Wenn die Geschichte nicht wahr ist, dann ist sie zumindest gut erfunden: Im heimischen Plattenschrank in den französischen Pyrenäen nämlich – man schreibt die späte Mitte der achtziger Jahre – findet der junge David Fray drei Exemplare, die ihm unauslöschlich in Erinnerung bleiben: Zum einen dirigiert Karl Böhm Mozarts Requiem, zum anderen setzt sich Glenn Gould mit den Goldberg-Variationen auseinander. Und dann ist da noch eine Aufnahme, die sich mit Franz Schuberts Leben befasst, also wahrscheinlich rhetorische Dreimädlerhaus-Etüden. Kein Wunder jedenfalls, dass der Bub, am Klavier und auch sonst, einer von der ernsteren Sorte wird.

Soeben ist David Fray bei der Echo-Verleihung dafür ausgezeichnet worden, wie er mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen Bachsche Klavierkonzerte aufgenommen hat. Alles, was die Bremer derzeit anpacken, wird zu Gold. In Salzburg hat man sie für ihren Beethoven-Zyklus gefeiert, kurz zuvor haben sie mit Janine Jansen äußerst feinfühlig Brittens Violinkonzert aufgenommen, jetzt finden sie sich mit Fray im Rampenlicht. Der wiederum hätte bereits nach seinem Debüt dort schon sehr gut alleine bestehen können. Mühelos knüpfte er ein zartes, aber tragfähiges Band zwischen Bach in vollster Prachtentfaltung (D-Dur-Partita, Französische Suite in d-Moll) und Pierre Boulez’ Notations von 1945 respektive Incises. Frays Mutter ist Deutschlehrerin, sein Vater forscht in Sachen Kant und Hegel, und es scheint sich einiges an Intelligenz vererbt zu haben.

Fray junior jedenfalls ist bisher klug genug gewesen, sich nicht in Schubladen sortieren zu lassen, die allesamt offenstehen. Gut, er hat einen Klavierschemel wie Glenn Gould, und er mag Debussy, Chopin und die Russen nicht besonders, aber Wölfe kommen ihm nicht ins Haus, auch wenn er denselben Klavierlehrer hatte wie Hélène Grimaud.

Neuerdings ist sein gespielt finsterer Blick von den Bach-Aufnahmen gemildert, und die langen Haare haben schon mal eine Lockenzange gesehen. Innerlich jedoch hat sich nichts geändert, wenn David Fray, nicht unriskant, ausschließlich Schubert spielt – und zwar »Kleinigkeiten«, nämlich Moments Musicaux und Impromptus, die B. Schotts Söhne aus Mainz damals als Verleger an Schubert zurückschickten, weil man sie für bloße Liebhaber und Klavierschüler »zu schwer« fand. Und wie recht B. Schotts Söhne hatten.

Fray hält schon Moments Musicaux zu Anfang sehr schön und gekonnt in der Schwebe. Einerseits spielt er die Impressionen, als läse er aus einem gelungenen Feuilleton vor. Es ist der eine, kleine Gedanke, der hier zählt und kostbar ist. Andererseits behandelt er diesen Gedanken mit einer Würde und Weihe (nur Rauch quillt Gott sei Dank keiner), dass jeder erkennt: Aus der Miniatur wäre jederzeit mehr zu machen. Und man hört, manchmal in einer ganz kleinen Übergewichtung der linken Hand, die Risse und Abgründe, die sich hier auftun in der Musik, da mag sie noch so harmonisch tun. Dass David Fray, wie nicht wenige Franzosen, Wilhelm Kempff zu seinen Hausgöttern zählt, ist nicht erstaunlich. Wie Kempff hat er ein besonderes Faible für alles, was fragil ist: Glück und Glas, wie leicht bricht das. Nun, wer, wenn nicht Schubert, wüsste davon (zu singen).

Robert Schumann (für den sich Fray konsequenterweise demnächst interessieren müsste) hat als Erster darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei den Impromptus um versteckte Sonaten handlt. Fray stellt folgerichtig die Stücke (D 899) nicht auf eine Bühne und lässt den Vorhang nicht aufrauschen. Er präsentiert die Musik nicht, er präpariert sie als Keimzelle von etwas Größerem – und sehr gewissenhaft. So rettet er ihren zeitlosen Wert. Und der Zuhörer fühlt sich: reich beschenkt.

Franz Schubert: Moments musicaux (D780), Impromptus (D 899); David Fray (Klavier),Virgin Classics