Ingenieurwesen Traumstart ins Studium
Luftfahrttechnik-Studenten haben trotz Krise hervorragende Berufsaussichten. Neben Mathe und Physik stehen oft auch begehrte Flugstunden im Simulator auf dem Stundenplan.
Das Geräusch verheißt nichts Gutes. Mit 280 Kilometern pro Stunde rast der Airbus auf die Landebahn des Münchner Flughafens zu. Der Signalton im Cockpit wird immer schriller, rote Lichter blinken, und der Pilot bekommt einen Schweißausbruch. Nur Ferdinand Behrend bewahrt die Ruhe. "Zieh noch mal hoch!", sagt er. Doch der Pilot hat vor lauter Stress vergessen, wie das mit dem Durchstarten genau geht. Behrend tut deshalb etwas, das er nicht gern macht. Er drückt auf den Stoppknopf. Die Maschine steht plötzlich still in der Luft, die 3-D-Projektion vor dem Fenster ist eingefroren. Der Pilot, Student des Studiengangs Luft- und Raumfahrttechnik der TU Berlin, scheint über die Rettung dennoch etwas unglücklich. "Den Flugsimulator abzuschalten ist für die Studenten eine Riesenenttäuschung – als würde der Fahrlehrer eingreifen und eine Vollbremsung hinlegen", sagt sein Tutor Behrend.
Für die 16 Studenten, die er im Kurs "Praxis der Flugführung" betreut, ist das Fliegen im Simulator ein Höhepunkt ihres Masterstudiums. Neben der Halle F19/20 am TU-Institut für Luft- und Raumfahrt stehen zwei Räume voller Computer. Sie können beinahe alle Flughäfen und Flugstrecken rund um die Welt simulieren, wahlweise werden die Alpen, Landebahnen, Gebäude oder Bewölkung auf einen Bildschirm vor dem Cockpit projiziert. Rein theoretisch könnte hier sogar die Wasserlandung auf dem New Yorker Hudson River nachgeflogen werden. Doch bevor die Studenten abheben, müssen sie sich wie Piloten mit Funknavigationsverfahren auskennen – und mit dem "Cockpit-Nintendo", der kleinen Joystick-Lenkung, mit der Piloten selbst große Airbus-Maschinen mit kleinsten Fingerbewegungen lenken. Etwa 400 Euro würde eine Trainingsstunde kosten, wenn es nicht Teil ihres Studiums wäre.
Die Warteliste für den Kurs ist lang. Die wenigsten der Piloten auf Probe werden später wirklich fliegen. Stattdessen arbeiten Luftfahrtingenieure an der Entwicklung neuer Antriebe mit, kümmern sich um die Flottenwartung oder arbeiten in der Flugsicherung. Trotzdem ist Oliver Lehmann, Oberingenieur mit Fachgebiet Flugführung und Luftverkehr, sicher, dass die Absolventen von ihren Flugstunden profitieren: "Wenn sie das Cockpit nicht von innen kennen, wird es für sie später schwierig, nachzuvollziehen, wie sich Entscheidungen, die am Schreibtisch getroffen werden, auf die Arbeit des Piloten auswirken."
Ingenieure für Luftfahrttechnik müssen nicht nur die Technik in einem Flieger verstehen, sondern auch immer das komplexe System des Luftverkehrs mitdenken. Wer das kann, wird gesucht: Aktuell sind trotz Krise 1600 Ingenieurstellen unbesetzt. Die Praxisnähe ist im Studium besonders wichtig. Neben den zwei Flug- und Trainingssimulatoren können die Studenten an Modellen lernen, wie Triebwerke überprüft oder Satelliten geortet werden und wie Kräfte im Überschall- und Thermowindkanal wirken. Möglichst nahe dran zu sein am Traum vom Fliegen, das ist es, was viele Studenten fasziniert.
Dass Begeisterung nicht reicht, lässt sich indes bei Kursbeschreibungen wie "Aerothermodynamik II" oder "Faserverbunde und Adaptronik im Leichtbau" schnell erahnen. "Viele Studenten haben an Mathematik, Werkstofftechnik und Mechanik zu knabbern", bestätigt Dozent Lehmann. "Ihnen sage ich immer, dass es im Laufe des Studiums besser wird." Wer sich durch die Grundlagen von Aerodynamik, Flugmechanik und Raumfahrttechnik gearbeitet hat, kann sich in den letzten beiden Bachelorsemestern spezialisieren. Zum Beispiel auf Flughafenplanung, Verkehrsökonomik oder Flugzeugentwurf.
Vertiefen lassen sich die Schwerpunkte im Master. Wer sich für Flugführung und Luftverkehr entscheidet, beschäftigt sich damit, wie man Langstreckenflüge an verschiedene Wetterbedingungen anpasst und optimiert. Spätestens im Simulator verstehen die Studenten, welche Folgen eine falsch geplante Flugstrecke haben kann – der Druck auf den Stoppknopf ist im echten Leben leider nicht drin.
- Datum 02.11.2009 - 10:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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