Freiheitsberaubung Freiheit, die ich meineSeite 3/3
Dass der Mensch von Natur aus »faul und feige« ist, darum seine Unmündigkeit geradezu liebt, das erkannte schon Immanuel Kant. Doch es wäre ihm nie eingefallen, dies als Rechtfertigung für staatliche Entmündigung gelten zu lassen. Es mag auch sein, dass Friedrich Engels recht hatte, als er sagte: »Das Wesen des Staates ist die Angst der Menschheit vor sich selbst.« Ein liberaler Staat aber darf die Bürger nicht bloß appellativ zu Freiheit und Verantwortung aufrufen, er muss ihnen auch im politischen Handeln deutlich machen, dass sie für sich verantwortlich sind, dass das Leben nicht in jeder Lage staatlich gepolstert wird. Ein solcher Staat brächte eher Dürrenmatts Sichtweise vom riskanten Leben unter die Leute: »Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist.« Nach diesem Motto lebt es sich famos befreit: Geht nichts in die Luft, ist man ganz vergnügt; geht mal was in die Luft, hat man es ja erwartet. Wir leben unter irdischen Bedingungen, und da sind wir vor nichts sicher. Aus mindestens zwei Gründen.
Die Kampfhunde sind noch da, das Bankgeheimnis gibt es bald nicht mehr
Erstens ist der Mensch kein vom Himmel gefallener Engel, eher ein Spätausläufer des Affen, die Evolutionsleiter hinanstolpernd. Man kann ihm, beim Stolpern, hundert Sicherheitsgurte umlegen. Dann stolpert er weniger – doch er kommt auch nicht voran. Wie die Steinböcke. Die verlassen, wenn kein Wolf mehr unterwegs ist, das unwirtlich felsige Terrain, weiden auf satten Wiesen, vernachlässigen ihr Klettertraining, führen sich auf wie liebliche Rehe. Kommt doch wieder mal der Wolf vorbei, werden sie hilflose Opfer, als Rehe sind sie zu langsam. Ergo: Unsicherheit gehört zum Sicherheitstraining.
Zweitens kommt das Übel meist unerwartet. Die Politik konzentrierte gerade alle Energie darauf, das Volk vor Kampfhunden zu schützen, als die Attacken aufs Bankgeheimnis losgingen. Darauf war dann niemand richtig vorbereitet, die Abwehr funktionierte improvisiert. Mit dem Ergebnis, dass Kampfhunde noch immer da sind und es das Bankgeheimnis wohl bald nicht mehr geben wird. Die Fixierung auf Innere Sicherheit vernachlässigt äußere Bedrohungen. Es ist wie im privaten Sicherheitsstreben: Wir machten uns Sorgen wegen Vogelseuche, Hauseinbruch, Herzinfarkt. Nichts, was wir befürchteten, trat ein. Unsere Sicherheitsvorkehrungen waren unnötig. Stattdessen passierten Dinge, auf die wir nie gekommen wären: Die Finanzkrise halbierte unser Alterskapital. Ergo, je rabiater wir uns auf greifbare Unsicherheiten stürzen, desto heimtückischer überfallen uns die unerwarteten.
Ein Staat, der so tut, als könne er vor allem Ungesicherten schützen, macht Bürger zu Marionetten. Der Staat als Amme in allen Lebenslagen. Von der approbierten Zeugung bis zur Sterbehilfe, von der Kinderkrippe bis zur Hinterlassenschaft, von der Lehrstelle bis zum Zinssatz der Altersrente: Der Staat führt Regie noch im privaten Drama; die Individuen, überfordert mit den Wechselfällen der globalisierten Dynamik, delegieren ihre Lebensleitung an die Sicherheitsgeneralagentur Staat. Suchten sie einst Schutz vor dem Staat, fordern sie heute Schutz durch den Staat. Der lässt sich nicht zweimal bitten. Aus der kollektiven Sehnsucht nach Sicherheit bezieht er seine Legitimität.
Diese Sehnsucht kostet. Nicht nur Geld. Sicherheit kostet Freiheit. Darüber wird selten gestritten. Das Ideal der Freiheit ist weit weniger populär als der Wunsch, unbehelligt zu bleiben. Und ist, aus Sicht von Sicherheitsbehörden, ein Dauerrisiko. Freiheit erzeugt Unsicherheit. Um mit Rüdiger Safranski zu reden: Eine Freiheit, die nicht missbraucht werden kann, ist keine.
Wer komplette Sicherheit will, zieht Freiheit am besten aus dem Verkehr. Aldous Huxley hat das vor 70 Jahren skizziert. In seinem Roman Schöne neue Welt schildert er eine Gesellschaft, die sich fürs Glück und gegen die Freiheit entschieden hat. Die Weltsicherheitsregierung befand, Freiheit habe nichts als soziale Unruhe, individuelle Tragödien, Weltkriege gebracht. Also schaffte sie Freiheit ab – und organisierte das immerwährende Glück, mit Menschenzucht, Sex à discretion, Happy-Pille Soma. »Die Welt ist jetzt im Gleichgewicht. Die Menschen sind glücklich, sie bekommen, was sie begehren, und begehren nichts, was sie nicht bekommen können.«
Die vollendete Sicherheit kommt nicht – wie George Orwell in 1984 es darstellt – durch den Polizeistaat. Huxley sieht klarer: Man muss die Menschen nicht einsperren, es genügt, sie glücklich zu bedröhnen. Sind ihre Begierden gesättigt, spuren sie. Fühlen sie sich happy, sind sie total harmlos. Wozu also Freiheit, wenn das Leben ohne sie sicherer ist?
Nur einer stemmt sich bei Huxley dagegen. Der »Wilde«. »Ich will Freiheit«, sagt er, »ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde. Ich fordere das Recht auf Unglück.«
Freiheit oder Glück? Das könnte die Frage sein. Vielleicht richtet sich ein Staat, der alles Unglück abschaffen will, automatisch gegen die Freiheit.
- Datum 29.10.2009 - 12:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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Ich gestehe, auch ich bin ein Befürworter eines Rauchverbots in öffentlichen Räumen. Aber nicht weil ich der Meinung bin, ich müsste
meine Mitmenschen vor ihren eigenen Süchten und Gefahren beschützen, sondern weil ich schlicht und einfach keine Lust unfreiwillig an ihrer Sucht teilzunehmen. Ich habe kein Problem damit in der S-Bahn gegenüber eines Junkies zu sitzen der sich eine Spritze setzt, denn seine Sucht tangiert meine Wohlbefinden in keinster Weise. Ein Raucher hingegen schon. Der im Artikel beklagte ständige Abbau unserer Freiheit läuft paralell zum ständigen Ausbau der allseits so populären Zwangsolidarität. Bevor ich nicht den Lungenkrebskranken sehe, der stolz drauf beharrt seine Behandlungskosten selbst zu bezahlen anstatt diese von der Allgemeinheit via Krankenkasse bezahlen zu lassen, habe ich Zweifel das mit der für die Freiheit unabdingbaren Selbstverantwortung allzuweit her ist. Kurz gesagt jeder weitere Ausbau des Sozialstaats führt zwangsläufig zu einem weiteren Abbau der persönlichen Freiheit.
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