Traurige Gestalt: Michelle Williams als Wendy im Kinofilm "Wendy und Lucy" © dpa

Das Genre des Road-Movies hat viele Facetten: Helden sind auf der Flucht oder auf der Suche nach sich selbst oder nach neuen Abenteuern, oder sie finden sich, wie bei Jim Jarmusch, in melancholischer Ereignislosigkeit. Manchmal sind die Helden am Ende klüger, manchmal auch tot. Kelly Reichardts Film Wendy und Lucy ist sozusagen ein stillgestelltes, eingefrorenes Road-Movie, denn die Reise, auf die sich Wendy (Michelle Williams) mit ihrem Hund und einzigen Freund Lucy begibt, um in Alaska vielleicht Arbeit in einer Fischfabrik zu finden, endet jäh im Niemandsland einer deprimierenden, reizarmen Kleinstadt in Oregon.

Zunächst sieht man die Heldin in einem Wald am Lagerfeuer, etwas abseits, um Distanz bemüht, bei einer Gruppe Landstreicher, die die Zeichen vergangener Hippie- und Punksubkulturen tragen. Später schläft sie in ihrem alten roten Honda und wird von einem Wachmann geweckt – sparsam gesetzte Zeichen deuten darauf hin, dass es sich um einen alten Rock ’n’ Roller handelt. Er sagt, sie dürfe hier nicht schlafen. Sie will weiter. Das Auto springt nicht mehr an. Beide schieben es an den Straßenrand, wo es den Rest des Films über stehen wird.

Wendy geht in einen Supermarkt, stiehlt Hundefutter. Ein junger Angestellter ertappt sie und besteht gegenüber dem alten, milder gestimmten Geschäftsbesitzer darauf, den Diebstahl zur Anzeige zu bringen. Wendys Hund bleibt zurück, als Polizisten sie zur Wache bringen. Die erkennungsdienstlichen Prozeduren dauern lange. Als sie zurückkommt, ist Lucy verschwunden.

Wendy und Lucy erzählt davon, wie Wendy versucht, ihren gelbbraunen Schäferhundmischling wiederzufinden. Immer wieder "Lucy" ins Leere rufend, geht sie durch verlassene Straßen, blickt auf traurige, beziehungslos in der Gegend herumstehende Häuser, besucht ein Tierheim, schreibt Zettel, die sie an Bäume heftet (mit dem Versprechen "Belohnung!", das sie nicht einlösen kann). Sie sammelt Flaschen und stellt sich vor der Flaschenabgabe in eine Schlange lumpenproletarischer Menschen, sie ruft immer wieder mit dem Handy des Wachmanns – ihres einzigen sozialen Kontakts in dieser Stadt – beim Tierheim an; doch eigentlich konzentriert sich der Film auf die Pausen, das ereignislose Warten, die tapferen Bemühungen der Heldin, im drohenden Untergang Haltung zu bewahren; auf sehnsuchtsvolle, ganz unprätentiöse Bilder des Fremdseins in Abend- und Morgendämmerungen.

Wie mittlerweile viele Amerikaner, die sich im sozialen Abstieg befinden, lebt Wendy in ihrem Auto, wäscht sich hastig in der Toilette einer Tankstelle. Wendy und Lucy ist ein zurückhaltend stiller, äußerst intensiver Film, den Kelly Reichardt in der Zeit zwischen Michelle Williams Trennung von Heath Ledger (als dessen Film-Ehefrau sie in Brokeback Mountain berühmt wurde) und seinem Tod gedreht hat. Abgesehen von einer kleinen Melodie, die die Heldin anfangs pfeift, kommt der Film ohne Musikuntermalung aus und spielt ganz in der Gegenwart. Über Wendys Vorleben erfährt man nichts. Nur einmal ruft sie bei ihrer Familie an; man hört jemanden fragen, was sie denn wolle. Sie antwortet nein, sie wolle nichts, nur mit jemandem sprechen.