Serbien Sie wissen nicht, wer sie sind
Ein Streifzug mit der serbischen Choreografin Sandra Mitrovic durch die Kulturszene von Belgrad.
© Andrea Hünniger für DIE ZEIT

Das Kulturzentrum ist eine Art kleiner Bauernhof mitten in Belgrad
Die Stadt tut im ersten Moment so, als wäre sie wie jede andere Metropole. Fast Wien, fast Paris. Fast nichts passiert. Da sind die glasklaren Lichter der Laternen, der Schiffe, der Cocktailbars, die vom Ufer der Save in die Dunkelheit hinein glimmen. Die schwarzen Umrisse der Häuser schlagen wie Pulsschläge in den Himmel. Belgrad im Abendkleid wirkt, als hätte es nie etwas anderes getan, als romantisch in die Nacht zu funkeln. Eine saubere Inszenierung. Eine liebevolle Täuschung. Schön genug, um Verdacht zu erregen.
»Nice?«, fragt der Busfahrer, der nach einem Stopp auf der Brücke weiterdonnert und mit Händen, die abwechselnd vom Lenkrad wegspringen, bedeutet, wie sich hier – nun gut, auch eine Attraktion – der große serbische Dichter Branko in die Tiefe stürzte. Ist einfach gesprungen.
Bus bremst. Eine Frau steigt ein, die für ihren Zustand in unpraktisch hohe Stiefelchen gestellt ist. Sie schwankt und hält die Arme in ihrem kurzen, ballonartigen Anorak verschränkt. Auch er glitzert in die Nacht. Alle paar Minuten hält der Bus ruckartig, um junge Belgrader aus den Vororten ins Zentrum der Stadt zu fahren. Konversation ist schwierig. »Do you speak… nein?« Ein Kopfschütteln.
»Ach«, sagt Sanja, während sie sich vor dem Theater nach der Reiterstatue (sie sind überall und stark beleuchtet) umsieht, »Serbisch ist wirklich nicht so schwer. Das kannst du ganz schnell lernen. Vuk Stefanović Karadžić hat viel Kompliziertes aus der Sprache gestrichen, seitdem sagt man, Serbisch sei die einfachste Sprache der Welt.«
Von Amsterdam ist sie mit dem Nachtzug nach Belgrad gekommen. Freunde besuchen und »Dinge erledigen« sind ihre Gründe, weshalb sie Belgrad ein paar Mal im Jahr besucht. Sanja Mitrovic, 31, ist in Serbien geboren und, so schnell es ging, von hier verschwunden. Sie ist Tanzchoreografin und derzeit sehr erfolgreich mit ihrer Zwei-Mann-Performance Will You Ever Be Happy Again? . Ansonsten schreibt und spielt sie die Shows, wie sie sagt, selbst. Das heißt, Idee und Ausführung liegen in einer Hand: ihrer. Zurückkehren würde sie auf keinen Fall, »hier gibt es doch überhaupt keine Alternativen. Wir haben gegen Milošević gekämpft, die Universitäten besetzt und demonstriert. Aber als 1999 die Nato-Bomben fielen, haben wir gedacht: Nicht schon wieder. Da sind viele fortgegangen«, sagt sie, und dann erklärt sie die Sache mit dem Krieg.
»Früher gab es unter uns Kindern ein Spiel: Partisanen gegen Deutsche. Das war natürlich klar, dass die Freunde und überhaupt die meisten Kinder die Partisanen sein wollten. Und die blöden Kinder mussten die Deutschen sein. Es wurde natürlich irgendwann langweilig, weil ja immer die Partisanen gewonnen haben. Die Deutschen haben uns Überfallen, und wir haben das nachgespielt und immer wieder den Sieg der Partisanen erlebt.« Nach Titos Tod 1980 und der Machtergreifung Miloševićs, dem Zerfall Jugoslawiens und den damit ausbrechenden Jugoslawienkriegen veränderte sich das Bild Serbiens hier und in der Welt. Aus dem Opfer wurde ein Täter. »Das Spiel könnten wir jetzt nicht mehr spielen.«
Und wie hat sie den Krieg erlebt? »Vor allem im Fernsehen«, sagt sie und lächelt. Im Krieg, sagt Sanja, verliert alles seinen Wert. Man weiß nicht mehr, was von Bedeutung ist. Das Geld ist nichts wert, »wir hatten da 50.000.000der-Geldscheine«, die Arbeit ist nichts mehr wert. »Wie soll das alles denn wieder einfach da sein?«, fragt sie aufgebracht. Soll heißen: Woran lohnt es sich zu glauben?
- Datum 30.10.2009 - 16:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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Wenn in den deutschen Medien über Serbien gesprochen wird, höre ich genau hin. Ich glaube nicht das die Serben in Serbien ein wie "Elvis" sagt Identitätsproblem haben. Dies ist eigentlich garnicht möglich, weil Serbien geographisch mitten in Europa befindet und jeden Tag hört und sieht was in Europa passiert. Vom Mafia Problem in Italien, der Korruption und Steuerhinterziehung im Westen. Ich bin Serbe, bin in Hamburg geboren und fahre fast jedes Jahr ein paar Tage nach Serbien. Die Richtung ist lange klar, Serbien möchte sein Platz in der EU finden. Auf diesem Weg gibt es noch einige technische Anforderungen zu bewältigen. Vergangenheit hin oder her, Kriege, Opfer, Täter....richtig oder falsch, Zeitverschwendung oder nicht. Die schnelllebige heutige Zeit ist längst in Serbien angekommen. Wie in den meisten Ländern Europas interessiert das Land, Wohlstand, job, Urlaub und ein schickes Auto und das möglichst schnell und unkompliziert. Ich glaube eher und das soll nicht abwertend klingen, dass die westlichen bzw. deutschen Medien im Bezug auf Serbien ein Identitätsproblem haben. Wie endet in diesem Beitrag der letzte Satz??? Eine einzige Kugel?! in Hamburg sind in einem "inn" Klub handgranaten explodiert! Ich möchte nicht wissen, wieviel Kugeln im Monat, in sozial schwächeren Stadtteilen, in Hamburg durch die Gegend fliegen!das Thema Mladic ist noch aktuell, der Krieg nicht mehr so wichtig und eher was für Historiker oder Künstler und sogar die orientieren sich heutzutage um!
[Entfernt wegen Doppelpostings. /Die Redaktion pt.]
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