USAWas grill ich – und wenn ja, wie viel?

Das American Royal in Kansas City ist der größte Barbecue-Wettbewerb der USA. 500 Teams räuchern Schweinerippen und Rinderbrust in rauen Mengen. Und feiern dabei den Geist des Mittleren Westens. Bjørn Erik Sass hat mit angepackt. von Björn Erik Sass

Der Bus eines Barbecue-Teams

Der Bus eines Barbecue-Teams  |  © Bjørn-Erik Sass

Auf einem riesigen Parkplatz am Ufer des Missouri treffe ich mich mit einem Dutzend Männer. Sie nennen sich Burn Rate!, und ich will von ihnen vier Tage lang grillen lernen. Ein englischer Freund hat sie überredet, mich in ihre Gruppe aufzunehmen. Neben 500 anderen Teams machen die zwölf beim American Royal Barbecue mit. Das klingt grandios und ist es auch: Das American Royal ist der größte Barbecue-Wettbewerb Amerikas und findet seit 30 Jahren immer am ersten Oktoberwochenende in Kansas City oder KayCee, Missouri, statt. KayCee bezeichnet sich selbst als die Barbecue-Hauptstadt der Welt. Vielleicht finde ich ja heraus, ob es das auch wirklich ist.

Die zwölf Männer und ich stellen einander vor, sie geben mir Bier und fragen mich, ob ich Hinterteile mit Senf einstreichen wolle, um anschließend eine Mischung aus Kräutern, Gewürzen und braunem Zucker einzumassieren. Genau dafür bin ich hier. Ziehe also ein Paar Latexhandschuhe an und tue, was meine neuen Kollegen tun und um uns herum ein paar Tausend andere mehr. Vom Fleck weg fühle ich mich aufgenommen. So verschenken nur Amerikaner und vor allem die Menschen im Mittleren Westen ihre Gastfreundschaft.

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"Das ist kein Grill, das ist ein Smoker", erklären Kenny und Andy ernst

Zu den Hinterteilen kann man noch sagen: Da gibt es jede Menge zu bestreichen und einzumassieren. Ganze Generationen von Schweinen des Mittleren Westens ließen ihr Heck für dieses Barbecue. Dazu Schultern und Rippen. Unzählige Rinder gaben ihre Brust. In Kühlkisten, nicht viel kleiner als Badewannen, lagert mein Team fast tausend amerikanische Pfund Fleisch, ungefähr 450 Kilogramm.

Unser Teamkollege Delvin hat das Fleisch aus Iowa geholt, Missouris Nachbarstaat im Norden. Acht Stunden im Auto sitzen, um Grillfleisch zu besorgen, das klingt erst mal sehr amerikanisch. Aber die Ware war umsonst, gesponsert von einem Schlachtbetrieb, für den Delvin mal arbeitete. Und für solche Fleischmassen, da würde auch ich Zeit und Benzinkosten auf mich nehmen, in den Nachbarstaat zu fahren, selbst wenn das in meinem Fall – von Schleswig-Holstein nach Hamburg – nicht ganz die gleichen Dimensionen hätte.

Zum Glück ist das Barbecue-Wochenende klar gegliedert, sonst würde ich als Anfänger wegen der schieren Menge von allem den Überblick verlieren: Am Donnerstag wird aufgebaut, am Freitag ist große Party, am Samstag Familientag und der Wettbewerb der etwa 50 Profi-Teams. Am Sonntag dann reichen wir zusammen mit den anderen Amateuren unsere Barbecue-Proben bei der Jury ein. Erst mal bauen wir aber weiter auf, stapeln Strohballen als Begrenzung um unser Areal und Bierfässer um Bierfässer, hängen Lampionketten ins Partyzelt und das "Burn Rate!"-Banner außen vor. Wir stellen Tische und Bänke hin und lassen die Musikanlage warmlaufen. In unserem Team ist keine Frau, wie ich auch in den Teams um uns herum nur wenige Frauen sehe. Also beginnen wir mit AC/DC.

"Die erste Lage Rippen ist fertig", verkünden Kenny und Andy. Sie kümmern sich um den Smoker. Der Smoker ist das Gerät, autoanhängergroß, das ich vorhin noch aus Versehen Grill genannt habe, weil ich einem in Barbecue-Dingen ungebildeten Volk entstamme. Andy und Kenny, denen das Stück gehört, nahmen gleichzeitig ihre Sonnenbrillen ab und schauten mich recht ernst an. "Das ist kein Grill, das ist ein Smoker", erklärten sie mir. Das Feuer direkt unter dem Rost, das ist ein Grill; hier dagegen garen Hitze und Rauch aus den seitlich angebrachten Feuerkästen das Fleisch. Das ist ein Smoker, und das ist Barbecue, sagte Kenny. Nun schauen wir also auf unsere ersten Resultate beim Royal 2009. Zeitgleich setzt bei allen niagarafallartiger Speichelfluss ein, das kann ich an den hastig zuckenden Halsmuskeln erkennen.

Leserkommentare
    • Ranjit
    • 02. November 2009 15:54 Uhr
    1. Danke

    Ein spannender und überraschender Einblick in eine Facette der Amerikanischen Kultur.
    Vielen Dank dafür.

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  • Schlagworte USA | Bier | College | Detroit | Fleisch | Kansas City
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