauberSeite 3/3

»Alle reden hier davon, den Touristenfluss zu dezentralisieren, um den Markusplatz zu entlasten«, sagt Chiara Barbieri, die Sprecherin der Initiative. Dabei gehe es eigentlich darum, den Gedankenfluss zu ordnen. Als ich die schöne 40-Jährige, die aussieht, als sei sie einer Erzählung von Giorgio Bassani entstiegen, zum ersten Mal auf dem Campo San Barnabà traf, erkannten wir uns sofort: Venezianer identifiziert man anhand ihres zielstrebigen Gangs und daran, dass sie weder Mineralwasserflaschen noch Fotoapparate in der Hand halten. Dass sie keine Badelatschen tragen, sondern Lederschuhe. Stoffhosen statt Bermudas. Jacketts statt Muscle-Shirts.

Die 40xVenezia waren die Einzigen, die Cacciaris Marktwirtschaftstheorie zurechtrückten und öffentlich darauf verwiesen, dass die Stadt bei jedem Verkauf eines Gebäudes ein Einspruchsrecht hat: So hätte der Bürgermeister sehr wohl darauf beharren können, dass ein Teil des Fondaco dei Tedeschi weiterhin als Post benutzt wird. Zusammen mit Umweltschützern protestierte die Bürgerinitiative gegen die Kreuzfahrtschiffe mit ihren 1,2 Millionen Touristen pro Jahr. Die Luxusliner belasten Venedig nicht nur mit Feinstaub und Dioxin, sondern lösen auch enorme Wasserbewegungen aus und bringen durch die ständig laufenden Motoren ganze Stadtviertel zum Zittern. Trotzdem beabsichtigt die Stadtverwaltung, den Hafen ausbauen zu lassen. Ein neues Kreuzfahrtterminal ist geplant.

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Venedig ist eine Nutte, sagt mein Freund Alberto, eine ganz billige Nutte! Alberto ist Fischer, ein Fischer, der Kafka und Dostojewskij liest und der einen Hang zu klaren Worten hat. Als ich das letzte Mal mit ihm in der Lagune unterwegs war, hat er mir die Baustelle der Hochwasserschleuse Mose gezeigt, die Venedig vor steigenden Pegelständen schützen soll und vor den Wassermassen, die moderne Kreuzfahrtschiffe in die Kanäle drängen. Doch Alberto hat mir erklärt, wie sich bereits jetzt, nach den ersten Bauarbeiten, die Strömungsverhältnisse in der Lagune geändert haben. Da, wo die Schleuse entstehen soll, wurde der Grund von neun auf 27 Meter ausgebaggert, seitdem schießt das Meer ungebremst in die Lagune – und mit ihm kommen die Ausflugsboote von den Adriastränden, die Tausende von Tagestouristen in die Stadt bringen. Sie rasten an uns vorbei, brachten Albertos Boot fast zum Kentern, und Alberto schrie in die Bugwellen: »Das Geld hat sie alle verrückt gemacht!« Aber man konnte ihn nicht hören, obwohl seine Stimme eigentlich gewaltig ist.

Wir legten kurz in Sant’Erasmo an, wo ein tätowierter Barmann in der Bar Tedeschi singenden Säufern Prosecco serviert, seit 1946, wie das Schild über der Tür verrät. Vor dem schmalen Strand, der nur bei Ebbe sichtbar ist, ankerten Boote mit Venezianern. Frauen mit riesigen Büstenhaltern sonnten sich auf dem Deck, während ihre Männer auf den Sandbänken nach Venusmuscheln suchten.

Als es dämmerte, fuhren wir zurück in die Stadt. Alberto war für seine Verhältnisse recht schweigsam. Wir kamen am Ufer unweit des Dogenpalastes vorbei, Venedig sah aus wie ein überfülltes Floß. Die Tagestouristen strömten zu den Ausflugsbooten zurück. Ein Riesenplakat an der Seufzerbrücke warb für Chopard, über das Baugerüst des Dogenpalastes zog sich eine Werbefläche, auf der eine Frau mit Diamantencollier abgebildet war. Und gegenüber, an der Seite der Biblioteca Marciana, wölbte sich ein Hintern für die Guess-Werbung. Mit den Reklameeinnahmen will die Stadtverwaltung die Sanierung verfallener Fassaden finanzieren. »Ist dies das Ende?«, fragte ich Alberto. »Oder kommt alles ganz anders?« Schließlich hat Venedig bereits die napoleonische Eroberung und die österreichische Besatzung überlebt. Warum nicht auch ein paar fehlgeleitete Stadtplaner und einen selbstherrlichen Bürgermeister?

Alberto schwieg.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Vielleicht wäre ja das Model "Sylt" (das mittlerweile Dank größerer Hotels einen Wandel widerfährt) etwas für Venedig: Einfach die Preise für die Einreise erhöhen! Ein teures Zugticket lässt dann nicht jeden auf die Insel bzw. reguliert: Lässt die Muskelshirt-Touris draußen, die eh nichts kaufen und nur tagsüber bleiben, und macht Venedig mit kaufkräftigen Touristen zu einem mondänen Hot Spot, der eigene Reize entfaltet.
    Ja ich weiß, Selektion nach Geldbeutel, aber nützt sonst gegen den Massentourismus? Stellen sie sich die Insel Sylt vor, wenn jeder dort, am besten mit dem PKW, einfach ohne Gebühren über den Damm fahren könnte, da ginge nichts mehr und die jetzt schon einfallenden Tagestouristen würden mit ihren Rucksäcken nur noch MCDonalds überfallen...
    Ich denke Venedig sollte wieder das Kulturpublikum ansprechen, das weiß, dass es eine autofreie Insel ist....

  2. Ihr Kommentar legt nahe, dass Luxustourismus nicht schädlich ist für gegebene Strukturen. ABER der Artikel thematisiert aus meiner Sicht zweierlei: a) die Überflutung mit Touristen, die Venedig nicht verkraftet und b) eine Politik des Ausverkaufs und der ungehemmten "bedarfsgerechten" Stilisierung zum Konsumprodukt, auf Kosten gewachsener historischer Strukturen. Zu b) möchte ich Folgendes sagen: jede Stadt braucht Entwicklung, die Frage ist aber, wie erhält man die Identität einer Stadt und wie entwickelt man sie nachhaltig und ökologisch. Ich lebe selbst in einer Stadt in Südeuropa, die eine ähnliche Entwicklung durchleidet, nicht nur aufgrund der Touristen, die man bedienen will, sondern weil das Alte und Historische gering geschätzt wird, auch wirtschaftlich gesehen. Was bringt mehr Geld: ein riesiges Shoppingcenter oder ein paar kleine Handwerker und Gemüseläden? Auch in meiner Stadt verschwindet ein Großteil lokaler Kultur in rasantem Tempo. Investiert wird überwiegend in Luxuswohnungen, und Luxushotel um Luxushotel entsteht - alles wird schick und aufpoliert (und verflacht!). Die Stadt verliert zunehmend ihre Konturen und ihre Persönlichkeit. Es gibt sie noch, aber es wird eifrig daran gearbeitet, sie zum Verschwinden zu bringen. Das Phänomen, das Petra Reski beschreibt, ist in Venedig vielleicht besonders deutlich sichtbar, bedroht aber eine Vielzahl von Städten.

  3. Die ganze Welt geht zugrunde.

    • Kowa
    • 26.10.2009 um 23:52 Uhr

    Was genau beklagt denn dieses allochthone Fossil namens Petra Reski?
    Dass Casanova nicht mehr kommt, um ihr die Aufwartung zu machen?
    Sie nicht mehr ungestört in „Venetian Style“ von der Calatrava pinkeln kann?
    Zeitgenössische Welt-Kunst und deren offenherzige und immens großzügige Förderer, die sie nicht mehr versteht, an den sublokalen Pranger zu stellen?
    Es ist in diesem Kontext so billig, die Millionen zahlender Gäste (wozu auch ich seit Jahrenden gehöre) pauschal als „Sargnägel“ Venedigs zu denunzieren. In Wirklichkeit sind wir es (und sicher auch die ernsthafte und ehrenwerte Amtsführung von Bürgermeister Prof. Massimo Cacciari), die Venedig Vision und Arbeit und (globalisierten!) Sinn geben.
    Wie bei uns jezze in Hamburg – „Gänge-Viertel wird platt-gemacht“, ein Lamento untergehender Kultur. Nein – ein sich metamorphosierendes Quartier! Ewig gestrige Latifundien-Verteidiger (wie z.B. die unsägliche Petra Reski ) im Gegensatz zu einer sich öffnenden und lernenden und Pluralen Gemeinschaft.
    Petra Reski - Go Home! Weil: Venedig muss eine Zukunft haben! Importierte Bedenkenträger: IHR seid faul(ig) – nicht der Zauber Venedigs…

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    Weil es Menschen gibt die abseits von Dummheit und Konsum leben möchten? Ist das so schlimm?
    Ich verstehe vielleicht. Leute wie Sie produzieren und alle anderen sollen froh sein, konsumieren und keine Fragen stellen. Wünschen Sie sich die Welt wirklich auf solch einem tiefen Niveau? Und, ist es Ihr höchstes Glück, an sich selbst zu fummeln, geistig oder körperlich?

    natürlich nicht den Grund Ihres heraufbeschworenen Scherbengerichts. Dass Sie sachlich keine Nuance außer dem Erkenntnisgewinn bezüglich physiologischer Usancen beitragen, läßt allerdings einiges vermuten.
    Nicht umsonst sagt man: "Gatta ci cova", da brütet wer was aus. Cova eben.

    Weil es Menschen gibt die abseits von Dummheit und Konsum leben möchten? Ist das so schlimm?
    Ich verstehe vielleicht. Leute wie Sie produzieren und alle anderen sollen froh sein, konsumieren und keine Fragen stellen. Wünschen Sie sich die Welt wirklich auf solch einem tiefen Niveau? Und, ist es Ihr höchstes Glück, an sich selbst zu fummeln, geistig oder körperlich?

    natürlich nicht den Grund Ihres heraufbeschworenen Scherbengerichts. Dass Sie sachlich keine Nuance außer dem Erkenntnisgewinn bezüglich physiologischer Usancen beitragen, läßt allerdings einiges vermuten.
    Nicht umsonst sagt man: "Gatta ci cova", da brütet wer was aus. Cova eben.

  4. Weil es Menschen gibt die abseits von Dummheit und Konsum leben möchten? Ist das so schlimm?
    Ich verstehe vielleicht. Leute wie Sie produzieren und alle anderen sollen froh sein, konsumieren und keine Fragen stellen. Wünschen Sie sich die Welt wirklich auf solch einem tiefen Niveau? Und, ist es Ihr höchstes Glück, an sich selbst zu fummeln, geistig oder körperlich?

    Antwort auf "Nicht schon wieder ..."
  5. teilt das Schicksal vieler Touristenpole, in Europa etwa Mont Saint Michel, der schon lange mehr einen Trampelpfad denn Pilgerweg zum Kloster hinauf hat oder Rothenburg ob der Tauber, das Freilichtmuseum par excellence. Solch eine Entwicklung ist weder Schicksalsschlag noch Verantwortung einer einzelnen Person. Immerhin regiert nicht der Bürgermeister, sondern der Consiglio comunale, mithin der Stadtrat. Cacciari war auch nicht nur kurzzeitig vom Amt abwesend, wie der Artikel anklingen lässt, sondern er bekleidete es von 1993 bis 2000, sodann wieder seit 2005. In seiner Abwesenheit fielen einige der Entscheidungen, die im Artikel kritisiert werden. Das Projekt Mosè, vergleichbar mit dem überaus erfolgreichen Rotterdamer Maeslant-Flutwehr, ist zudem eines der italienischen Regierung, der Entscheidung des Gemeinderates längst entzogen.
    Venedig hat, wie andere Touristenattraktionen (Rom, Florenz, Pisa) in Italien seine ruhigen Ecken. Dorthin Gemüseläden per Ordre Mufti herbei zu sehnen, ist eine etwas bizarre Wunschvorstellung. Viel gravierender ist, dass die Stadt für junge Menschen, insbesondere junge Familien einfach mehr kein lebensfähiges Pflaster mehr ist. Erschwingliche Wohnungen, Freiräume für Kinder, schulische Infrastruktur sind der wahre Nährboden auf dem Bevölkerung wächst, nicht dieses seltsam schwiemelnd Nostalgische nach heiler Welt. Ästhetisch lebt Venedig da eher vom Morbiden, bei Luchino Visconti angefangen und bei der Kulturkatastrophe La Fenice aufgehört.

  6. natürlich nicht den Grund Ihres heraufbeschworenen Scherbengerichts. Dass Sie sachlich keine Nuance außer dem Erkenntnisgewinn bezüglich physiologischer Usancen beitragen, läßt allerdings einiges vermuten.
    Nicht umsonst sagt man: "Gatta ci cova", da brütet wer was aus. Cova eben.

    Antwort auf "Nicht schon wieder ..."
  7. Bravissimo Signora Reski!
    Venedig soll bleiben was es immer war: ein abschreckendes
    Beispiel für den Rest der Welt.
    Als beeindruckendes Exempel dafür, wie es einer Minderheit
    gelingt die Mehrheit zu ver[...]!
    [entfernt. Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigteren Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
    Die Nobili von heute, die Commercianti, Gastrononen,
    Hoteliers, Taxifahrer und Gondolieri leben prächtig vom
    vom Kondolenzbesuch der Millionen die Abschied nehmen von der Leiche Venedig und engagieren Klageweiber, wie Sie gentilissima Sig.ra,
    sobald Gefahr besteht, dass die Situation sich ändert.
    Also auf Reede mit den fremden Hotelrestaurants der Kreuzfahrt
    Schiffe. Wir booten und nehmen die Reisenden aus, so wie wir es immer gemacht haben. In die Bleikammern wer daran rüttelt.

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