Es droht nichts Geringeres als der ganz große Kahlschlag. Im kommenden Jahr trifft es erst mal die fein verästelten Wurzeln: Die kleinen Kulturinitiativen in den Kommunen sollen kaputtgespart werden. Der Oratorienchor in Stuttgart zum Beispiel. Oder das dortige Künstlerhaus. In Ulm wird das Museum im nächsten Jahr kein Geld mehr für Kataloge und Restaurierungen haben. In Hamburg, so hört man, sollen fünf Prozent der Kulturausgaben eingespart werden. Auch große Häuser wird es treffen. Das Theater Bremen erfährt gerade seine finanzielle Deklassierung. In Köln, einer Stadt, in der die Politik die Kultur schon über viele Jahre grob vernachlässigte, wird es im kommenden Jahr eine massive Kürzung der Mittel geben. Der Stadtkämmerer wolle, so hieß es im Sommer, den Kulturetat um dreißig Prozent kürzen. Jetzt, wo in Köln wie in den meisten anderen deutschen Kommunen der Haushalt fürs Jahr 2010 ausgehandelt wird, ist dort noch immer von einer Kürzung um die zwanzig Prozent die Rede. Dabei lassen sich Gelder in solchen Größenordnungen kaum einsparen, die größten Posten in den kommunalen Kulturetats sind schließlich fixe Ausgaben (Personal, Unterhalt von Bauten), die man nicht einfach aufkündigen kann. Nur ein geringer Teil der Kulturetats ist verhandelbar, es sind die sogenannten freiwilligen Ausgaben, die Fördergelder für die unabhängigen Kulturinitiativen, Kunstvereine, kleinen Orchester und Festivals. Verschärft wird die Lage in den Städten dadurch, dass in Zeiten der Wirtschaftskrise auch Sponsorengelder gekürzt oder ganz gestrichen wurden.

Warum diese Sparwut? Den Kommunen fehlt das Geld. In Städten wie Frankfurt und Stuttgart sind die Gewerbesteuern nicht nur infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch aufgrund der letzten Unternehmenssteuerreform massiv eingebrochen, teilweise bis zu fünfzig Prozent. Zugleich sind die Ausgaben der Städte gestiegen, auch durch Investitionsprogramme, die auf Bundes- oder Landesebene beschlossen wurden, wie etwa der überfällige Ausbau von Kindertagesstätten. Nun stellt sich in den Rathäusern die Frage, wo das Geld leicht zu holen ist. Und wo kein massiver Widerstand droht.

In Stuttgart hat die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) schon konkrete Sparpläne erarbeitet: Fünf bis zehn Prozent, je nach Größe, sollen bei den Institutionen gespart werden. Einigen Vereinen wie der Schillergesellschaft sollen die Zuschüsse komplett gestrichen werden.

Für die kleinen Institutionen, deren Zuschüsse schon seit Jahren stagnieren, können ein paar Tausend Euro weniger das Aus bedeuten. Der Württembergische Kunstverein zum Beispiel wird in Zukunft höchstens zwei statt wie bisher sechs Ausstellungen im Jahr zeigen können. Das Künstlerhaus Stuttgart wird in einer Stadt, in der Milliarden Euro in einen tiefergelegten Bahnhof investiert werden, künftig nur noch 3000 Euro im Jahr für Ausstellungen zur Verfügung haben. Von diesem Geld hätte man keine der in den letzten Jahren gezeigten und über die Ländergrenzen beachteten Schauen finanzieren können.

Und es kommt noch schlimmer: Die Kürzung der freien Etats bedeutet für viele Institutionen, dass sie auch weniger Drittmittel anwerben können. Denn viele Förderprogramme verlangen, dass man bis zu fünfzig Prozent der Projektmittel selber einbringt. Die Kürzungen potenzieren sich also – ein klassischer Teufelskreis.

Nicht nur aus Stuttgart und Köln, auch aus Dortmund, Nürnberg und Leipzig kommen die Verlustmeldungen. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat spricht von einem Tsunami und fordert die Einrichtung eines Nothilfefonds.

Es geht beim derzeitigen Streit auch darum, welche Kultur überleben soll. In manchen Städten setzt man weiter auf den Bau millionenschwerer Leuchtturmprojekte – wie etwa der Elbphilharmonie in Hamburg oder des neuen Opernquartiers in Köln. Bereitwillig spart man dafür die läppischen Beträge, die an die agilen Literaturinitiativen, Stadtteiltheater und Chöre fließen. So gerät die kulturelle Grundversorgung in Gefahr. In Volkshochschulen sollen Kurse eingespart werden, die ihre Kosten nicht decken. Darunter fallen auch solche, die für die Integration einer Stadtgesellschaft wichtig sind: Deutschkurse für Ausländer etwa.