Deutschland-USA Jenseits der Rituale

Die Kanzlerin fährt nach Washington. Es wäre an der Zeit, ein neues Thema anzusprechen – die Demokratie im eigenen Land.

Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama bei Ihrem letzten Besuch in Washington

Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama bei Ihrem letzten Besuch in Washington

Kann man das alles für einen Augenblick beiseiteräumen – die »deutsch-amerikanische Freundschaft«, die »transatlantischen Beziehungen«, die »westliche Wertegemeinschaft«? Wenn Angela Merkel in der kommenden Woche vor dem Kongress in Washington spricht, wird das wie der Auftritt in einem imaginären Museum sein, bis unter die Decke vollgestopft mit Bündnis-Souvenirs (neuerdings auch mit Protestdevotionalien wie der Erinnerung an Schröders Nein zum Irakkrieg). Die Einladung ist eine demonstrative Ehre für die Bundeskanzlerin und eine Respektsgeste an die Deutschen, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Aber den Lebens- und Glutkern der deutsch-amerikanischen Sache muss man erst wieder freilegen.

Der ist: Amerika bedeutet für Deutschland das revolutionäre, egalitäre, demokratische Prinzip, eine beispiellose Kraft der Veränderung. Zweimal waren die USA Geburtshelfer der deutschen Freiheit – nicht nur bei der Gründung der Bundesrepublik 1949, sondern auch nach dem Untergang des Kommunismus 1989. Die europäischen Mächte Großbritannien und Frankreich, im Grunde auch die Westdeutschen selbst, hatten damals wenig Lust auf einen Umsturz der Nachkriegswelt, in der man seit Jahrzehnten bequem lebte. Es sind die DDR-Bürger gewesen, die die Wiedervereinigung erzwangen – und es waren die Vereinigten Staaten, die dazu ein wunderbar gelassenes »Warum nicht? Und was denn sonst?« sprachen. Der Empfang für die Ostdeutsche Merkel in Washington wird eine unmissverständliche Erinnerung an dieses Zusammenspiel sein. Die Kanzlerin, die es ohne die letzte von den Idealen des Westens inspirierte demokratische Revolution nicht gäbe, betritt die Bühne, die von der ersten, der amerikanischen Revolution aufgeschlagen wurde.

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Das Bündnis mit Amerika hat den deutschen Obrigkeitsstaat beseitigt

Deutschland hat, anders als Frankreich, keine epochemachende eigene Revolution gehabt; seine Revolution ist Amerika gewesen. Das Bündnis mit den USA nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der alte Obrigkeitsstaat mit seiner Untertanengesellschaft auf Dauer nicht überleben. Die Vereinigten Staaten waren damals so wenig vollkommen, wie sie es heute sind. Aber letztlich gründet sich aus amerikanischer Sicht die Ordnung des Gemeinwesens auf Menschengleichheit – und zielt auf Menschenglück. Damit verträgt sich kein schmiedeeisernes Weltbild, nach dem die Schranken zwischen Offizieren und Soldaten, Eltern und Kindern, Gebildeten und Ungebildeten unüberwindlich sein sollen. Die USA waren während des Kalten Krieges das Bollwerk gegen den Kommunismus, aber einfach eine Stütze des Establishments konnten sie ihrem Wesen nach nicht sein. Präsident John F. Kennedy wurde im konservativen Adenauer-Deutschland das Vorbild für den sozialdemokratischen Oppositionellen und Reformer Willy Brandt. Die Studentenproteste, die sich gegen den amerikanischen Vietnamkrieg richteten, hatten ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten selbst, in Kalifornien.

Und heute? Es ist keine Pilgerfahrt zum Vatikan der Demokratie mehr, wenn eine deutsche Bundeskanzlerin nach Washington reist. Das Vorbild hat sich verdunkelt. Trotz der Sternstunde der Obama-Wahl sind die pathologischen Züge der amerikanischen Politik unübersehbar: die übermäßige Rolle des Geldes und eine enthemmte Polarisierung, wie sie sich in der hasserfüllten Diskussion über die Reformprojekte des Präsidenten gezeigt hat. Mit seinem Projekt einer Rückkehr zur Vernunft, einer Therapie der politischen Kultur des eigenen Landes, ist Barack Obama nicht vorangekommen.

In Europa ist die Lage der Demokratie anders, doch kaum besser. Die Hauptgefahr kommt vom Populismus und von pseudo-cäsarenhaften Führungsfiguren wie Berlusconi und Sarkozy. Deutschland wirkt im Vergleich dazu geradezu sensationell normal. Aber es ist eine Normalität, die sich vor der Anstrengung des Begriffs und der Fantasie drückt und die beim Publikum zunehmend auf eine Art verwöhnter Gereiztheit stößt – siehe die merkwürdige Lustlosigkeit an sich selbst, mit der die Bundesrepublik gerade eine Regierungsbildung vollzieht und erlebt. Auf die Stabilität dieser Sorte von Routinepolitik möchte man nicht wetten.

Viel eher als irgendwelche Lehrer-Schüler-Beziehungen (oder das Aufbegehren dagegen) müsste daher die Schicksalsgemeinschaft von Demokratien unter Druck heute das deutsch-amerikanische Thema sein. Man denkt dabei schnell an die Konkurrenz durch autoritäre Staaten wie China. Doch womöglich ist die Herausforderung von außen gar nicht das größte Problem. Rund um den Erdball ist die demokratisch-egalitäre Idee populär wie nie zuvor. Das Pochen auf Massenwohlstand, sozialen Aufstieg und individuelle Freiheit – der ganze ursprünglich amerikanische Mittelklassetraum ist längst global geworden, so wie er nach 1945 deutsch wurde, und kein Partei- oder Priesterregime dürfte verhindern können, dass er eines Tages auch politisch wird.

Was der Westen heute noch dazu beitragen kann, hält sich in engen Grenzen. Dafür jedoch, dass die Freiheit in ihren Kernländern nicht verlottert, dass sie nicht durch Hysterie oder Wurstigkeit verschleudert wird, tragen wir unmittelbare Verantwortung. Angela Merkel wird zu höflich und zu vorsichtig sein, in Washington über Krisensymptome der amerikanischen oder europäischen Politik zu reden. Aber eigentlich brauchte es weniger transatlantische Erörterungen zum Klimaschutz oder zu Afghanistan als einen Appell an unsere demokratische Disziplin.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 31.10.2009 um 11:39 Uhr

    ...die Wiedervereinigung erzwangen "

    Glauben Sie das wirklich? Warum fielen alle Satelitenstaaten, sezessionierten viele Republiken und verschwand der Soviet alles zu dieser Zeit? Weil 100 Menschen im Dunkeln mit Kerzen und pietätvoll murmelnd um eine Kirche liefen in Dessau oder sonstwo? Diese Mythe wird hier zwar gerne besungen, ist aber eine liebe Selbsttäuschung.

    "die übermäßige Rolle des Geldes "

    Sie meinen so wie hier, wenn die Beamtokratie um die Steuerlast der Bürger kämpft, weil das Geld die meisten Beamtenjobs rechtfertigt? Weil eine Reduzierung der Steuern bedeuten würde, wir bräuchten weniger Beamte?

    "und eine enthemmte Polarisierung,"

    Sie meinen wie Chirac, der sagte die Polen hätten eine gut Chance verpasst zu schweigen (obwohl 18 europäische Regierungen den Standpunkt Bushs teilten)
    und dessen Aggieren mit Schröder und Putin zusammen Saddam glauben machte, er könne die Intransprenz aufrecht erhalten und seinen Job behalten?
    usw.

  1. Der Grund für Amerikas fortdauernde Popularität in Ländern wie Indien, Afrika und Australien liegt in der Geschichte. Amerika war das erste Land, das sich vor 200 Jahren von Alteuropas Kolonialherrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung befreite. Dies war letzten Endes auch die Botschaft Obamas in Kairo und Ghana: Alle Völker können sich befreien. Sie müssen es nur selbst wollen. Yes, you can.

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    • joG
    • 31.10.2009 um 12:39 Uhr

    "Der Grund für Amerikas fortdauernde Popularität in Ländern wie Indien, Afrika und Australien liegt in der Geschichte"

    Auch tun die Amerikaner mehr für diese Länder als Andere und schauen nicht arrogant auf sie herab.

    • joG
    • 31.10.2009 um 12:39 Uhr

    "Der Grund für Amerikas fortdauernde Popularität in Ländern wie Indien, Afrika und Australien liegt in der Geschichte"

    Auch tun die Amerikaner mehr für diese Länder als Andere und schauen nicht arrogant auf sie herab.

    • joG
    • 31.10.2009 um 12:39 Uhr

    "Der Grund für Amerikas fortdauernde Popularität in Ländern wie Indien, Afrika und Australien liegt in der Geschichte"

    Auch tun die Amerikaner mehr für diese Länder als Andere und schauen nicht arrogant auf sie herab.

    Antwort auf "Historisches Vorbild"
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    man muss aber schon sehen, dass diese "Hilfe" weniger als Förderung der Trikont-Länder zum Aufbau eigener Wirtschaftskraft sondern eher als Festigung der Abhängigkeit von der amerikanischen Finanzwirtschaft und von Knebelverträgen mit Monsanto etc daher kommt.

    Damit will ich allerdings nicht sagen, dass die EU hier anders vorgeht!

    man muss aber schon sehen, dass diese "Hilfe" weniger als Förderung der Trikont-Länder zum Aufbau eigener Wirtschaftskraft sondern eher als Festigung der Abhängigkeit von der amerikanischen Finanzwirtschaft und von Knebelverträgen mit Monsanto etc daher kommt.

    Damit will ich allerdings nicht sagen, dass die EU hier anders vorgeht!

  2. man muss aber schon sehen, dass diese "Hilfe" weniger als Förderung der Trikont-Länder zum Aufbau eigener Wirtschaftskraft sondern eher als Festigung der Abhängigkeit von der amerikanischen Finanzwirtschaft und von Knebelverträgen mit Monsanto etc daher kommt.

    Damit will ich allerdings nicht sagen, dass die EU hier anders vorgeht!

    Antwort auf "Nicht nur:"
  3. 5.

    Ich möchte auf den dritten Abschnitt eingehen, der mit folgendem Satz beginnt: "Deutschland hat, anders als Frankreich, keine epochemachende eigene Revolution gehabt; seine Revolution ist Amerika gewesen." Ich glaube dass die Rolle der USA (ich würde nicht Amerika sagen) hier und im gesamten Text überbewertet wird. Deutschland hatte zwar keine epochemachende Revolution, aber doch eine lange demokratische Tradition. Die gesellschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert verlief, mit einigen Besonderheiten, in etwa parallel zu anderen europäischen Staaten. Die wilden Zwanziger wären ohne dies nicht möglich gewesen. Man kann den Nazis eine Menge schwerwiegende Vorwürfe machen, aber was 1933 noch von der Klassengesellschaft alten Stils übrig war haben sie nachhaltig zertrümmert. 1945 war dann "der alte Obrigkeitsstaat mit seiner Untertanengesellschaft", der meiner Meinung nach in seiner traditionellen Form nicht mehr existierte, endgültig fällig. Die Aliierten haben das glücklicherweise erkannt, denn in den USA war noch lange die Meinung verbreitet, dass der Deutsche niemals demokratiefähig würde.
    Also, die deutsche demokratische Tradition sollte mindestens erwähnt und nicht einfach mit "keine epochemachende eigene Revolution" unterschlagen werden.

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    Sie sind den Nazis also dankbar dafür (und halten Ihnen affirmativ zugute), dass sie die Klassengesellschaft durch das Konzept der Volksgemeinschaft ersetzt haben? Ein starkes Stück. In der Tat, die Klassengesellschaft wurde, wie Sie hier formulieren, "nachhaltig zertrümmert" - Pech nur für die, welche mit den Nürnberger Rassegesetzen nicht so viel Glück hatten wie Ihre hoffentlich reinrassig-arischen Vorfahren. Ihr Weltbild ist abstoßend.

    Sie sind den Nazis also dankbar dafür (und halten Ihnen affirmativ zugute), dass sie die Klassengesellschaft durch das Konzept der Volksgemeinschaft ersetzt haben? Ein starkes Stück. In der Tat, die Klassengesellschaft wurde, wie Sie hier formulieren, "nachhaltig zertrümmert" - Pech nur für die, welche mit den Nürnberger Rassegesetzen nicht so viel Glück hatten wie Ihre hoffentlich reinrassig-arischen Vorfahren. Ihr Weltbild ist abstoßend.

  4. Die Vereinigten Staaten waren damals so wenig vollkommen, wie sie es heute sind. Aber letztlich gründet sich aus amerikanischer Sicht die Ordnung des Gemeinwesens auf Menschengleichheit – und zielt auf Menschenglück.

    Sicher hat J.P.Morgan deshalb Hitler finanziert?

    Der Artikelpathos passt nicht wirklich zu dieser (und vielen anderen) Aussage(n) von "Atlantikern":
    Lobbyismus
    Der Zweck des Vereins ist außerdem Kontaktpflege zu führenden Persönlichkeiten der USA. Arend Oetker beschrieb die Lobbytätigkeit im Jahr 2002 folgendermaßen: „Die USA wird von 200 Familien regiert und zu denen wollen wir gute Kontakte haben.“

    Es geht wohl vielmehr um die Verbrämung und Verheimlichung der wahren Realitäten der Interessenlage dieser US-Clans & Co. über rethorische Tricks mit vorgekaukelter Ehtik und Moralansprüchen, mit der (nicht nur) amerikanische Soldaten überall auf der Welt für "Demokratie" kämpfen sollen, die im wesentlichen aus der Einflußnahme auf die dort befindlichen Ressourcen und geostrategischen Überlegungen basiert zum Vorteil dieser Clans dient - was auch Südamerika schon immer mit einschließt.

    Auch die EU ist schon lange unterwandert seitens mächtiger Konzerne, die seitens der USA massiv unterstützt werden. Aktuell dürfen mal wieder Monsanto-Produkte importiert werden, die letztes Jahr noch verboten waren.

    Weder die USA, die EU noch Deutschland sind "Demokratien" im wirklichen Sinne, sondern werden von Parteien und Lobbyisten beherrscht.

  5. 7. Wow.

    Sie sind den Nazis also dankbar dafür (und halten Ihnen affirmativ zugute), dass sie die Klassengesellschaft durch das Konzept der Volksgemeinschaft ersetzt haben? Ein starkes Stück. In der Tat, die Klassengesellschaft wurde, wie Sie hier formulieren, "nachhaltig zertrümmert" - Pech nur für die, welche mit den Nürnberger Rassegesetzen nicht so viel Glück hatten wie Ihre hoffentlich reinrassig-arischen Vorfahren. Ihr Weltbild ist abstoßend.

    Antwort auf "Kommentar Nr. 5"
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    Es ist zwar hier ein off-topic-Thema, aber dennoch: Sie scheinen der Auffassung zu sein, in Nazi-Deutschland hätte die Welt stillgestanden und gesellschaftliche Entwicklungen hätten nicht stattgefunden. Nun, dies ist ein prosaischer Irrtum. Wenn Sie wollen, können Sie zu diesem Thema bei Sebastian Haffner (Anmerkungen zu Hitler) einiges nachlesen.

    Es ist zwar hier ein off-topic-Thema, aber dennoch: Sie scheinen der Auffassung zu sein, in Nazi-Deutschland hätte die Welt stillgestanden und gesellschaftliche Entwicklungen hätten nicht stattgefunden. Nun, dies ist ein prosaischer Irrtum. Wenn Sie wollen, können Sie zu diesem Thema bei Sebastian Haffner (Anmerkungen zu Hitler) einiges nachlesen.

  6. Es ist zwar hier ein off-topic-Thema, aber dennoch: Sie scheinen der Auffassung zu sein, in Nazi-Deutschland hätte die Welt stillgestanden und gesellschaftliche Entwicklungen hätten nicht stattgefunden. Nun, dies ist ein prosaischer Irrtum. Wenn Sie wollen, können Sie zu diesem Thema bei Sebastian Haffner (Anmerkungen zu Hitler) einiges nachlesen.

    Antwort auf "Wow."

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