Gold wert, so ein Balkon an einem Wirtshaus, auch wenn er so schmal ist, dass sich die Patronin zwischen den Zweiertischen und der warmen Mauer durchquetschen muss. Der Meersburger Becher, dieses Urbild eines Gasthauses, hat uns verschluckt. 15 Stufen über dem Kopfsteinpflaster der Altstadt haben wir den ersten Kontakt mit dem Seewein: Spätburgunder Weißherbst, der uns aus angeschlagenen Römern anlacht. Das ist er also, der »Seewein«, wie die Bodensee-Alemannen ihn nennen. Auf dem Weg zum Becher haben wir schon das Defilee der Rebzeilen abgenommen, die steil zum See hin abfallen. Doch nun heißt es Serviette umbinden. Andere Leute springen in den See, um ihn zu genießen, wir essen erst einmal einen Felchen. Felchen, das sind nicht nur die besten Bodenseefische, sondern auch die besten Partner des Seeweins.

Der wächst in einem halb vergessenen Winkel des Weinbaugebiets Baden, der gerade mal 500 Hektar Rebfläche umfasst. Weitab von Kaiserstuhl und Markgräflerland hat der Seewein seine eigene Ausdrucksform gefunden – einzigartig schon darum, weil der deutsche Wein ja sonst immer nah am Wasser von Flüssen gebaut ist. Am schönsten lässt sich das Seeweingefühl bei einer kurzen Radtour entlang der Uferpromenade erleben, die von der Meersburger Altstadt zum Weingut Aufricht führt. Der lichtdurchflutete, aufgeständerte Probierraum aus Beton, Holz und Glas lädt nicht nur die Radler ein, sondern auch Wanderer und natürlich die »Seehasen«, wie die Einheimischen sich nennen.

Die Aufrichts setzen sich wohltuend von der verbreiteten biederen Probierstubenatmosphäre ab – und so frisch, wie die Architektur ist, so sind auch ihre Weine: elegant, frei und ein wenig luftig. Zwei Brüder, Manfred und Robert, kümmern sich um den Betrieb. Ihr Vater hat nach dem Krieg die Weingärten in Stadtnähe gegen die am See getauscht – der Wechselkurs war günstig damals. Und so erfreuen sich die beiden an 27 Hektar Rebfläche in schönster Lage. Jedenfalls so lange, wie Trauben an den Reben hängen. Robert Aufricht erinnert sich genau an die Geschwindigkeit, mit der am 26. Mai dieses Jahres ein Hagelsturm vom Himmel peitschte: 160 Stundenkilometer. In seiner Gewalt schlug er ab, was sich ihm in den Weg stellte – Blätter, Knospen, Blüten, ja sogar das junge Holz. »Das war für uns der Schwarze Freitag und 9/11 auf einmal.«

Beim Wetter ist der See launisch; und nicht alles, was die Touristen anlockt, ist auch dem Weinbau förderlich. Aber die Reben wachsen aus gutem Grund hier, immerhin ist dies einer lichtintensivsten Flecken Deutschlands. Dank der Höhe – die Rebflächen liegen auf mindestens 300 Metern über dem Meeresspiegel – fallen die Weine hier leichter aus als sonst in Baden. Aufrichts Müller-Thurgau schmeckt fein und schlank, während der Weißburgunder einen profilierten, lang anhaltenden Geschmack von Äpfeln, Minze und Kräutern und einen feinen Birnenduft bietet. Vom Weingut aus kann man fast in den See spucken; die letzten Reben wurzeln beinahe im Wasser. Die Oberfläche reflektiert das Sonnenlicht. Das hilft bei der Traubenreife. »Im Sommer können wir bei der Arbeit zwischendurch mal die Badehose anziehen und in den See steigen«, sagt Manfred Aufricht.

Die Schnellfähre Meersburg–Konstanz ist ein Stück schwimmende Bundesstraße. Vor uns tauchen die Konturen des Südufers aus dem Morgendunst auf. Unser nächstes Ziel ist der Untersee mit der Reichenau, der größten Insel im Schwäbischen Meer. »Insel« trifft es nicht mehr ganz, denn seit 1838 erreicht man sie über einen Damm. Rechts und links der Landstraße, die über den buckeligen Inselrücken führt, sprießt es grün aus der Erde. Fruchtbarer Boden und ein wohltemperierter Alpenföhn ermöglichen bis zu drei Gemüseernten im Jahr. Jedes Fleckchen Erde wird genutzt – Fenchel bis zum Straßengraben, ein bunter Mix aus Batavia, Romana, Lollo Rosso steht neben deutschem Kopfsalat. Das Geschäft ist so lukrativ, dass der Wein auf der Reichenau fast schon verschwunden war. Mittlerweile hat sich die Rebfläche bei 17 Hektar stabilisiert, die sich die 53 Mitglieder des Winzervereins teilen, Weinbau en miniature.

Leicht zu finden ist sie nicht, die kleinste Winzergenossenschaft Badens. Sie versteckt sich an der Rückseite des frühromanischen Münsters, dort, wo die Reichenauer zur letzten Ruhe gebettet werden. Im 800 Jahre alten Weingewölbe wartet Gerhard Deggelmann auf uns. Mit seinen Kollegen arbeitet er unermüdlich daran, einen der besten deutschen Müller-Thurgaus in die Flasche zu bringen. Stolz erzählt der von weißen Locken gekrönte Geschäftsführer, dass er den Mitgliedern für ihre Trauben die höchsten Preise in ganz Baden zahlt.

Auf dem Weg zurück zum Festland ist der Fenchel noch ein Stück gewachsen. Wir sind auf dem Weg zum Nordufer, wo die Rebhänge optimal zur Sonne stehen und wo deshalb am meisten Wein wächst. Die Winzer dort haben ihre Trauben früher schon mal mit dem Boot zu ihren Kellern geschippert, statt beschwerlich mit dem Ochsenkarren über holprige Pfade zu rumpeln. Auf dem Weingut Markgraf von Baden war das natürlich nie ein Thema, denn es liegt im ehemaligen Kloster Salem rund 15 Kilometer vom Ufer entfernt. Das Weingut bewirtschaftet heute 110 Hektar beste Lagen und ist der größte Weinerzeuger der Gegend. Aber ein Adelspatent und ein historischer Keller ergeben nicht automatisch guten Wein. Darum arbeitet man neuerdings an Vorzeigequalitäten aus stark selektierten Trauben. Ein mühsamer Weg, denn die Stammkunden decken sich in der großzügigen Vinothek noch immer mit mildem Weißherbst und noch milderem Rotwein ein. Dabei gibt es hier doch vor allem einen ausgezeichneten Weißwein: den Müller-Thurgau aus der Lage Birnauer Kirchhalde. Mit seiner Nuance von Mandarinenschale zum Apfelduft wirkt er beinah exotisch.