Flussfahrt Ein großes Stück WasserSeite 4/4

Sein Anruf kommt um 4.57 Uhr: Es sei jetzt genügend Wasser da, für ein paar Minuten könnten sie den Pegel halten. Mit einem großen Suchscheinwerfer beleuchten zwei Männer vom Ufer aus den Weg, als die Aton kurz vor Sonnenaufgang über eine stark vernebelte Weichsel flussaufwärts fährt, über das Wehr hinweg mit nach oben getrimmtem Honda, steuerbords das erwachende, riesenhafte Kraftwerk.

Weichsel km 130. Keine Navigationszeichen mehr an den Ufern. Nur noch vereinzelt Stöcke im Wasser. Ein Fährmann erklärt: Wenn die Stöcke nackt sind, sich links davon halten, wenn Laub an ihnen steckt, heißt das steuerbords passieren. Zudem auf die Linien im Wasser achten. Er deutet über den schimmernden Fluss: auf die Strömungslinien, die dort entstehen, wo unterschiedliche Wassertiefen aufeinandertreffen. Und sollte es weder Stöcke geben noch Linien erkennbar sein, müsse man den Fluss eben erfühlen.

Manchmal ist die Fahrrinne nur in schneller Gleitfahrt zu nehmen, weil das Boot bei weniger Geschwindigkeit stärker verdrängt, also tiefer liegt, schon setzt man auf. Obgleich die Weichsel Hunderte von Metern breit ist: Das Nadelöhr der Fahrrinne zu finden wird zur notwendigen Obsession. Selbst wenn dieses Nadelöhr nah am Ufer entlang führt, an dem Camouflage-gekleidete polnische Angler sitzen, muss man trotzdem darauf zu halten, auch wenn die Angler das nicht verstehen, dass sie jetzt ihre Ruten zurückziehen sollen, und auch wenn sie drohen, mit Steinen zu werfen, diese bereits aufheben und in der Hand wiegen und schreien: Man muss auf sie zuhalten und prescht einfach hindurch…

Weichsel, km 108. Ansteigende Ufer, das Flussbett schmaler, die Fließgeschwindigkeit stark erhöht. Man rechnet nicht mit Stromschnellen, wenn man mit einem empfindlichen Holzkahn durch die Gegend schippert. An beiden Uferseiten tauchen plötzlich rote, auf der Spitze stehende Dreiecke auf. Der Fluss wirkt wie eine schiefe Ebene, und man fährt tatsächlich bergan, der Honda auf Vollgas, dennoch kommt die Aton kaum vorwärts. Für Momente drücken die Fluten beinahe ebenso stark zurück, und es entsteht ein Tanz um glitzernde Felsbrocken herum, die darauf warten, das Mahagoni der Aton zu zerbrechen. Eine unpassierbare Steintreppe, zu der der Fluss schlagartig geworden ist, die man irgendwie, mithilfe eines Wunders, hinaufmuss. Als sei man in einem Videospiel sehr weit gekommen, aber die letzte Hürde, die schafft man einfach nicht. Doch in einem Videospiel drückt man auf Replay, was in der Binnenschifffahrtsrealität nicht möglich ist. Da lebt der Moment, und dieser ist JETZT, war das ein Aufsetzer?! Links! Felsen links! Man reißt das Steuer nach rechts. Rechts! Felsen rechts! Man korrigiert den Kurs und prüft mit dem Bootshaken ständig den Wasserstand, überall Wirbel und Gischt… Doch plötzlich ist das Wasser ganz ruhig, und die Aton passiert.

Gemächlich dann die Einfahrt nach vier ungewöhnlich intensiven Wochen: Krakau. Geschafft.

Der Schriftsteller Norman Ohler lebt an der Spree. Er produziert den Kinospielfilm "River Movie" und fuhr hierzu mit seinem Holzboot von Zwingenberg am Neckar bis nach Krakau

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