Früher sagten die Rundfunkleute: »Das versendet sich.« Aus dem Äther, aus dem Sinn. Heute landet alles im Netz.

Die Website der WDR-Talkshow Hart aber fair hat eine Rubrik namens »Faktencheck«. Dort nehmen Experten jene Tatsachenaussagen auseinander, die Gäste zuvor im TV gemacht haben. In der Sendung vom Mittwoch vergangener Woche hatte der Moderator Frank Plasberg indes einen Besucher im Studio, dessen Aussagen dort im Nachhinein keinem Faktencheck unterzogen wurden – und offenbar auch vorher nicht. Klaus Martens trat auf, Autor des 45-minütigen Dokumentarfilms Heilung unerwünscht (zwei Tage zuvor ebenfalls in der ARD im Format Die Story ausgestrahlt). Es war der vorläufige Höhepunkt eines Fauxpas, der den verantwortlichen Westdeutschen Rundfunk (WDR) blass aussehen lässt – oder glibberig rosa.

Das ist die Farbe einer Creme, um die Martens folgende Story rankte: Aus Vitamin B₁₂ und Avocadoöl rührt einer ein Mittel gegen Schuppenflechte und Neurodermitis an. Obwohl dieses Linderung verspricht, wollen die Arzneihersteller es nicht vertreiben, um ihre teureren Präparate zu schützen. Feindbild böse Pharmaindustrie, darauf sprangen prompt auch seriöse Tageszeitungen und Nachrichtenwebsites an. Zumal sie ein scheinbares Happy End vermelden konnten: Infolge des TV-Beitrags sei nun doch plötzlich ein Vertreiber aufgetaucht…

Zu schön, um wahr zu sein? Tatsächlich gab es schon vor der Ausstrahlung Geschäftskontakte. Und der Creme war längst, wie anderen Apothekenprodukten, eine siebenstellige Pharmazentralnummer zugeteilt. Die Sache stank. In den Folgetagen beschäftigten die Ungereimtheiten diverse Redaktionen, auch jene, die voreilig die Story übernommen hatten. Am Wochenende erfuhren Zeitungsleser dann, wie dürftig auch die medizinischen Belege sind.

Bis Dienstag dieser Woche hatte Moderator Plasberg nur »handwerkliche Fehler« bei der »Einbettung« seines Gasts eingeräumt. Der selbst stand weiter zu seiner Geschichte. Ob deren Dekonstruktion im Print von einem nennenswerten Anteil der ursprünglichen TV-Zuschauer verfolgt worden ist, darüber mag man spekulieren.

Unangenehmer als die – branchenübliche – Schelte durch die Kollegen dürfte den Fernsehmachern aber sein, wie schnell und präzise sie im Netz vorgeführt wurden. Dort vertraten ein paar Blogger die kritische Öffentlichkeit. Mit der nötigen skeptischen Distanz klopften sie die Plausibilität der Creme-Connection ab – und leisteten damit ein wertvolles Stück Medizinjournalismus. Zuerst im Blog Stationäre Aufnahme, später auch im EsoBlog, bei WeiterGen und andernorts wurden die wenigen Studien zum Thema zitiert, man wies auf Schwächen und Widersprüche hin. Das begann kurz nach Ausstrahlung des Dokumentarfilms, vor der Plasberg-Show.

Bloß im WDR-eigenen Internetforum zur Sendung dominierten das Lob für die TV-Journalisten und aufrechte Empörung über Big Pharma. Blogger beklagten, Kritik sei dort gelöscht worden. Der Sender selbst spricht von »nachträglich entfernten« Beiträgen, welche die Benimmregeln (»Netiquette«) verletzt hätten. Inzwischen liest man aber auch dort kritische Meinungen: So forderte Zuschauer »Alexander« den TV-Autor auf, für einen guten Zweck zu spenden, was er mit seinem Buch über die rosa Creme verdiene. Das wird im Anschluss an die TV-geschürte Aufregung Anfang November erscheinen. Doch schon haben die Skeptiker ihre Warnungen auch auf der entsprechenden Produktseite bei Amazon ausgebreitet. Mit Links zu den Fakten.