Adenauerzeit (Teil 5) Der Osten im Westen
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Eine »asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte«

Aber dass die Marktwirtschaft auch für die kleinen Leute attraktiv sein musste, das hatte Konrad Adenauer mindestens so gut begriffen wie sein Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Im Unterschied zu diesem (und ein bisschen sicher auch, weil ihm dessen gewaltige Popularität zusehends auf die Nerven ging) fand der Kanzler nichts dabei, jeweils rechtzeitig vor den Bundestagswahlen die Spendierhosen anzuziehen; Adenauers größter Coup war in dieser Hinsicht die Einführung der dynamischen Rente zu Jahresanfang 1957.

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Seitdem hatten im boomenden Westen, ganz anders als in der »Zone«, auch die Alten an den Früchten des Wiederaufbaus teil. Und obgleich der gewiefte Kanzler ertragen musste, dass die Sozialdemokraten (im Unterschied zu den Liberalen und der mitregierenden Deutschen Partei) dem Gesetz im Bundestag zustimmten: Eine Erhöhung der Arbeiterrenten um sage und schreibe zwei Drittel binnen eines Jahres war zweifellos die wirkungsvollere Werbung für die Unionsparteien als ihr Plakat von 1953, das potenzielle SPD-Wähler mit der legendären Parole zu schrecken suchte: »Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau!«

Selbst in den Hochzeiten des Kalten Krieges, so wird man die deutsch-deutschen Beziehungen unter Adenauer und Ulbricht resümieren können, verwies die Rhetorik der Abgrenzung meist auf dahinterliegende Fakten fortbestehender Verflechtung.

Die Tatsache, dass die Westdeutschen seit etwa Mitte der Fünfziger willens und in der Lage waren, ihren »Brüdern und Schwestern im Osten« Jahr für Jahr rund 40 Millionen Päckchen und Pakete zu schicken, demonstrierte eben nicht nur den Beschenkten die Leistungskraft des Rheinischen Kapitalismus.

Politisch und sozialpsychologisch bestärkten die Liebesgaben vielmehr auch die Gesellschaft der Gebenden – und schon deshalb tat das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (mit doppeltem Dienstsitz in Bonn und Berlin!) gut daran, die Geschenkbeziehungen nach Kräften zu fördern.

Vor dem Hintergrund solcher Beobachtungen sprechen Historiker gern von einer »asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte« der beiden deutschen Staaten. Doch nimmt man dieses Bild wortwörtlich, dann wirkt es plötzlich schief. Denn Parallelen, und seien sie verflochten, treffen sich erst in der Unendlichkeit. Besser trifft die Sache wohl ein anderer, nicht weniger modischer Begriff: entangled history.

Für diese »verschränkte Geschichte« stehen bis 1961 allein schon die vielen Tausend tagtäglichen »Grenzgänger« in der geteilten, aber noch immer durchlässigen Vier-Sektoren-Stadt Berlin, ganz zu schweigen von jenem fortwährenden medialen Austausch, der im Zeichen des wachsenden Fernsehkonsums an Eindringlichkeit gewann und Vorstellungen von einer totalen Abschottung der DDR ad absurdum führte.

Und selbst der Bau der Mauer, von dem sich die DDR-Führung Ruhe erhoffte für den ungestörten »Aufbau des Sozialismus«, brachte ihr doch nur eine kurze Verschnaufpause in jenem jahrzehntelangen Systemwettbewerb, an dessen revolutionären Ausgang in diesen Tagen nicht nur in Deutschland erinnert wird.

Der Autor lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

 
Leser-Kommentare
    • hirmer
    • 01.11.2009 um 8:09 Uhr

    Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war für die Mächtigen im Westen das "Ende der Geschichte" (Fukuyama) erreicht, für die weniger Bemittelten heißt es: "Schluß mit lustig!".
    Wenn auch die Erfolge des Ostblocks mehr als bescheiden waren, hatte er doch, wie gezeigt, propagandistische Macht. UND die Waffen nicht vergessen, mit denen die Kommunisten in Lateinamerika, z.B., manches verhindert haben, was die Kapitalisten gerne erreicht hätten.
    Alles in allem, der Westen mußte immer etwas Angst haben, daß im Bürger "von der Fahne gehen" und sich künftig von der Konkurrenz "bedienen lassen wollen".

    Es war für den Bürger mehr herauszuholen!

    Jetzt sind wir auf dem Weg zum Eurostaats-Einheitskapitalismus.

    (Soll heißen: Die Produzenten des Trabi brauchten sich auch nicht soo anzustrengen ...)

    Wollen wir dann mal hoffen, daß in Lateinamerika eine Konkurrenz zum Kapitalismus entsteht, gerne auch ganz verschieden von den gescheiterten staatssozialistischen Experimenten des Ostens.

    Harald Artur Irmer

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