Adenauerzeit (Teil 5)

Der Osten im Westen

Immer wieder versuchte die Regierung in Ost-Berlin, die Bonner Politik offensiv zu beeinflussen. Nicht ohne Erfolg, wie gerade die fünfziger Jahre zeigen

Zu Zeiten der DDR versuchten Ost- und West-Deutschland ihr Gedankengut auf die andere Seite der Mauer zu bringen

Zu Zeiten der DDR versuchten Ost- und West-Deutschland ihr Gedankengut auf die andere Seite der Mauer zu bringen

Ein Adventskalender der Agitation: Wer im »Braunen Haus von Bonn« das richtige Fensterchen öffnete, dem blickte ein »Hitlergeneralstäbler« mit Prügelstock entgegen – dem Kasperl gleich, der auf das Krokodil eindrischt.

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Bei dem aufwendig gestalteten Papierkunstwerk, 1956 im VEB Gravo-Druck in Halle hergestellt, handelte es sich um eines der frühesten Produkte im deutsch-deutschen Schlagabtausch, die ostentativ auf die NS-Vergangenheit zielten. Diese war aus Sicht der DDR allein im Westen »unbewältigt«, und als neuester Beweis dafür galt die »Remilitarisierung« der Bundesrepublik.

Die Vereidigung der ersten Bundeswehr-Freiwilligen im November 1955 und das Wehrpflichtgesetz vom folgenden Sommer, das immerhin auch die Ablehnung von SPD und FDP im Bundestag gefunden und zu vehementen öffentlichen Protesten geführt hatte, lieferten Ost-Berlin idealen Propagandastoff: Nun hatten die alten Nazis in Bonn also auch die militärische Macht zurück! Der Streit darüber, welche Seite die richtigen »Lehren« aus der Vergangenheit gezogen habe, charakterisierte spätestens seit 1949 die deutsch-deutsche Geschichte.

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Während es dem Ulbricht-Regime zunehmend gelang, das eigene Territorium gegen die »antikommunistische Hetze« aus dem Westen abzuschirmen, taten sich die Bonner mit den agitatorischen Offensiven aus der »Zone« nicht leicht. Ungeachtet eines schon seit 1946 höchst aktiven »Ostbüros« der SPD, trotz der von Rainer Hildebrandt, Ernst Benda und anderen mit amerikanischer Lizenz betriebenen »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« und allerlei verdeckter Operationen der CIA: Selbst in den Jahren vor dem Mauerbau erschien der Westen im Osten weniger präsent, als es der Osten im Westen lange war.

Die DDR nämlich setzte, in ganz anderem Maße als die Bundesrepublik, von Anfang an auf publizistische Agitation. Und in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre ging Ost-Berlin zu einer systematischen Kampagnenpolitik über – als nämlich klar zutage lag, dass alle Stalin-Noten und alle hohle Einheitspropaganda die Westintegration der »Bonner Republik« (das war damals das abschätzig gemeinte Äquivalent zum nicht weniger abschätzigen »Pankow«) nicht hatten verhindern können. Unterlegt war diese Strategie mit einer massenhaft in den Westen verschickten Broschürenliteratur.

Die Steuerung dieser Kampagnen lag beim Politbüro der SED. Das Aushängeschild aber bildete der sogenannte Ausschuss der Deutschen Einheit beim Nationalrat der Nationalen Front der DDR. Die dank Chruschtschow inzwischen geltende Zwei-Staaten-Theorie übersetzten die ostdeutschen Kommunisten in eine hübsch kalkulierte Bedingung: Voraussetzung einer Wiedervereinigung sei, dass alle »NS- und Kriegsverbrecher« samt deren Gesinnungsgenossen aus den öffentlichen Ämtern der Bundesrepublik entfernt würden.

Wie weit ein wiedervereinigtes Deutschland damit in den Sternen stand, demonstrierte fortan regelmäßig Albert Norden, im ZK der SED zuständig für Agitation und Propaganda. Auf »internationalen Pressekonferenzen«, zu denen sich gelegentlich auch der eine oder andere gläubige Antifaschist aus dem »westlichen Ausland« einfand, zeichnete Norden mit immer neuen Fundstücken aus den Aktenbeständen verflossener Reichsbehörden ein tiefbraunes Bild der Bundesrepublik.

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Leser-Kommentare

    • 01.11.2009 um 8:09 Uhr
    • hirmer

    Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war für die Mächtigen im Westen das "Ende der Geschichte" (Fukuyama) erreicht, für die weniger Bemittelten heißt es: "Schluß mit lustig!".
    Wenn auch die Erfolge des Ostblocks mehr als bescheiden waren, hatte er doch, wie gezeigt, propagandistische Macht. UND die Waffen nicht vergessen, mit denen die Kommunisten in Lateinamerika, z.B., manches verhindert haben, was die Kapitalisten gerne erreicht hätten.
    Alles in allem, der Westen mußte immer etwas Angst haben, daß im Bürger "von der Fahne gehen" und sich künftig von der Konkurrenz "bedienen lassen wollen".

    Es war für den Bürger mehr herauszuholen!

    Jetzt sind wir auf dem Weg zum Eurostaats-Einheitskapitalismus.

    (Soll heißen: Die Produzenten des Trabi brauchten sich auch nicht soo anzustrengen ...)

    Wollen wir dann mal hoffen, daß in Lateinamerika eine Konkurrenz zum Kapitalismus entsteht, gerne auch ganz verschieden von den gescheiterten staatssozialistischen Experimenten des Ostens.

    Harald Artur Irmer

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