Bologna-Reform Notstand bei den Ingenieuren

Viel zu wenige Abiturienten trauen sich ein Ingenieursstudium zu, und die Hälfte von ihnen bricht es später ab. Können Bachelor und Master an der Misere etwas ändern?

Im Maschinenbau-Studium geht es häufig um filigrane Arbeit, nicht um Dampfmaschinen

Im Maschinenbau-Studium geht es häufig um filigrane Arbeit, nicht um Dampfmaschinen

Maschinenbau. Schon der Name birgt ein Problem in sich: Stampfende, schwere Dampfmaschinen aus dem 18. Jahrhundert und schmutzige Hände kommen vielen Abiturienten zuerst in den Sinn, wenn sie das altmodische Wort hören. »An Handys und Technik im Alltag denkt kaum jemand«, sagt Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS). Auch die großen gesellschaftlichen Fragen, die sich mit dem Studiumswissen womöglich lösen lassen, werden mit dem Begriff nicht wirklich verbunden. »Dabei geht es im Grunde sogar mehr als in anderen Fächern darum, die Welt zu verbessern: Umwelt, Medizintechnik, Mobilität, das gehört alles zu Maschinenbau, zu Elektrotechnik, zu den technischen Studiengängen – aber fast niemand nimmt das richtig wahr«, sagt Briedis.

Gegen den Widerstand vieler Fakultäten wurden längst auch die meisten technischen Diplomstudiengänge auf Bachelor und Master umgestellt. Hat das etwas verändert? Einige Universitäten immerhin nutzten die Gelegenheit, um sich neu auszurichten. Längst gibt es mehrere »Umwelttechnik«-Studiengänge, in Berlin plant man einen Bachelor namens »Blue Engineering«, in dem es vorrangig um ressourcenschonende Produktion und energiesparenden Betrieb gehen wird. Die Inhalte solcher Angebote sind größtenteils die gleichen wie bei Maschinenbau. »Aber man erschließt andere Interessengruppen. Etwa auch diejenigen, die sich für Biologie interessieren«, sagt Briedis.

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Und das ist dringend notwendig. Denn an Absolventen technischer Studiengänge mangelt es auf dem deutschen Arbeitsmarkt seit Langem: 64000 Ingenieursstellen waren 2008 nicht besetzt, so das Ergebnis einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Trotz der exzellenten Berufsaussichten ist die Zahl der Abschlüsse an den Universitäten kleiner, als sie eigentlich sein könnte. Obwohl die Menge aller Studienanfänger seit den 1990er Jahren zugenommen hat, stagniert sie in den technischen Studiengängen. Bei Elektrotechnik sind es sogar weniger geworden: Haben sich 1992 noch 15.880 Studierende dafür eingeschrieben, waren es 2008 nur noch 14.436.

Auch der Schwund im Laufe des Studiums ist ungewöhnlich hoch. 53 Prozent der Maschinenbau- und Elektrotechnik-Studierenden an den Universitäten führen ihr Studium nicht zu Ende, an den Fachhochschulen sind es rund 40 Prozent. »Das kann sich die Gesellschaft einfach nicht leisten. Es wird höchste Zeit, dass wir zu einem neuen Verständnis der Ingenieursausbildung kommen«, sagt HIS-Geschäftsführer Martin Leitner. Aber wie? Könnte das Bachelor-Master-System endlich für einen Aufschwung sorgen, der über die Konzeption von ein paar neuen technischen Studiengängen hinausgeht?

Leitner ist bisher skeptisch. Weil Bachelor und Master noch jung sind, liegen zwar keine Langzeituntersuchungen vor. An den Fachhochschulen, die immerhin zwei Drittel aller Ingenieure ausbilden, scheint die Abbrecherquote bei den Bachelorstudenten aber sogar zuzunehmen gegenüber den Diplomanden. Der mit Abstand wichtigste Grund: Leistungsprobleme. Häufig hat der Umfang des Stoffes nicht so sehr abgenommen, wie es angesichts der Verkürzung der Studiendauer angemessen wäre. Die Studierenden haben im ersten Semester bereits Prüfungen, die zeugnisrelevant sind. »Früher brachen die Studenten im Schnitt nach 7,3 Fachsemestern ab, heute nach 2,3 Fachsemestern. Nach zwei Semestern sieht man kein Land mehr und ist weg«, sagt Leitner.

An den Universitäten ist die Abbrecherquote gleich geblieben. Doch offenbar hat auch hier kaum eine Fakultät die Umstellung genutzt, um die Studierenden zum Dabeibleiben zu motivieren. Dabei sind die Gründe der Abbrecher durchaus bekannt. »Zu große Stofffülle, zu wenig Praxisbezug und Betreuung«, sagt Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker von der Technischen Universität Hamburg-Harburg.

Das hat auch Christian Vierkötter erfahren, heute Maschinenbau-Bachelorstudent im fünften Semester an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. »In den ersten Vorlesungen saßen fast alle 1050 Maschinenbau-Erstsemester in einem Saal, zusammen mit den Wirtschaftsingenieuren hätten sogar 1400 Leute in manchen Veranstaltungen sitzen müssen.« Am Anfang sagten manche Dozenten den Neulingen, von allen, die hier seien, werde am Ende nur noch die Hälfte da sein. Nicht gerade das, was man sich unter An-die-Hand-Nehmen vorstellt. Erst im Laufe des Studiums wurden die Bedingungen günstiger. »Heute sind die Gruppen kleiner, die Betreuung ist besser«, so Vierkötter. Davor allerdings hatten viele schon längst aufgegeben.

Christian Vierkötter gehört zum ersten Bachelorjahrgang, der in Aachen anfing. Dementsprechend waren Schwierigkeiten programmiert. »Man gab sich alle Mühe, aber Komplikationen tauchten natürlich trotzdem immer wieder auf. Manchmal kamen wir uns vor wie Versuchskaninchen«, sagt er. Das Bachelor-Master-System sei eine Katastrophe, tönt es auch aus vielen Fakultäten, die sich überwiegend gesträubt hatten gegen die Einführung des neuen Studiensystems. Aber so einfach will Leitner vom HIS es ihnen nicht machen. »Die Ziele von Bachelor und Master sind vollkommen richtig: Bessere Betreuung, kompakteres Studium.« Nur in der Umsetzung habe sich einiges falsch entwickelt, das nun dringend korrigiert werden müsse.

Hinzu kommt: Die Grundprobleme aber, die weitgehend unabhängig sind von Bachelor, Master und Diplom, sind viele Universitäten dann gar nicht erst angegangen. Briedis vom HIS zufolge interessieren sich eigentlich genügend Menschen für Technik. Das Interesse werde eben nur nicht geweckt. »Die entscheidende Frage ist daher: Wie wird Technik vermittelt?« Nicht früh genug könne man mit einer anschaulicheren Vermittlung anfangen, schließlich werde die Entscheidung für ein technisches Studienfach im Alter von 14 bis 16 Jahren gefällt. Man sollte also schon in der Schule die Teenager für Technik begeistern.

Der nächste Schritt liegt natürlich bei den Universitäten. Wenn sich die Abiturienten für ein Ingenieurstudium entschieden hätten, müssten sie die Begeisterung erfahren, die sie dabeibleiben lässt, so Briedis. Wie lässt sich das erreichen? Was macht man heute falsch?

Ganz vorn steht für Gabriele Winker von der TU Hamburg-Harburg die Entrümpelung der Inhalte. Natürlich hat nicht jeder das Zeug zum Ingenieur, der gelegentlich in der Garage an seinem Auto herumbastelt; gute Kenntnisse in Mathematik sind Voraussetzung für die spätere Arbeit. »Aber wenn die Studierenden nicht wissen, wofür sie die Formeln pauken, sind sie auch nicht motiviert. Eine Verzahnung der Grundlagen mit der Anwendung in der Praxis ist kaum vorhanden. Vor allem in den ersten Semestern fehlt der Ausblick auf den Beruf – kein Wunder, dass viele das Studium abbrechen«, sagt Winker.

Natürlich müsse auch die Didaktik verbessert werden, über die sich laut einer Umfrage von Winker viele Studierende besonders beklagen. Dazu brauche es kleinere Gruppen in den Seminaren. Große Massenvorlesungen seien zusätzlich nicht grundverkehrt, aber sie müssten auch alle mitnehmen können. »Ideal wäre ein Wissenschafts-Entertainer, der es gut kann«, sagt Winker.

Die Bemühungen sind zwar groß. Zahlreiche weitere Initiativen von der Wirtschaft werben für technische Studiengänge, teilweise schon in Schulen. In den Zahlen der Absolventen hat sich das bisher nicht niedergeschlagen. Wenn die Not zu groß wird, könnte auch ein ganz anderes Vorgehen hilfreich sein: die Universitäten nach Absolventen bezahlen, wie es in den Niederlanden und auch mit einer übersichtlichen Summe in Nordrhein-Westfalen bereits geschieht. Das gilt zwar als ein zweischneidiges Schwert, denn die Qualität des Abschlusses könnte sinken, da mehr Studierende durchgeschleust würden. Aber sie bekämen wahrscheinlich bessere Noten. Das schafft Erfolgserlebnisse. Und wenn das Studium Spaß macht, bleibt man eben eher dabei.

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Leser-Kommentare
  1. eine sichere UND interessante Berufsperspektive zu vermitteln? was läuft da falsch in den Köpfen unserer Lehrer? Warum werden Mathematik-lastige Studiengänge gemieden - besonders von Frauen? Alles muss auf den Prüfstand, aber besonders der Mathematikunterricht.

  2. Hach wie gerne haette ich meinen alten Physik-Lehrer als Prof an der Uni. Ich habe einfach das Gefuehl, dass alles auf dem Papier geaendert wird, aber anstatt es wirklich umzusetzen, denken die da Oben, dass es auch immer passiert.
    Lasst doch mal die Studenten selbst sagen, was falsch laeuft. Aber Nein. Die Stimme der Studenten ist nicht wichtig. Letztendlich sind es wieder Politiker die entscheiden welche Aenderungen vorgenommen werden. Alles im oekonomischen Sinne, damit auch ja wieder Geld in den Wirtschafts- &Exportsstandort Deutschland kommt. Danke.

    • clubby
    • 29.10.2009 um 13:28 Uhr

    Ingenieure werden "händeringend" gesucht, aber "händewinkend" bezahlt,
    ganz einfach. Tja, mit wieviel fängt ein so händeringend gesuchter Ingenieur an? 40k/Jahr und fertig ists. Und das in einer Witschaftsnation, die davon lebt, technisch innovativer als alle anderen zu sein. Tja, noch Fragen? ... genau!, ich kann das Gejammer auch nicht mehr hören.

    Noch dazu sind sie die letzten, deren Bedarf sich in guten Zeiten erhöht und die ersten die gehen wenns kriselt, und das ganze erreichen sie mit einem Studium was noch dazu komplizierter ist als alle anderen und am meisten Invesitionen benötigt.

    Um das wirklich zu wollen, muß man schon sehr leidensfähig, selbstlos oder ein absoluter Nerd sein.

  3. Vielleicht ist es nicht ganz so erstrebenswert für die Abiturienten zuerst ein hartes Studium zu absolvieren um dann hinterher als Ingenieur in der Zeitarbeit zu landen.

    • Mila27
    • 29.10.2009 um 14:00 Uhr
    5. Genau!

    Nichts erhöht die Motivation für ein Ingenieursstudium mehr, als eine ordentliche Berufsperspektive. Ich bin selbst ein leidenschaftlicher, technikverrückter Ingenieur und habe definitiv Freude an meinem Job. Allerdings fühlt man sich bei 40k/Jahr (genausoviel wie ein durchschnittlicher Fabrikarbeiter bei BMW) schon unterbezahlt.

  4. Also so groß kann der Notstand nicht sein, wenn ich sehe, wie mit mir und Mitdiplomanden seit Abschluss (FH-)Diplom im März 09 umgegangen wird. Auf zahlreiche Bewerbungen initiativ und auf konkrete Stellenanzeigen beworben. Nur Absagen, keine Antworten oder etwaige Rückstellungen falls die Konjunktur wieder anziehen sollte. Dazu zahlreiche, erfundene Stellenprofile in den Stellenbörsen seitens der Dienstleister (Zeitarebeit), die es nicht gibt. Resultat ist, dass aus meinem Abgang von 43 "Mann" Stärke 9 Leute (Stand September) etwas gefunden haben. Davon arbeiten fünf fachqualifiziert bei der Firma ihrer Angehörigen, 3 "High Potentials" haben regulär was Studiumgerechtes in der freien Wirtschaft gefunden. Ein Anderer verdient sich dank Führerschein CE mit LKW-Fahren seine Brötchen. Die Absolventen in den exportorientierten Studiengängen werden in der Krise seitens Wirtschaft und Industrie fallengelassen, wie eine heiße Kartoffel. Von den Opfern, die jetzt im Oktober, die Hochschulen verlassen, mal ganz zu schweigen. Da kloppen sich dann die Diplomer mit den Bachelors um die begrenzten Masterplätze, damit keine Lücken im Lebenslauf entsteht. Man kann jedem nicht High Potential nur abraten von einem (Ingenieur)studium. Mit einer Ausbildung und evtl. Meister oder Techniker ist man um Welten besser dran als mit einem teurem Studium und dem Verdienstausfall. Der Gau tritt ein, wenn man sich vorher mit Studienkrediten finanziert hat. Dann folgt unausweichlich die Privatinsolvenz.

    • xoxox
    • 29.10.2009 um 14:15 Uhr

    Ingenieure werden zu 90% nicht mehr direkt eingestellt, sondern von externen Dienstleistern gemietet. Dies betrifft aus eigener Erfahrung besonders die Automobil-Industrie.

    Als Externer hat man nur Nachteile gegenüber den internen Kollegen. 40 statt 35 Stundenwoche, weniger Gehalt, kein Urlaubs-Weihnachtsgeld, keine Gewinnbeteiligung, höhere Essenszuschläge, keine verbilligte Krankenkasse/Auto-Versicherung, keine kostenlosen Leih-Fahrzeuge für das Wochenende, usw.

    Die internen Kollegen sind hier nicht das Problem, im Gegenteil leiden sie auch unter der Situation weil sie mit wechselnden Kollegen arbeiten müssen (der KnowHow-Verlust ist teilweise katastrophal) und zudem den ganzen Papierkram wegen Neu-/Weiterbeauftragung und Leistungnachweise machen müssen. Getrieben wird es vom Management, ausgeführt vom Einkauf.

    Extrem wurde es 2009, Kollegen wurden erst weiterbeschäftigt nachdem der Abteilungsleiter persönlich das Thema nach oben eskaliert hat Ich wurde verlängert, aber der Dienstleister wo ich beschäftigt bin wurde um 30% (ja, dreissig) gedrückt. Wovon meine eigentlich fällige Gehaltserhöhung bezahlt werden soll, weiss ich selber nicht.

    Der Einkauf verstösst systematisch gegen jedwedes Vertragsrecht, genau wissend, dass es keiner wagt, dagegen aufzubegehren. Ich verdiene soviel wie der Fabrikarbeit am Band (s. früheren Zeit-Artikel), mein Arbeitsplatz ist immer nur für ein Jahr gesichert. Da verwundert es kaum, dass Ingenieur in Deutschland kein Traum-Beruf ist.

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    ...ich bin Mitte zwanzig habe eine Ausbildung PARALLEL dazu meinen Dipl.Ing mit Note 1,7 gemacht (->duales Studium). Resultat: einen Ein-Jahres-Vertrag mit 3,5k brutto im Monat, Steuerklasse 1.

    Zugegeben, es reicht auf jeden Fall zum Leben und für ein Hobby...aber fünf Jahre sich den A**** aufreißen für so einem Ergebnis!?
    [Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigten Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
    Ich nehms mit Humor: Wenigstens hab ich super Kollegen...zumindest das eine Jahr noch ;)

    MfG
    Fetzi

    ...ich bin Mitte zwanzig habe eine Ausbildung PARALLEL dazu meinen Dipl.Ing mit Note 1,7 gemacht (->duales Studium). Resultat: einen Ein-Jahres-Vertrag mit 3,5k brutto im Monat, Steuerklasse 1.

    Zugegeben, es reicht auf jeden Fall zum Leben und für ein Hobby...aber fünf Jahre sich den A**** aufreißen für so einem Ergebnis!?
    [Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigten Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
    Ich nehms mit Humor: Wenigstens hab ich super Kollegen...zumindest das eine Jahr noch ;)

    MfG
    Fetzi

  5. ...ich bin Mitte zwanzig habe eine Ausbildung PARALLEL dazu meinen Dipl.Ing mit Note 1,7 gemacht (->duales Studium). Resultat: einen Ein-Jahres-Vertrag mit 3,5k brutto im Monat, Steuerklasse 1.

    Zugegeben, es reicht auf jeden Fall zum Leben und für ein Hobby...aber fünf Jahre sich den A**** aufreißen für so einem Ergebnis!?
    [Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigten Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
    Ich nehms mit Humor: Wenigstens hab ich super Kollegen...zumindest das eine Jahr noch ;)

    MfG
    Fetzi

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    Für einen Berufsanfänger mit FH-Abschluss sind 45.500 Euro brutto im Vergleich ein sehr gutes Gehalt. Mit Promotion liegt man als Einsteiger bei ca. 50.000 Euro.

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