Ein schottischer Landwirt mit seinen Hochlandrindern. Klimaschützer kritisieren den hohen Fleischverbrauch der Welt: Er befördere den Klimawandel, sagen sie © Jeff J Mitchell/Getty Images

Die Zeit anzuhalten ist eine eher göttliche Fähigkeit. Eine, die jedenfalls Menschen nicht gegeben ist. Selbst höchste Regierungsbeamte können den Lauf der Dinge nicht zum Stillstand bringen. Trotzdem erwecken sie hin und wieder den Eindruck, sie wären Herrscher über die Zeit – vor allem dann, wenn ihnen zur richtigen Stunde die richtigen Worte fehlen. Um ihr Versagen zu kaschieren, halten Diplomaten in solchen Fällen gern die Uhr an. Als Zeichen dafür, dass sie gedenken, in aller Form weiterzuverhandeln. Jenseits des vereinbarten Zeitlimits.

Voraussichtlich wird das bizarre Ritual demnächst wieder einmal geboten: in der langen Nacht zum 19. Dezember; dann, wenn einige Hundertschaften hochkarätiger Diplomaten aus aller Herren Länder, darunter fast zweihundert Minister und wohl auch einige Regierungschefs, nach zweiwöchigen Verhandlungen im Kopenhagener Kongresszentrum Adieu zueinander sagen. Auf einen wirksamen Pakt zum Schutz der Erde vor der gefährlichen, vom Menschen verursachten Erwärmung werden sie sich bis dahin kaum geeinigt haben. Deshalb werden sie ihr Konklave auch nicht für beendet, sondern nur für unterbrochen erklären – Fortsetzung demnächst in einem anderen Theater.

Es wäre eine schöne Bescherung. Zwei Jahre lang haben alle, die um den Blauen Planeten und seine Bewohner fürchten, auf das Mega-Event gehofft. Und nun? Abwarten. Tee trinken. Und nicht die Geduld verlieren. Als wenn der Kampf gegen den Trend zur Warmzeit dauernd vertagt werden könnte. Als wenn die von Stürmen, Dürren, Missernten und Sintfluten bedrohten Opfer der Erwärmung getrost noch ein bisschen warten könnten. Werden sie aber müssen. "Nach Kopenhagen werden wir mit ziemlicher Sicherheit weiterverhandeln", sagt Karl Falkenberg, der als Leiter der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission zum Spitzenpersonal in der Karawane der Klimadiplomaten gehört.

Vom Montag an wollen sie zwar noch einmal versuchen, die Voraussetzungen für einen Erfolg in Kopenhagen zu schaffen. Eine ganze Woche nehmen sie sich dafür Zeit. Doch warum sollte bei ihrem Treffen in Barcelona mehr herauskommen als bei den früheren Vorbereitungsversammlungen in Bonn und in Bangkok? Selbst die Bekenntnisse von Staats- und Regierungschefs – abgegeben anlässlich von G-8-Gipfeln, von G-20-Gipfeln oder vor der UN-Generalversammlung – haben kaum Bewegung in die festgefahrenen Klimaverhandlungen gebracht. Es geht dabei einfach um zu viel. Vor allem, so die verbreitete Wahrnehmung, um die Verteilung von Entwicklungschancen im 21. Jahrhundert. Es war zwar einst zum Jahrhundert der Umwelt ausgerufen worden, könnte aber genauso gut zum Jahrhundert der Umweltdesaster werden – wenn die Einigung über den globalen Klimaschutz noch lange auf sich warten lässt.

Ausgeschlossen ist der worst case nicht. Fünf Wochen vor Beginn der Kopenhagen-Konferenz ist die Gefechtslage beim Klimapoker jedenfalls so unübersichtlich, wie sie in der rund zwanzigjährigen Geschichte der internationalen Bemühungen noch nie war. Bleibt das Kyoto-Protokoll die Grundlage der Klimapolitik, jener bisher einzigartige Völkerrechtsvertrag mit konkreten Emissionsbegrenzungspflichten für immerhin rund drei Dutzend Industrieländer? Oder tritt an seine Stelle ein neues Paragrafenwerk? Werden es vielleicht sogar zwei? Ist es denkbar, dass die USA, die nach wie vor als einzige Industrienation von Verträgen à la Kyoto nichts wissen wollen, sich in Zukunft zusammen mit China, Indien und den anderen in der Gruppe der 77 vereinten Entwicklungsländern wenigstens anderen gemeinsamen Regeln zum Klimaschutz unterwerfen – während die EU-Staaten und die restlichen Industrieländer strengere Regeln für sich gelten lassen? Wird es überhaupt international verbindliche Pflichten geben? Oder nur viele nationale, die sich vielleicht – vielleicht aber auch nicht – zu effektiver Klimapolitik zusammenfügen?

Fünf Wochen vor Kopenhagen ist all das unklar. "Die G77 wollen ein neues Kyoto-Protokoll, die EU will einen Vertrag wie das Kyoto-Protokoll, die USA wollen einen ganz anderen Vertrag als das Kyoto-Protokoll", sagt der Maltese Michael Zammit Cutajar, der seit vielen Jahren zu den Topverhandlern bei den UN gehört.

Wohlgemerkt, der Streit zwischen den Staatenvertretern tobt längst nicht mehr darüber, ob die Erderwärmung stattfindet, ob sie vom Menschen verursacht wird und ob sie bedrohlich ist. Daran zweifelt im Ernst niemand mehr, auch wenn beispielsweise deutsche Politiker gerade bewiesen haben, dass sie in puncto Klimawandel nicht ganz auf der Höhe der Zeit sind. Wäre es anders, hätte das Spitzenpersonal von Union und FDP im schwarz-gelben Koalitionsvertrag nicht stolz versprechen können, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent senken zu wollen, im Vergleich zu 1990. Tatsächlich entspricht das Minus von 40 Prozent dem Wissensstand von gestern, mittlerweile wären "60 Prozent angebracht", ließ kürzlich Hans Joachim Schellnhuber wissen, der oberste Klimaberater der Bundesregierung.

Warum? Weil beispielsweise der Meeresspiegel sehr viel schneller ansteigt, als noch vor Kurzem vom Weltklimarat IPCC angenommen, seit 1990 um jährlich 3,4 Millimeter statt um nur 1,9 Millimeter. Weil die Kontinentaleismassen sowohl in Grönland als auch in der Antarktis rascher schmelzen, als die Klimamodelle bisher erwarten ließen. Und weil sich die Indizien dafür häufen, dass Megastürme in tropischen Regionen, stärker als bis vor Kurzem befürchtet, zunehmen – um nur ein paar Beispiele zu nennen.