Bologna-Reform Notstand bei den IngenieurenSeite 2/2
Christian Vierkötter gehört zum ersten Bachelorjahrgang, der in Aachen anfing. Dementsprechend waren Schwierigkeiten programmiert. »Man gab sich alle Mühe, aber Komplikationen tauchten natürlich trotzdem immer wieder auf. Manchmal kamen wir uns vor wie Versuchskaninchen«, sagt er. Das Bachelor-Master-System sei eine Katastrophe, tönt es auch aus vielen Fakultäten, die sich überwiegend gesträubt hatten gegen die Einführung des neuen Studiensystems. Aber so einfach will Leitner vom HIS es ihnen nicht machen. »Die Ziele von Bachelor und Master sind vollkommen richtig: Bessere Betreuung, kompakteres Studium.« Nur in der Umsetzung habe sich einiges falsch entwickelt, das nun dringend korrigiert werden müsse.
Hinzu kommt: Die Grundprobleme aber, die weitgehend unabhängig sind von Bachelor, Master und Diplom, sind viele Universitäten dann gar nicht erst angegangen. Briedis vom HIS zufolge interessieren sich eigentlich genügend Menschen für Technik. Das Interesse werde eben nur nicht geweckt. »Die entscheidende Frage ist daher: Wie wird Technik vermittelt?« Nicht früh genug könne man mit einer anschaulicheren Vermittlung anfangen, schließlich werde die Entscheidung für ein technisches Studienfach im Alter von 14 bis 16 Jahren gefällt. Man sollte also schon in der Schule die Teenager für Technik begeistern.
Der nächste Schritt liegt natürlich bei den Universitäten. Wenn sich die Abiturienten für ein Ingenieurstudium entschieden hätten, müssten sie die Begeisterung erfahren, die sie dabeibleiben lässt, so Briedis. Wie lässt sich das erreichen? Was macht man heute falsch?
Ganz vorn steht für Gabriele Winker von der TU Hamburg-Harburg die Entrümpelung der Inhalte. Natürlich hat nicht jeder das Zeug zum Ingenieur, der gelegentlich in der Garage an seinem Auto herumbastelt; gute Kenntnisse in Mathematik sind Voraussetzung für die spätere Arbeit. »Aber wenn die Studierenden nicht wissen, wofür sie die Formeln pauken, sind sie auch nicht motiviert. Eine Verzahnung der Grundlagen mit der Anwendung in der Praxis ist kaum vorhanden. Vor allem in den ersten Semestern fehlt der Ausblick auf den Beruf – kein Wunder, dass viele das Studium abbrechen«, sagt Winker.
Natürlich müsse auch die Didaktik verbessert werden, über die sich laut einer Umfrage von Winker viele Studierende besonders beklagen. Dazu brauche es kleinere Gruppen in den Seminaren. Große Massenvorlesungen seien zusätzlich nicht grundverkehrt, aber sie müssten auch alle mitnehmen können. »Ideal wäre ein Wissenschafts-Entertainer, der es gut kann«, sagt Winker.
Die Bemühungen sind zwar groß. Zahlreiche weitere Initiativen von der Wirtschaft werben für technische Studiengänge, teilweise schon in Schulen. In den Zahlen der Absolventen hat sich das bisher nicht niedergeschlagen. Wenn die Not zu groß wird, könnte auch ein ganz anderes Vorgehen hilfreich sein: die Universitäten nach Absolventen bezahlen, wie es in den Niederlanden und auch mit einer übersichtlichen Summe in Nordrhein-Westfalen bereits geschieht. Das gilt zwar als ein zweischneidiges Schwert, denn die Qualität des Abschlusses könnte sinken, da mehr Studierende durchgeschleust würden. Aber sie bekämen wahrscheinlich bessere Noten. Das schafft Erfolgserlebnisse. Und wenn das Studium Spaß macht, bleibt man eben eher dabei.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 29.10.2009 - 10:03 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
- Kommentare 25
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







eine sichere UND interessante Berufsperspektive zu vermitteln? was läuft da falsch in den Köpfen unserer Lehrer? Warum werden Mathematik-lastige Studiengänge gemieden - besonders von Frauen? Alles muss auf den Prüfstand, aber besonders der Mathematikunterricht.
Hach wie gerne haette ich meinen alten Physik-Lehrer als Prof an der Uni. Ich habe einfach das Gefuehl, dass alles auf dem Papier geaendert wird, aber anstatt es wirklich umzusetzen, denken die da Oben, dass es auch immer passiert.
Lasst doch mal die Studenten selbst sagen, was falsch laeuft. Aber Nein. Die Stimme der Studenten ist nicht wichtig. Letztendlich sind es wieder Politiker die entscheiden welche Aenderungen vorgenommen werden. Alles im oekonomischen Sinne, damit auch ja wieder Geld in den Wirtschafts- &Exportsstandort Deutschland kommt. Danke.
Ingenieure werden "händeringend" gesucht, aber "händewinkend" bezahlt,
ganz einfach. Tja, mit wieviel fängt ein so händeringend gesuchter Ingenieur an? 40k/Jahr und fertig ists. Und das in einer Witschaftsnation, die davon lebt, technisch innovativer als alle anderen zu sein. Tja, noch Fragen? ... genau!, ich kann das Gejammer auch nicht mehr hören.
Noch dazu sind sie die letzten, deren Bedarf sich in guten Zeiten erhöht und die ersten die gehen wenns kriselt, und das ganze erreichen sie mit einem Studium was noch dazu komplizierter ist als alle anderen und am meisten Invesitionen benötigt.
Um das wirklich zu wollen, muß man schon sehr leidensfähig, selbstlos oder ein absoluter Nerd sein.
Vielleicht ist es nicht ganz so erstrebenswert für die Abiturienten zuerst ein hartes Studium zu absolvieren um dann hinterher als Ingenieur in der Zeitarbeit zu landen.
Nichts erhöht die Motivation für ein Ingenieursstudium mehr, als eine ordentliche Berufsperspektive. Ich bin selbst ein leidenschaftlicher, technikverrückter Ingenieur und habe definitiv Freude an meinem Job. Allerdings fühlt man sich bei 40k/Jahr (genausoviel wie ein durchschnittlicher Fabrikarbeiter bei BMW) schon unterbezahlt.
Also so groß kann der Notstand nicht sein, wenn ich sehe, wie mit mir und Mitdiplomanden seit Abschluss (FH-)Diplom im März 09 umgegangen wird. Auf zahlreiche Bewerbungen initiativ und auf konkrete Stellenanzeigen beworben. Nur Absagen, keine Antworten oder etwaige Rückstellungen falls die Konjunktur wieder anziehen sollte. Dazu zahlreiche, erfundene Stellenprofile in den Stellenbörsen seitens der Dienstleister (Zeitarebeit), die es nicht gibt. Resultat ist, dass aus meinem Abgang von 43 "Mann" Stärke 9 Leute (Stand September) etwas gefunden haben. Davon arbeiten fünf fachqualifiziert bei der Firma ihrer Angehörigen, 3 "High Potentials" haben regulär was Studiumgerechtes in der freien Wirtschaft gefunden. Ein Anderer verdient sich dank Führerschein CE mit LKW-Fahren seine Brötchen. Die Absolventen in den exportorientierten Studiengängen werden in der Krise seitens Wirtschaft und Industrie fallengelassen, wie eine heiße Kartoffel. Von den Opfern, die jetzt im Oktober, die Hochschulen verlassen, mal ganz zu schweigen. Da kloppen sich dann die Diplomer mit den Bachelors um die begrenzten Masterplätze, damit keine Lücken im Lebenslauf entsteht. Man kann jedem nicht High Potential nur abraten von einem (Ingenieur)studium. Mit einer Ausbildung und evtl. Meister oder Techniker ist man um Welten besser dran als mit einem teurem Studium und dem Verdienstausfall. Der Gau tritt ein, wenn man sich vorher mit Studienkrediten finanziert hat. Dann folgt unausweichlich die Privatinsolvenz.
Ingenieure werden zu 90% nicht mehr direkt eingestellt, sondern von externen Dienstleistern gemietet. Dies betrifft aus eigener Erfahrung besonders die Automobil-Industrie.
Als Externer hat man nur Nachteile gegenüber den internen Kollegen. 40 statt 35 Stundenwoche, weniger Gehalt, kein Urlaubs-Weihnachtsgeld, keine Gewinnbeteiligung, höhere Essenszuschläge, keine verbilligte Krankenkasse/Auto-Versicherung, keine kostenlosen Leih-Fahrzeuge für das Wochenende, usw.
Die internen Kollegen sind hier nicht das Problem, im Gegenteil leiden sie auch unter der Situation weil sie mit wechselnden Kollegen arbeiten müssen (der KnowHow-Verlust ist teilweise katastrophal) und zudem den ganzen Papierkram wegen Neu-/Weiterbeauftragung und Leistungnachweise machen müssen. Getrieben wird es vom Management, ausgeführt vom Einkauf.
Extrem wurde es 2009, Kollegen wurden erst weiterbeschäftigt nachdem der Abteilungsleiter persönlich das Thema nach oben eskaliert hat Ich wurde verlängert, aber der Dienstleister wo ich beschäftigt bin wurde um 30% (ja, dreissig) gedrückt. Wovon meine eigentlich fällige Gehaltserhöhung bezahlt werden soll, weiss ich selber nicht.
Der Einkauf verstösst systematisch gegen jedwedes Vertragsrecht, genau wissend, dass es keiner wagt, dagegen aufzubegehren. Ich verdiene soviel wie der Fabrikarbeit am Band (s. früheren Zeit-Artikel), mein Arbeitsplatz ist immer nur für ein Jahr gesichert. Da verwundert es kaum, dass Ingenieur in Deutschland kein Traum-Beruf ist.
...ich bin Mitte zwanzig habe eine Ausbildung PARALLEL dazu meinen Dipl.Ing mit Note 1,7 gemacht (->duales Studium). Resultat: einen Ein-Jahres-Vertrag mit 3,5k brutto im Monat, Steuerklasse 1.
Zugegeben, es reicht auf jeden Fall zum Leben und für ein Hobby...aber fünf Jahre sich den A**** aufreißen für so einem Ergebnis!?
[Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigten Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
Ich nehms mit Humor: Wenigstens hab ich super Kollegen...zumindest das eine Jahr noch ;)
MfG
Fetzi
...ich bin Mitte zwanzig habe eine Ausbildung PARALLEL dazu meinen Dipl.Ing mit Note 1,7 gemacht (->duales Studium). Resultat: einen Ein-Jahres-Vertrag mit 3,5k brutto im Monat, Steuerklasse 1.
Zugegeben, es reicht auf jeden Fall zum Leben und für ein Hobby...aber fünf Jahre sich den A**** aufreißen für so einem Ergebnis!?
[Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigten Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
Ich nehms mit Humor: Wenigstens hab ich super Kollegen...zumindest das eine Jahr noch ;)
MfG
Fetzi
...ich bin Mitte zwanzig habe eine Ausbildung PARALLEL dazu meinen Dipl.Ing mit Note 1,7 gemacht (->duales Studium). Resultat: einen Ein-Jahres-Vertrag mit 3,5k brutto im Monat, Steuerklasse 1.
Zugegeben, es reicht auf jeden Fall zum Leben und für ein Hobby...aber fünf Jahre sich den A**** aufreißen für so einem Ergebnis!?
[Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich einer gemäßigten Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vv]
Ich nehms mit Humor: Wenigstens hab ich super Kollegen...zumindest das eine Jahr noch ;)
MfG
Fetzi
Für einen Berufsanfänger mit FH-Abschluss sind 45.500 Euro brutto im Vergleich ein sehr gutes Gehalt. Mit Promotion liegt man als Einsteiger bei ca. 50.000 Euro.
Für einen Berufsanfänger mit FH-Abschluss sind 45.500 Euro brutto im Vergleich ein sehr gutes Gehalt. Mit Promotion liegt man als Einsteiger bei ca. 50.000 Euro.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren