Wenn Hollywood vom Kapitalismus erzählt, ist meistens ziemlich viel Adrenalin im Spiel. Oliver Stones Wall Street etwa ließ mit jeder Börsentransaktion einen Lichtblitz über die Leinwand zucken und einen Stromstoß durchs Nervensystem des Zuschauers. Seitdem hat die Weltwirtschaft freilich ein halbes Dutzend Krisen erlebt, die größte davon erst im letzten Jahr. Stones börsenkritische Moral hat sich als ungefähr so wirkungsvoll erwiesen wie der Hinweis auf den Zigarettenschachteln, dass Rauchen zu vorzeitiger Hautalterung führt.

Kein Wunder, dass Steven Soderbergh, der Hollywood-Linke, der in dem Zweiteiler Che kürzlich das Scheitern der Weltrevolution abgearbeitet hat, sich eher ernüchtert zeigt. In seiner Satire Der Informant!, die trügerisch harmlos und sogar ein bisschen albern daherkommt, gibt es keinen Standpunkt mehr, von dem aus sich das Handeln der Wirtschaftssubjekte, der Global Player, noch vernünftig kritisieren ließe.

Der Biochemiker Mark Whitacre, gespielt von einem teigigen, mit Toupet und Schnauzer ausgerüsteten Matt Damon, ist jüngster Vizepräsident des Lebensmittelkonzerns Archer Daniels Midland (ADM), der sein Hauptquartier im ländlichen Illinois hat. Um eine Panne in seinem Verantwortungsbereich zu vertuschen, beginnt Whitacre, seinen Arbeitgeber für das FBI auszuspionieren. Die Gesprächsmitschnitte, die er jahrelang an die Behörde liefert, könnten ADM der illegalen Preisabsprache überführen und Whitacre zu einem Helden machen.

Aber der Mann, dem Gier zur zweiten Natur geworden scheint, wirtschaftet nebenbei in die eigene Tasche. Und im Rhythmus einer Scannerkasse, die alle paar Minuten einen neuen Bon ausspuckt, entfaltet sich eine Betrugsgeschichte, die man nicht glauben würde, wenn sie nicht auf einen akribisch belegten wahren Fall aus den Neunzigern zurückginge.

Die Wahrheit des Films steckt aber gerade in seinem Irrsinn. Wahnhaft ist Whitacres innerer Monolog über Lebensmittelzusatzstoffe und das Jagdverhalten von Eisbären; merkwürdig insistierend eine Erzählung, die Standardsituationen wie das Briefing des Informanten oder die verschwörerischen Sitzungen der Konzernleitungen variiert; schwindelerregend wirkt die vage Ähnlichkeit der rund zwanzig krawattentragenden Nebenfiguren; und völlig durchgeknallt ist der Siebziger-Jahre-Score von Marvin Hamlisch.

Damon, als Schauspieler selbst ein Typ ohne ausgeprägte Eigenschaften, präsentiert den Titelhelden in einer tollen Tour de Force als Karrieristen, dem das Gefühl für alles abhandengekommen ist, was sich nicht in Zahlen, als Gewinn verbuchen lässt und dessen Stärke darin liegt, dass ihm seine Störung nicht bewusst ist: Er glaubt sich selbst, was er sagt, und hält sich stets für den Guten. Damit ist er der perfekte Repräsentant eines schizophrenen, heiß gelaufenen Systems der Gewinnmaximierung – die Gestalt gewordene, mit Frühstücksflocken gemästete Psychopathologie des Neokapitalismus.