Als er das zweite Mal durch das erste Staatsexamen rasselt, hat er gerade seinen 30. Geburtstag gefeiert. Ohne Abschluss verlässt Moritz B., der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, die Universität Göttingen. "Alles, was ich in der Tasche habe, sind mein Abitur und ein paar juristische Erfahrungen. Ich habe im Grunde umsonst studiert, stehe mit leeren Händen da."

Den Prüfungsmarathon hat er hinter sich gebracht. Sechs Klausuren zu je fünf Stunden geschrieben und diese als sehr hart empfunden. Unangemessen schwer seien sie gewesen, viel anspruchsvoller als der Stoff, den er im Studium gelernt habe. Drei in Zivilrecht, zwei in öffentlichem Recht, eine in Strafrecht und eine Wahlpflichtklausur hat er geschrieben und sie leider verhauen. Moritz B. beneidet jene, die an anderen Universitäten auf Bachelor oder Master studieren können. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er noch die Nase gerümpft über die vermeintlichen Schmalspurjuristen. Heute sagt er: "Die haben wenigstens einen Abschluss."

Lange haben sich die Jura-Fakultäten, Anwaltschaften und Landesjustizminister gegen die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master gewehrt und sich in eine rechtliche Sonderstellung gebracht, die sie vor der Aufgabe ihres geliebten Staatsexamens schützt. Immerhin führten 2002 die Juristen eine sanfte Reform durch, indem sie einen Schwerpunktbereich im Studium einfügten, dessen Note in das erste Staatsexamen einfließt. Außerdem internationalisierten sie das Studium und stärkten die anwaltsorientierte Ausbildung. Viele Professoren wollen es jetzt am liebsten dabei belassen und schauen verärgert auf diejenigen, die Bologna nicht mehr nur verteufeln und weiter gehen wollen.

Sogar die 16 Landesjustizminister, die sich immer gegen die Reform wehrten, beschäftigen sich mit Bologna. Als Ergebnis einer Herbstkonferenz 2008 in Berlin beauftragten sie einen Ausschuss, der unterschiedliche Modelle einer Bachelor-Master-Struktur prüfen und 2011 einen Bericht vorlegen soll. Vor allem die Chefin des bayerischen Justizministeriums, Beate Merk, eine der stärksten Reformgegnerinnen, zeigt sich gespannt. Sie glaubt nicht an ein überzeugendes Modell.

Der Ausschuss beschäftigt sich vor allem mit drei Möglichkeiten: Das "Stuttgarter Modell" des baden-württembergischen Justizministers Ulrich Goll will das bisherige Staatsexamen durch einen dreijährigen Bachelor und und einen zweijährigen Master ersetzen. Mit dem Master wäre man Volljurist, müsste allerdings noch eine Berufseinarbeitungsphase ableisten. Diskutiert wird auch das "3plus-2-Modell" der nordrhein-westfälischen Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter. Nach dem Bachelor und Master hält sie an einer staatlichen Eingangsprüfung, dem Referendariat, und dem zweiten Staatsexamen fest. Jens Jeep, Notar aus Hamburg, hat ein "Vier-Stufen-Modell" entwickelt. Er will einen vierjährigen Bachelor durchsetzen, der zum Staatsexamen als Zugang für die Berufe Anwalt und Richter berechtigt. Ein Jahr soll das anschließende Referendariat dauern. In seinem Modell entfällt das zweite Staatsexamen ganz.

Einige Fakultäten ersetzten das Diskutieren bereits durch Handeln und haben in der letzten Zeit ganz neue Bologna-konforme Studiengänge entwickelt. Andere bieten Bologna-Studiengänge neben dem klassischen Staatsexamen an. Manche integrieren auch den Bachelor in das Staatsexamen. So vergibt zum Beispiel die Bucerius Law School in Hamburg nach dem zehnten Trimester den Bachelor of Laws, der die Anforderungen von Bologna erfüllt. Nach zwei weiteren Trimestern, die ausschließlich dem hochschulinternen Examensvorbereitungsprogramm gewidmet sind, melden sich die Studierenden zur ersten Staatsprüfung.

 

Sogar auf oberster Ebene hat man sich mit der Entwicklung an den Universitäten arrangiert. So begrüßt der Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer, Axel Filges, Chef der 28 regionalen Rechtsanwaltskammern, vorsichtig diese Reformschritte und sagt: "Der Bologna-Prozess bietet Chancen. Richtig umgesetzt, kann die Umstellung des rechtswissenschaftlichen Studiums sogar zu einer diversifizierten Hochschullandschaft führen."

Der 21 Jahre alte Jonas Hofer gehört zu denjenigen, die nach dem Bachelor die Uni verlassen könnten. "Einige meiner Kommilitonen haben sogar schon Angebote aus der Wirtschaft", sagt er, "die werden als Wirtschaftsprüfer arbeiten und Unternehmen juristisch beraten." In Mannheim studiert Hofer im dritten Semester den auf sechs Semester angelegten Bachelorstudiengang "Unternehmensjurist". Viele sehen darin den Anfang vom Ende des Einheitsjuristen, weil er an der Marke des ersten Staatsexamens rührt.

"Das Studium ist genau für die gedacht, die nicht in den reglementierten Berufen wie Rechtsanwalt oder Notar arbeiten wollen", sagt Professor Frank Maschmann von der Universität Mannheim. Die Unternehmensjuristen sehen sich später vor allem in Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsfirmen. Das Besondere an dem Studium ist, dass sie juristisch und betriebswirtschaftlich ausgebildet werden. Vor allem die betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikation hebt sie ab. "Während es früher ganz selbstverständlich war, dass klassisch ausgebildete Juristen zu den Mitgliedern des Vorstands oder der Geschäftsführung einer Firma gehörten, gelten sie heute nicht als erste Wahl", sagt Maschmann. "Nach dem Staatsexamen sind sie zu alt, zu unflexibel, nicht besonders kreativ und zu teuer."

Doch führt der neue Studiengang auch zu Verunsicherung. Die 150 Mannheimer Studierenden sollen sich nämlich in den sechs Semestern die Grundlagen des Zivilrechts erschließen und in der Abschlussprüfung die Zivilrechtsklausuren des ersten juristischen Staatsexamens schreiben. Sie dürfen sich schon eine Scheibe vom ersten Staatsexamen abschneiden, während die Juristenanwärter anderer Fakultäten vorher Klausuren in Strafrecht und öffentlichem Recht bestehen müssen. Wer von den Mannheimern den zivilrechtlichen Teil der Staatsprüfung besteht, darf weiterstudieren oder die anderen Klausuren des ersten Examens schreiben. Jonas Hofer sagt: "Mir stehen alle Möglichkeiten offen, und wenn ich die Staatsprüfung nicht schaffe, kann ich noch in die Wirtschaft gehen."

In die Wirtschaft gehen auch die Absolventen der Hanse Law School in Bremen, die dort in Europäischem Recht ausgebildet werden. Der Studiengang kooperiert mit der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und der Rijksuniversiteit Groningen. Berufsziel der Absolventen sind Stellen in europäischen Institutionen oder in der Forschung. Zum Wintersemester 2005/06 hat ein gemeinsamer Masterstudiengang, der zu einem deutsch-niederländischen Doppelabschluss führt, seinen Lehrbetrieb aufgenommen. Mit diesem Master of Laws (LL.M.) erhalten die Absolventen zugleich Zugang zur europäischen Rechtsanwaltschaft und können auch in den Niederlanden Rechtsanwalt werden. Ob der in den Niederlanden zugelassene Rechtsanwalt in Deutschland arbeiten darf, ist allerdings fraglich. Hier pocht man immer noch auf den klassischen Weg.

Daran will auch Anwaltskammerpräsident Filges nichts ändern. Er sagt: "Die Menschen auf der Straße sollen weiterhin ein gutes Gefühl haben, wenn sie Hilfe bei einem Anwalt suchen. Der Bachelor vermittelt Grundwissen, reicht aber nicht für die umfassende anwaltliche Rechtsberatung."

So bleibt der klassische Weg zum Einheitsjuristen vorläufig bestehen: Nach dem ersten Staatsexamen folgt der zweijährige Vorbereitungsdienst. Die Referendare arbeiten mindestens drei Monate lang bei einem Gericht für Zivilsachen, bei einem Gericht für Strafsachen oder einer Staatsanwaltschaft und bei einer Verwaltungsbehörde sowie neun Monate bei einem Rechtsanwalt. Wahlstationen erlauben eine weitere Spezialisierung. Vor der Tätigkeit als Richter, Anwalt oder Notar steht dann noch das alles entscheidende zweite Staatsexamen. "Der Einheitsjurist ist ein hohes Gut", betont Axel Filges, der in Hamburg als Arbeitsrechtler tätig ist.

Er selbst könnte sich allerdings schon vorstellen, auch einen Bachelor- oder Masterabsolventen in seiner international tätigen Sozietät einzustellen. "Die Ausbildung wird mit Bologna individueller. Ich sehe Tätigkeitsfelder für Absolventen in der Personalabteilung, im Marketing, im Hochschulrecruiting oder in der Assistenz."

Moritz B. will sich im kommenden Semester wieder an einer Universität einschreiben. Um dann mit dem Bachelor in Jura abzuschließen.