Es war schmeichelhaft, was Reinhard K. Sprenger kürzlich in der Welt sagte: »Der Bürger ist nicht Untertan, sondern Souverän; der Staat ist nicht Obrigkeit. Die Schweiz ist deshalb ein Bürgerstaat. In Deutschland ist man Staatsbürger.« Deutschlands Management-Guru mit Sitz in Zürich unterscheidet also so: Die Schweiz, Musterland bürgerlicher Freiheit; Deutschland, Paradefall staatlicher Bevormundung. »Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser« sei das hiesige Staatsmotto, das deutsche dagegen: »Viele Schwererziehbare und Halbkriminelle da draußen!«

Den Bevormundungsstaat beschreibt Sprenger als Melange aus Misstrauen und Verachtung gegenüber dem Bürger, der angeblich nicht in der Lage ist, sein Leben selbst zu regeln. Der Staat rufe den Bürgern zu: »Ich weiß, was für dich gut ist.« Und ruhe nicht, den Menschen zu verändern, zu verbessern, zu veredeln: nicht rauchen, nicht trinken, nicht dick sein, nicht auf Konsum verzichten, nicht kinderlos sein, nicht ins Rockkonzert gehen, sondern in die Oper (weshalb die Oper subventioniert wird), nicht sterben, wie er will.

Wenn das typisch deutsch ist, dann hat die Schweiz aber mächtig aufgeholt. Stets in bester Absicht, klar. Alles zur höheren Sicherheit der Bürger. Die sind angeblich gründlich verunsichert – durch Schweinegrippe, Finanzkrise, jugendliche Schläger im Quartier, Raser auf Straßen, Mob im Fußballstadion, Zivilisationszombies in Zügen, Datenklau im Internet, vom internationalen Terrorismus nicht zu reden. Alles nicht halb so wild wie im Kaukasus oder anderswo. Offensichtlich aber doch so bedrohlich oder auch bloß so irritierend, dass Einschränkungen privater Freiheit und Unbeobachtetheit ganz ungeniert verlangt, unbekümmert in Kauf genommen werden: Videoüberwachung in Bahn und Tram, auf Schulhöfen; DNA-Proben schon bei geringfügigen Vergehen wie Ladendiebstahl und Sachbeschädigung; Internetfahndung samt Google Street View (auch wenn da mal ein ehrenhafter Theaterregisseur als vermeintlicher Drogendealer an den Pranger gestellt wird). All dies ohne hörbaren Einspruch. Das systematische Kontrollieren, Observieren, Registrieren scheint gesellschaftlich akzeptiert, ja willkommen.

Was bleibt übrig vom Grundsatz »Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser«? Für Reinhard K. Sprenger gilt er für den Steuerstaat Schweiz. Der nimmt dem Bürger weniger Geld weg – und lässt ihm die Freiheit, mit seinem Geld zu tun, was er will. Fiskalisch respektiert der Staat Schweiz grosso modo die Souveränität des Bürgers, das bewahrt ihn davor – etwa unter dem Vorwand der Steuerehrlichkeit –, zum Schnüffelstaat zu werden.

Sonst aber kommt, immer mehr, Sicherheit vor Freiheit. Mit DNA-Fichen beispielsweise geht die Schweiz weiter als Deutschland. Dort muss die Staatsanwaltschaft in jedem Einzelfall das Interesse der Fahnder gegen den Persönlichkeitsschutz des Tatverdächtigen abwägen. In manchen Schweizer Kantonen werden DNA-Proben präventiv genommen, auch bei Bagatelldelikten. 100.000 Personenprofile enthält die nationale DNA-Datenbank, neu auch jene von sechs Hausbesetzern aus Biel, die weder Menschen gefährdeten noch Sachwerte zerstörten. Juristisch korrekt, gesellschaftlich aber kippt hier das liberale Prinzip, den Bürger in Ruhe zu lassen, solange er nicht gemeingefährlich auffällt. Immer ungescheuter greift die Politik im Namen der Verbrechensbekämpfung in Grundrechte des Einzelnen ein.

Die Schweiz richtet sich als Verbotsgesellschaft ein – mit der Idee, die gesellschaftliche Sicherheitssehnsucht mit Mitteln des Strafrechts zu stillen. Die Idee geht real nie auf. Höhere Strafandrohungen, härtere Strafen? Psychologisch plausibel. Praktisch befriedigen sie bestenfalls Vergeltungsbedürfnisse. Mehr innere Sicherheit schaffen sie nicht, das belegt jede Erfahrung aus Geschichte und Gegenwart. Schnellgerichte gegen Hooligans? Clever als Idee, illusorisch in der Praxis, es sei denn, man verabschiedet zivilisatorische Errungenschaften im Strafverfahren wie Einspracherecht, Unschuldsvermutung. Tauglicher wäre ein Blick nach Deutschland. Dort hält man das Wüten von Hooligans in Grenzen, ohne Schnellrichter, trotz mehrfachen Publikumsaufmarsches.

Gesellschaftlich prekäre Tendenzen lassen sich nur gesellschaftspolitisch zähmen, nicht strafrechtlich. Das weiß jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat. Wer dennoch auf unterschiedsloses Kontrollieren, Observieren, Registrieren setzt, handelt wider besseres Wissen – und nimmt es hin, dass elementare Freiheitsrechte verspielt werden. Auch vereinzelte Fahndungserfolge mit dem Internetpranger rechtfertigen nicht das Verwischen der Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre.