Schwarz-Gelb Merkel: Eine StilkritikSeite 2/2
Kulturelle Einsprüche beruhten bisher immer auf Auslegung. Am Ende waren es Texte, vielfach heilige Texte, die politische Wirklichkeit deuteten, die gesellschaftliche Realität rasterten und einen Rahmen für politische Willensbildung ausmaßen. Politik hatte bisher selbstverständlich kulturelle, genauer: historische und juristische Grundlagen. Normen, nicht Stimmungen waren ihre letzte Instanz. Das prägte die Parteien, ihre Programme, ihr Verständnis von Mitte und Abweichung. Und die heiligen Texte der Kunst waren nicht etwa solche der Kunst, sondern dieselben offiziellen Großen Erzählungen der Moderne. Und nun muss man sagen: Nicht die Erzählungen werden ausgewechselt, sondern das Schriftliche überhaupt verliert seine Kraft. Mit Merkel fällt das ins Auge.
Vorteil der Union war immer ihre Witterung fürs Hegemoniale, in Kombination mit Gleichgültigkeit gegenüber allem Programmlichen. Doch erst Merkel hat die Partei konsequent der Gesellschaft angepasst – und nicht länger in der Gesellschaft für eine konturierte Politik Mehrheiten gesucht. Da ist Politik keine Angelegenheit mehr einer von Experten zelebrierten Hermeneutik. Mittlerweile liefert die tägliche Umfrage den täglichen Legitimitätsschub, spielt auch das Verblödungs-TV eine Rolle, ebenso das Internet, in dem die Einzelposition kaum etwas zählt, das massenhafte Meinungs-Event aber schon.
Solche Einflussfaktoren sind bisher als Verfallserscheinungen der Demokratie angesehen worden. Kann aber sein, dass das gar keine Katastrophe ist. Vielleicht gibt es da Abstufungen. Wenn das alte kulturelle Selbstverständnis der Republik in Fluss gerät und von der politischen Wirklichkeit überholt wird, heißt das noch nicht, sie verfalle zwangsläufig ins Gegenteil, in vernunftlose Populismen. Man muss nur argwöhnen, dass sich von Merkel mehr Menschen repräsentiert fühlen, als man sich bisher eingestand. Womöglich fühlen sie sich freier – und erwachsener behandelt. Irgendwie hat das Antiautoritäre gesiegt, doch anders als die Erfinder dieses Gedankens es wollten.
Intellektuell verkümmert ist neben der FDP auch der Diskurs mit dem Volk
Es bricht eine harte Zeit für die Theorien an, für die normativen Sozialwissenschaften, die politisierten Künste. Die Utopien bleiben an der Leinwand kleben, sie geistern durchs Theater und gelangen nicht mehr auf den Markt. Der Zauber des Kontrafaktischen versinkt. Es zündet irgendwie nicht mehr, im Namen eines moralischen Kollektivs Protest anzumelden, wenn das wirkliche Kollektiv sich politisch anders Gehör verschafft. Die Setzungen der Kultur sind nicht unscharf und emotional, sondern individuell und autoritär.
Die Unduldsamkeit starker Subjektivitäten wird in der Kunst vielleicht noch geschätzt, aber nicht, wenn es ums echte Leben geht. Der Peymann gehört in die Talkshow wie der Gabriel in die Kochshow. Die Agitprop wird durchschaut. So gesehen, hatte der Versuch einer Politisierung der Künste nie viel mit Politik zu tun, sondern war eine Strategie der Rekulturalisierung. Die Republik bildet ihren politischen Willen längst wie in anderen europäischen Nationen.
Was nicht heißt, damit wäre alles in Ordnung. Befriedigend ist dieses Fazit keineswegs, denn aus Merkels Aufhebungen von allem und seinem Gegenteil dröhnt natürlich auch eine monströse Sprachlosigkeit. Man könnte sagen: Es ist eben nur Politik. Intellektuell verkümmert ist nicht nur der Liberalismus der FDP, sondern auch die formlose Kommunikation zwischen "Merkel" und dem "Volk".
Das Gutbürgerliche, das nun das Ganze zu sein beansprucht, droht in Selbstzufriedenheit zu ersticken, wenn es nichts als regieren will, aber keine gesellschaftlichen Haltungen, keine Moralität anbietet, die den Vertrauenvorschuss der Bürger rechtfertigt. Bisher ist da kaum etwas. Und die linksrestaurative Rebellion gegen die Restauration wird dazu ebenso wenig beitragen. Zu den Einsichten der Zeit gehört auch, dass das Neue schrecklich langweilig sein kann.
- Datum 04.11.2009 - 19:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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Wie bitte?
seit die Amateure der Wunschkoalition jetzt versuchen zu regieren, ist nichts mehr langweilig, weil das vor den Wahlen unter der Decke Gehaltene nun in schriller Klarheit an die Oberfläche drängt.Es auch von den Medien nicht mehr verschwiegen werden kann.
Und der Fall Opel wird den Menschen in den nächsten Wochen zeigen, was sie von dieser Regierung zu halten und zu erwarten haben:
es ist leider und Gott sei Dank, Schluss mit Langeweile!!! Es wird viele treffen und in NRW findet die erste Abrechnung statt!!
Wäre das, was uns hier an Fakten, Ankündigungen, Wortbrüchen, seit der Wahl geboten wird, vor der Wahl bekannt gewesen, gäbe es diese Koalition heute nicht!!
@sudek: Demnach glauben Sie also, dass Merkel nicht länger ihre Vershwiegenheit und rethorische Verdrehung der Tatsachen als Politisches Machterhaltungsmittel behalten kann?
Wollen wir es hoffen, ich jedenfalls glaube nicht daran, es sei denn das gegnerische Lager verbündet sich und die millionene Abtrünnigen SPD Wähler kehren zurück und demosntrieren gemeinsam mit Linken und Grünen gegen den kalten neoliberalen Wind.
Pustekuchen...die EU ist konservativ und so ist es Deutschland geworden. Merkels Art, ihre Taktik ist sinnvoll, denn es erhällt sie.
Ich meine sie ist zB eine Frau, also wählen Frauen sie. "Endlich eine Frau an der Spitze" " jetzt gehts berg auf mit den Frauen". Stimmts? Nein! Merkel tut nichts für Frauen, es gibt sogar weniger Frauen in der Fraktinon der Union.
Diese Frau hat diese Fähigkeiten wohl noch seinerzeit bei der Stasi abgucken können. Hoffen wir, dass die Medien, insbesondere die Linken Medien, aufhören Linke zu Diskriminieren und anfangen den Rechtsschwall zu zerreissen!
wurde gestern in den Nachrichten nicht gezeigt, wie Angela Merkel am 10.9.2009 die Rettung von Opel verkündet? Hat sie da gelogen? War dies ein Wortbruch? Warum findet diese Diskussion in der Presse nicht statt?
Solange Angela Merkel nicht mir ihrem Tun von den Massenmedien konfrontiert und kritisiert wird (es heißt immer nur die Regierung, ein CDU-Vertreter durfte gestern beim ZDF sogar Herr Steinmeier zum "Schuldigsten" machen) wird sich nichts ändern.
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