Schwarz-Gelb Guido Global

Außenminister Westerwelle betritt Neuland. Doch das Auswärtige Amt hat noch jeden seiner Chefs gut aussehen lassen.

Am Werderschen Markt in der Mitte der Hauptstadt haben sie für den Neuen schon seit Wochen großräumig Platz geschaffen. Steinmeiers Sprecher Jens Plötner ist nun Botschafter in Colombo, sein Politischer Direktor Volker Stanzel vertritt Deutschland ab sofort in Tokyo, sein Staatssekretär Reinhard Silberberg in Madrid. Die Regale sind leer, die Familienfotos entfernt: Raum für neue Gedanken, Gelegenheit für überraschende Karrieren!

Kaum jemand hier hatte nämlich Zweifel, dass Guido Westerwelle als vierter FDP-Mann in der Geschichte der Bundesrepublik das Auswärtige Amt in Beschlag nehmen würde. Und selbst jene Berliner Diplomaten, die nicht so recht an Westerwelles außenpolitische Sendung glauben, wären wohl ein bisschen beleidigt gewesen, wenn er doch lieber Finanz- oder Superminister geworden wäre, statt sich in die Ahnenreihe der Scheel, Genscher und Kinkel zu stellen. Unterdessen arbeiten die Fachabteilungen seit Wochen daran, für den Neuen Dossiers zu erstellen, die ihm die Welt erklären – eine Art Gebrauchsanweisung für den Globus. »Wir sind jederzeit in der Lage«, sagt ein führender Diplomat, »Herrn Westerwelle von null auf hundert zu bringen.«

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Bei null müssen sie zwar nicht anfangen. Westerwelle hat sich als Oppositionsführer im Bundestag immer wieder in außenpolitische Debatten eingeschaltet – zu Afghanistan (für den Einsatz), zum amerikanischen Raketenschild (dagegen), zu Iran (für harte Sanktionen), zum Nahen Osten (gegen den Einsatz der deutschen Marine vor dem Libanon). Und er hat das ganze letzte Jahr damit verbracht, vorauseilend dem Verdacht entgegenzuwirken, es fehle ihm das staatsmännische Stresemann-Gen. Er hat kluge außenpolitische Interviews gegeben und eine ausgefeilte Rede vor Berliner Diplomaten gehalten. Hans-Dietrich Genscher hielt währenddessen seine segnende Hand über ihn, damit auch der Letzte merkte, dass dieser Guido sein geliebter Sohn sei, an dem er Wohlgefallen habe.

Die neue Rolle könnte für den Parteipolitiker eine Erlösung sein

Aber all das ist jetzt Geplänkel. Denn es beginnt etwas Neues im Leben von Guido Westerwelle. Es geht jetzt nicht mehr darum, mit wie viel Glaubwürdigkeit er seine eigene neueste Inkarnation vertritt. In den Arenen, die er jetzt betritt, interessiert es niemanden, ob er durch innere Einsicht oder aus Berechnung vom Spaßpolitiker zum besorgten Kümmerer geworden ist. Die Frage lautet, ob Guido Westerwelle Deutschlands Interessen und Werte würdig vertreten kann, oder anders gesagt: ob er Deutschland so repräsentieren kann, wie das Land sich gerne sieht – selbstbewusst, ohne aufzutrumpfen, solide, aber nicht langweilig, weltoffen, glaubwürdig – und vielleicht sogar ein bisschen cool. Das ist eine große Herausforderung für jemanden, über dessen Lebensweg sich die Interpreten von jeher lustvoll und schadenfroh beugen, dem man jeden Lapsus hämisch vorhält – wie kürzlich seine krampfig-unsichere Zurückweisung eines englischen Reporters. Aber es könnte für ihn auch eine Art Erlösung sein, dass die Leute demnächst Deutschland sehen, wenn Westerwelle den Raum betritt – in Kuala Lumpur, Jekaterinburg oder Rabat.

Er kann dann endlich aufhören, den Wahlkampf gegen die Sozis immer noch mal gewinnen zu wollen. Und wenn er so beliebt wird wie noch jeder Außenminister vor ihm, muss er vielleicht auch nicht mehr seine im Grunde sympathische Empfindlichkeit mit aufgesetzter Jovialität übertönen.

Der riesige Apparat des Auswärtigen Amtes wird jedenfalls alles dazu tun, dass sein Minister reüssiert. Mit seinen 7000 Mitarbeitern und einem Budget von drei Milliarden schnurrt »das Amt« nur so vor solider Kompetenz und Weltläufigkeit. Es gibt hier mehr Sachverstand, zum Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen, zum Powerplay zwischen EU-Kommission und Parlament, zu den Kämpfen zwischen Revolutionsgardisten und theokratischem Establishment in Iran, als ein Minister überhaupt abfragen kann. Man ist vorbereitet: Das Iran-Team etwa hat schon eine fertige Liste mit schmerzhaften Sanktionen, die sehr schnell umgesetzt werden können, sollten die Verhandlungen scheitern.

Das Auswärtige Amt hat noch jeden gut aussehen lassen, selbst einen unverhofft zum Diplomaten avancierten Beamten wie Klaus Kinkel mit seiner aus der Zeitmaschine grüßenden Elvis-Tolle. Aber die passende Parallele zu Westerwelles diplomatischem Aufstieg ist nicht Kinkels Antritt, sondern die Ministerwerdung seines einstigen Lieblingsfeindes Joschka Fischer. Westerwelle ist ein machtvoller und gewiefter Parteipolitiker wie jener, und mit Blick auf seinen vom Wahlergebnis abermals befeuerten Geltungsdrang stellt sich auch für ihn und seine Kabinettschefin die alte Koch- und Kellner-Frage. Joschka Fischer musste seinerzeit schnell feststellen, dass es keine grüne, sondern nur eine deutsche Außenpolitik gibt. Und diese wird zunehmend von den Kanzlern gemacht und dargestellt. Merkel hat sich noch stärker als Schröder als Außenkanzlerin profiliert. Unwahrscheinlich, dass sie dabei in Zukunft mit Blick auf den neuen Partner zurückhaltender auftreten wird. Im Gegenteil: Ihre zweite Amtszeit wird gleich mit einem Paukenschlag beginnen, wenn sie nächste Woche vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses spricht.

Angela Merkel liebt die große Bühne der Weltpolitik. Aber es liegt gar nicht in der Hand der Kanzlerin: In der von der Krise heraufbeschworenen G-20-Welt sich jagender Gipfeltreffen wird Außenpolitik notgedrungen zur Sache der Präsidenten, Premiers und Kanzler. Außenminister kommen in Merkels exklusivem Klub nicht einmal mehr mit aufs Foto.

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