Schon 1925 haben die Markgrafen die ersten Stöcke der genügsamen Neuzüchtung gepflanzt. Heute ist sie die Referenzsorte der Region. Die warmen Tage, aber mehr noch die kühlen Nächte im Spätsommer sorgen für eine ziselierte Fruchtsäure. Volker Faust, der technische Betriebsleiter, hat eine besondere Beziehung zum Müller-Thurgau: »Der Müller ist schon eine tragische Sorte. In anderen Regionen wird er in viel zu üppigem Klima kultiviert und dann noch auf Höchsterträge getrimmt.« So wurde er zum Inbegriff für parfümierten Massenwein, der für kleinstes Geld unter die Leute gebracht wurde, bis ihn keiner mehr haben wollte. »Unter dem Namen Rivaner versucht man jetzt ein Comeback«, sagt Faust. »Aber solang sich an den Anbaumethoden nichts ändert, bleibt das ein Rohrkrepierer.«

Die Meersburger haben ihn, die Reichenauer und auch der Markgraf von Baden. Der Wein gehört einfach zum See. Aber gedeiht er wirklich überall? Um das zu erfahren, fahren wir an Friedrichshafen vorbei zum bayerischen Zipfel des Sees. Sofort nach dem Grenzübertritt in den Freistaat wuchert uns Pflanzenpracht von den Balkonen entgegen. Der Weinbau jedoch lag brach – seit einem verheerenden Frost 1956. Mittlerweile wachsen wieder auf rund 50 Hektar Reben. Es war Ulrich Höscheler, der Ende der sechziger Jahre kam und pflanzte. »Zusammen mit ein paar Kollegen habe ich den Weinbau wieder zum Leben erweckt«, sagt der Pionier vom Weingut Rebhof in Nonnenhorn, »seitdem müssen wir nicht mehr neidisch nach Baden schauen.« Er schenkt uns von seinem frischen Müller ein. Der wird von seiner Tochter vinifiziert, die mit ihrem Mann eine alte Käserei zu einem hochmodernen Garagenweingut mit integriertem Kunstatelier ausgebaut hat. Ferienwohnungen gibt es auch – inklusive hauseigenem Badestrand. Abends stolpert man nur über die Straße zu einer der Rädlewirtschaften.

Bei Reinhard Marte in der Sonnenbichlstraße können die Weinbeißer ihre Sehnsucht nach Karotischdecken, Holzgestühl und deftigen Kleinigkeiten aus Muttis Küche stillen. Ob in Badehose, Radlerdress oder Trachtenjanker, alle kommen hier im Geist des Weins zusammen, ein Ort ohne Etikette also, doch auch ohne Felchen. Zum Glück gibt es um die Ecke die Fischerei Kapfhammer, wo einer der letzten Bodensee-Berufsfischer außer Felchen und Egli (die hier Kretzer heißen) auch noch Aal, Hecht und Zander verkauft.

Der See ist nicht lieb. Das wissen die Winzer so gut wie die Fischer. Am Abend in Langenargen kommt urplötzlich ein Sturm auf. Vom Schweizer Säntis, dem Hausberg am Bodensee, fahren bleigraue Wolken herab. In meterhohen Fontänen schießt das Seewasser über den Pier. Erstaunlich, dass es in diesem feuchten Klima, das Rebkrankheiten begünstigt, auch Biowinzer gibt. Wir besuchen die Familie Haug, die zwei ungewöhnliche Sorten anpflanzt, die weiße Solaris und die rote Maréchal Foch. Die eine klingt nach Krieg der Sterne, die andere nach Erstem Weltkrieg. In der Tat kämpfen die Winzer am See Jahr für Jahr gegen die Pilze. Diese beiden widerstandsfähigen Rebsorten sind die Wunderwaffen der Haugs. »Seit wir sie anbauen, brauchen wir kaum mehr Spritzmittel«, sagt Claudius Haug. Da kann er seine Reben in der Lindauer Spitalhalde sogar auf knapp 500 Meter Höhe klettern lassen.

Hoch oben genießen wir den weiten Blick ins Bodenseeland im Dreiländereck. Ein kleines Wunder, dass die Trauben auf dem Berg reif werden, aber der Wärme speichernde See macht eben auch das möglich. 500 Meter – so hoch oben wächst kein anderer Wein in Deutschland. Der Bodensee bringt zusammen, was sonst weit auseinanderliegt: das Meer und die Berge, die Fische und den Wein.

Information Bodensee

Wein: Weingut Robert und Manfred Aufricht, Höhenweg 8, Meersburg-Stetten, Tel. 07532/2427, www.aufricht.de

Weingut Markgraf von Baden, Salem, Tel. 07553/81284, www.markgraf-von-baden.de

Weingut Rebhof, Conrad-Forster-Straße 23, Nonnenhorn, Tel. 08382/8140, www.rebhof-am-see.de

Weingut Haug, Kellereiweg 19, Lindau, Tel. 08382/5466, www.weingut-haug.de

Winzerverein Reichenau eG, Münsterplatz 4, Reichenau, Tel. 07534/293, www.winzerverein-reichenau.de

Winzerstube zum Becher, Höllgasse 4, Meersburg, Tel. 07532/ 9009, www.zumbecher.de

Fischerei: Karl Kapfhammer, Sonnenbichlstraße 15, Nonnenhorn, Tel. 08382/8271

Auskunft: Internationale Bodensee Tourismus GmbH, Tel. 07531/909490, www.bodensee.eu