Flussfahrt Ein großes Stück Wasser
Mit dem Holzboot von Berlin nach Krakau, von der Spree bis in die Weichsel: Das hat noch niemand versucht – durch bukolische Landschaften, Untiefen und Stromschnellen bahnt sich die »Aton« ihren Weg. Ein Logbuch
© Foto [M]: Norman Ohler für DIE ZEIT

Die "Aton" ist ein fragiles Gefährt aus Eiche und Mahagoni. Mit ihrem 50-PS-Außenbordmotor taugt sie für die Langstrecke
Spree, km 26. Tank voll, Pantry mit Proviant gefüllt, Kleider geordnet im schmalen Schrank, Bibliothek nebst Schallplattensammlung in der Bugspitze verstaut und ohnehin alles dabei, was auf sechs mal zwei Metern Platz findet für die nächsten vier Wochen. Denn an Land gehen: möglichst vermeiden.
Ablegen an der Oberbaumbrücke, vorbei an Reichstag, Hauptbahnhof, Kanzleramt: Kurs West zur Mündung in die Havel, diese gegen den Strom am Tegeler See entlang im Holzboot Aton, einem fragilen Gefährt aus Eiche und Mahagoni, das sich jeden Fahrfehler, jedes Anecken als Kratzer merkt, aber immerhin mit einem 50-PS-Außenbordmotor von Honda ausgestattet und von daher auch für die Langstrecke geeignet ist.
Sportbooten, zu denen die Aton offiziell zählt, wird in der Regel nur die kurze Distanz zugetraut. Mal auf den See raus. Kleines Stück übers Wasser bis zum nächsten Restaurant mit Anleger. Da jedoch Europas Flüsse, unterstützt von einer Vielzahl von Kanälen, miteinander verbunden sind, kann man theoretisch auch nach Paris fahren, nach Budapest… oder in diesem Falle Krakau vielleicht?
Havel, km 28. Schleuse Lehnitz. Berüchtigt bei Sportbootfahrern, weil das Schleusenpersonal den Anliegen der Berufsschifffahrt absolute Priorität einräumt (als würde man Lkw auf den Autobahnen privilegiert behandeln), es von daher »für Sportboote zu längeren Wartezeiten kommen kann«, wie ein Schild am »Warteplatz Sport« verkündet. Glück gehabt: Nach nicht einmal einer halben Stunde öffnen sich die schwarz glänzenden Tore, und es geht zusammen mit zwei Kohlefrachtern aus Wrocław zum Sechs-Meter-Hub in die Kammer hinein.
Oder-Havel-Kanal, km 87. Schiffshebewerk Niederfinow. Gewaltige Stahlketten mit riesigen Gliedern senken eine gigantische Schiffsbadewanne 36 Meter in die Tiefe, heben sie wieder an, senken sie wieder in die Tiefe, unermüdlich, Tag und Nacht, seit der Eröffnung 1934. Die Aton ist abends um elf ganz allein in diesem größten Schiffsaufzug Europas. Der Fahrstuhlführer oder Schiffsheber wünscht einen guten Abend. Auch Ihnen, einen schönen Abend.
Oder, km 666. Störche, endlich. Allein. Ankern mittstroms für ein paar Stündchen, bisschen lesen. Zwischen den Ländern: Freiheit. Polen im Blick: herrlich. Bisschen schwojen (so heißt das Hin-und-her-Drehen eines vor Anker liegenden Schiffes). Keinerlei Verkehr, da die Oder wenig Wasser führt und die meisten Boote mehr Tiefgang haben als die Aton mit ihren 30 Zentimetern.
- Datum 29.10.2009 - 14:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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