Briefwechsel Ein schöner Fall von Philotainment
Die französischen Stars Bernard-Henri Lévy und Michel Houellebecq liefern sich ein unterhaltsames Brief-Match.
© Olivier Laban-Mattei/AFP

Wie die Schöne und das Biest: der Philosoph Bernard-Henri Lévy (hinten) und der Schriftsteller Michel Houellebecq
Die Verbindung ist so unverhofft und unerhört wie die Liaison des Präsidenten mit der Sängerin: Michel Houellebecq und Bernard-Henri Lévy, das ist eigentlich noch besser als Carla Bruni und Nicolas Sarkozy. Ein Gemisch wie Wasser und Öl, ein Zusammentreffen wie OM gegen PSG, Olympic Marseille gegen Paris Saint-Germain. Aber Gegensätze haben schon immer gut funktioniert, in der Literatur genauso wie im Kino. Volksfeinde ist das Ergebnis einer kurzen, aber höchst unterhaltsamen Korrespondenz zweier öffentlicher Ärgernisse, 28 Briefe ausgetauscht in nur etwas mehr als sechs Monaten.
»Obszöner Reichtum«, »Philosoph ohne Denken, aber mit Beziehungen«, Regisseur des »lächerlichsten Films der Filmgeschichte«, so beschreibt Houellebecq gleich im ersten Brief mit ruhiger Feder die Lage seines Gegenübers. Lévy kontert, dieser »Depressionismus« sei ihm zuwider. Das Schlachtfeld ist damit abgesteckt, die einzige Gemeinsamkeit sofort benannt. »Wir sind«, so eröffnet Houellebecq das Match, »grundverschieden – mit Ausnahme eines entscheidenden Punktes: Es handelt sich bei uns beiden um ziemlich verachtenswerte Individuen.«
Zwei Überzeugungstäter treten also gegeneinander an: der Sextourist gegen den Menschenrechtstouristen, der Clochard des Betriebes gegen seinen Lackaffen. Es geht um Haltungen, in Wahrheit sind es Posen. Der Leser hegt Sympathien oder Aversionen. Unmöglich, nicht für den einen, gegen den anderen Partei zu ergreifen; ausgeschlossen, kalt zu bleiben.
Man ahnt bei dieser Konstellation schnell, dass es sich um einen verlegerischen Coup handelt, um die Entdeckung des Joint Ventures für den Literaturbetrieb. Das Rezept ist nicht kompliziert, man muss nur darauf kommen: Man nehme einen weltberühmten, aber verhassten Philosophen, dazu einen ebenso weltberühmten wie verhassten Schriftsteller. Man lasse sie einige Briefe austauschen, lasse die Korrespondenz kurz liegen, gerade so lange, dass man ein Buch draus machen kann, und hüte dieses wie ein Staatsgeheimnis.
Tatsächlich wurde in Frankreich wochenlang gerätselt, wer sich hinter dem vierhändig geschriebenen Buch verbirgt, das zwei Verlage unter dem Codenamen XXX angekündigt hatten. Niemand ist drauf gekommen. Wie hätte man auch? Dabei ist es ein vertrautes Schema, die philosophisch-literarische Wiederauflage von Die Schöne und das Biest. Ein sicheres Rezept. Der Verlag kündigte eine Startauflage von 100.000 Exemplaren an, nach einem Jahr ist erst die Hälfte davon verkauft. Der Vorschuss soll sich, so wurde berichtet, auf 300.000 Euro pro Person belaufen haben, das macht mehr als 10.000 Euro pro Epistel. Es geht, wie gesagt, um Marketing.
Zumindest in dieser Hinsicht ergänzen sie sich perfekt: Der eine, Lévy, in Frankreich nur BHL genannt, ist der Vertreter der sogenannten Kaviar-Linken, der Toskana-Fraktion von Paris. Er residiert auf vielen Hundert Quadratmetern am Boulevard Saint-Germain, aber begibt sich regelmäßig an die Krisenherde der Welt. Das Hemd stets so blütenweiß wie das Gewissen.
Houellebecqs Überzeugungen dagegen? So schmierig wie sein Parka, den er in der Öffentlichkeit nicht mehr ablegt. »Nihilist, Reaktionär, Zyniker, Rassist und verabscheuungswürdiger Frauenfeind«, so beschreibt sich der Autor von Elementarteilchen. Ein »rechter Anarchist«? Nein, das wäre zu viel der Ehre, »eigentlich«, schließt er kühl, »bin ich nichts weiter als ein Spießer«.
Das ist der Zug, mit dem Houellebecq das Spiel elegant eröffnet. Was folgt, sind Auslassungen über Flaubert und Pessoa, Céline und Baudelaire, über Platon, Pascal, Schopenhauer und Nietzsche. Es geht um Gott, um Judentum, um Mütter, um die Macht der Meute, um Gefallsucht. Um Licht natürlich, das der eine gemieden, der andere gesucht hat, das beide blendet, ja verletzt. BHL nennt den Austausch »Fernschach«. Houellebecq sieht klarer: »Mein Anteil an Ihrem Schicksal wird vielleicht darin bestehen, Sie zur Bekenntnisliteratur animiert zu haben.«
Houellebecq schwärmt von Russland, von dessen Diskotheken, der Lebensgier, und auch er hat nicht wenig Lust, »jung, russisch und ökologisch unverantwortlich zu sein«. »Sie sind es, der depressiv ist, lieber Michel«, kontert Lévy und schlüpft in die Rolle des Spielverderbers vom Dienst: »prachtvolle Blondinen« gegen Anna Politkowskaja. »Nun, ich bin sehr froh«, antwortet Houellebecq, »dass Sie von sich aus darauf zu sprechen gekommen sind, denn ich glaube, dass ich mich nicht getraut hätte, Ihnen ganz direkt die Frage zu stellen: Warum, lieber Bernard-Henri, sind Sie wirklich ein ›engagierter Intellektueller‹?«
Genau das ist die zentrale Frage dieses Buchs, sein Dreh- und Angelpunkt. Lévys Antwort ist lang und ungewohnt indirekt. Man muss zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, worauf er hinauswill: Ein jüdischer Denker kann nicht wortlos zuschauen, wenn Menschen Opfer der Geschichte werden. Houellebecq indes sieht die Geschichte als Verfallsprozess, glaubt nicht an »geistige Prinzipien«, weil die eigentlichen Probleme immer dann begönnen, wenn zwei geistige Prinzipien aufeinanderstießen.
Volksfeinde ist weder ein philosophischer Meilenstein noch eine literaturtheoretische Fundgrube. Es ist auch kein Glanzstück der französischen Debattenkultur, als das es der Spiegel gefeiert hat, der die alte kulturromantische Pose einnimmt und wehmütig über den Rhein blickt, wo die Intellektuellen noch fähig sind, in einen Dialog zu treten. Nein, das alles trifft nicht zu. Volksfeinde ist vielmehr ein Buch mit extrem hohem intellektuellen Unterhaltungswert, es ist die Erfindung des Philotainment, wenn man so will. Der Leser entdeckt zwei Hofnarren am Hofstaat namens Frankreich, die sehr viel über sich, aber noch mehr über dieses Land sagen. Es geht um Moral gegen Gemüt, Werte gegen Gefühle; um Engagement gegen »Depressionismus«; es geht um die Pflicht, die der eine empfindet, die Welt zu retten, und die Unfähigkeit des anderen, sie einfach nur zu ertragen.
Houellebecq, der von seiner »perversen Aufrichtigkeit« spricht und dessen kulturelles Kapital tatsächlich die Ausweitung der Kampfzone in den Bereich der Intimität gewesen ist, gelingt es, BHL mit seinem, wie er selbst sagt, »krankhaften Hang zur Geheimniskrämerei« aus der Pose heraus in die Bekenntnisliteratur hineinzuziehen. Es sei in Briefen äußerst schwer, zu lügen, so hatte der Schriftsteller gleich anfangs Schopenhauer zitiert. Und tatsächlich entfaltet das Geständnis schnell seine eigene Macht. »Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld«, notiert Houellebecq, »es ist eine meiner wenigen Freuden, die Korrespondenz mit Ihnen.«
Wirklich faszinierend wird dieser Briefwechsel in dem Augenblick, da man ihn als Psychogramm liest. »Am Ende ähnelt man immer mehr oder weniger seinem Vater, diese Erkenntnis ist mit der Eleganz eines Betonblocks über mich gekommen«, notiert Houellebecq. »Als hätte ich im Erwachsenenalter nichts anderes getan, als diese Haltung des Rückzugs, die ich als Kind bei meinem Vater beobachten konnte, ästhetisch zu übersetzen.«
Die Figuren werden weniger, Zug um Zug wird das Brett übersichtlicher. Am Ende bleiben die Könige des Spiels, die Väter. Lévys Vater, als Jude geboren in Algerien, aufgewachsen in »absoluter, monotoner Armut«, hat es in Frankreich zu Reichtum gebracht, ist aber seinem neuen Milieu genauso fremd geblieben wie dem alten. Sein Tod fällt auf den Tag des Geburtstags seines Sohnes. Ein ganzes Programm.
Beide Briefpartner sind intelligent genug, zu erkennen, dass es sich um Paranoia handeln muss, wenn sich zwei Schriftsteller, die von ihren Auflagen her zu den größten kulturellen Exportartikeln ihres Landes gehören, als Opfer empfinden. In einem Atemzug stellt sich der verhasste BHL in eine Reihe mit: Sartre, Camus, Cocteau. Und Houellebecq beneidet ihn um sein, wie Lévy selbst schreibt, feuersicheres, gepanzertes Ego, das jedem Angriff standhält. Ihr Umgang mit ihrer offensichtlich schmerzlichen Berühmtheit – der eine im Steuerparadies Irland, der andere mitten in Saint-Germain – zeigt gleichzeitig, dass sich die literarische Öffentlichkeit Frankreichs verändert hat. Der Leser will nicht mehr nur Bücher. Er will Figuren dazu, people. Die »Peopolisierung der Politik«, von der in Paris seit Sarkozy gern die Rede ist, hat längst auch den Literaturbetrieb erreicht.
Beide Autoren haben auf ihre Art dazu beigetragen. Aber Houellebecq ist ein Steuerflüchtling, der im Grunde auch vor der Öffentlichkeit fliehen wollte. Ihm ging es, das sagt er selbst, anfangs nur ums Geld: »Für mich hat sich ab dem Moment der Veröffentlichung von Elementarteilchen alles innerhalb weniger Tage abgespielt, innerhalb weniger Tage begriff ich, dass sich mir eine Chance eröffnete, eine kleine Chance, dem Arbeitsleben zu entkommen.« Damals hat er offensichtlich nicht geahnt, dass auch das einen Preis hat.
Lévy ging es um etwas anderes. Geldsorgen hat er nie gekannt. Er wollte wohl und will bis heute zwanghaft testen, wie kugelsicher sein Ego wohl sein mag. Seine pathetische Figur wird einem am Ende fast ein wenig sympathisch. Houellebecq hingegen ist wirklich der kluge Narr, den er jetzt spielen muss. Er leidet ein wenig an sich, noch mehr an der Welt, die das Bild nicht mehr sehen will, dass er ihr in seinen Büchern entgegenhält. Beide punkten auf ihre Weise in diesem Match. Doch am Ende gewinnt der Schwächere, siegt die verhuschte Schonungslosigkeit des Literaten über die moralische Überlegenheit des Philosophen.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 30.10.2009 - 09:56 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren