Grimmelshausen Nur der Irre überlebt in der irren Welt
Grimmelshausens »Simplicissimus« ist auch in der neuen, geschmeidigen Übersetzung von Reinhard Kaiser noch ein wüster Held.
In seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur erwähnt Heinz Schlaffer den Simplicissimus nur am Rande. Der 1668/69 erschienene Roman des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen schwächt Schlaffers zentrale These, die deutsche Literatur, abgesehen von der weitgehend vergessenen des Mittelalters, habe erst um 1750 begonnen, mit Klopstock, Wieland, Lessing. Alles davor Geschriebene sei, verglichen mit dem Niveau der europäischen Literatur, bloß epigonal und zweitrangig. Das ist nicht abwegig, wenn man sich vor Augen hält, dass es im 16. Jahrhundert für Cervantes, Montaigne oder Shakespeare keine deutschen Parallelen gibt, und das gilt auch für die Lebenszeit Grimmelshausens (1622 bis 1676), als Molière und Racine, Milton und Calderón Werke von weitreichender Wirkung schufen. Die Wirkung des Simplicissimus blieb auf Deutschland beschränkt, und dort stand er allein auf weiter Flur.
Das relative Zurückbleiben der deutschen Literatur hat viele Gründe, und den wichtigsten davon versteht man leicht, wenn man den Simplicissimus liest. Auf den rund 700 Seiten der neuen Ausgabe findet man nichts seltener als ein friedvolles Leben und nichts häufiger als Bestialität, Gewalt und Mord. Die verschiedenen Religionskriege, von denen der sogenannte Dreißigjährige (1618 bis 1648) nur der längste und heftigste war, hatten Mitteleuropa in einer Weise verheert, die noch lange nachwirkte, bis hin zu der verspäteten, ideologisch aufgeladenen Bildung einer deutschen Nation.
Was Grimmelshausen in seinem Roman schildert, hat er zum Teil selbst erfahren und erlitten. Als Schüler wurde er Zeuge, wie seine Geburtsstadt Gelnhausen 1634 von kaiserlichen Truppen verwüstet wurde. Später kämpfte er als Soldat an verschiedenen Fronten, wurde Gutsverwalter, Gastwirt und geriet 1673 am Oberrhein erneut in einen Krieg. Aber das Buch, obwohl als Icherzählung angelegt, ist keine Autobiografie. Der satirische Zorn, die religiöse Sinnsuche, die Exkurse ins Fantastische, Lehrreiche und Komische führen weit über eine Lebensbeschreibung hinaus.
Mit seinem Simplicius, der den Irren spielen muss, um diese irre Welt zu überstehen, hat Grimmelshausen eine Gestalt von bleibender Bedeutung geschaffen. Das traurige Fazit läuft darauf hinaus, dass man ein menschliches Leben nur abseits der Menschen führen kann. Bezeichnenderweise erlebt der Junge, der die Folterung und Vergewaltigung seiner Angehörigen mit ansehen muss, die glücklichsten Jahre bei einem gottesfürchtigen Einsiedler, der versteckt in einem Wald haust, ihn bei sich aufnimmt und ihn zum rechten Leben erzieht. Erst viel später zeigt sich, dass der Mann sein leiblicher Vater war.
Grimmelshausen aber ist ein viel zu vitaler, abenteuerlustiger Erzähler, um es bei dieser schlichten Nutzanwendung zu belassen. Sein Held schlägt mit wachsendem Alter und Begehren die frommen Lehren in den Wind und wird, nachdem er das Narrenkleid abstreifen kann, zum Soldaten, der schließlich Krieg auf eigene Faust führt, mit einer Bande plündernd durchs Land zieht und wegen seines listenreichen Wagemuts weithin Ruhm erlangt. Er bringt einigen Reichtum an sich, hat zahlreiche erotische Affären, bis ihn der aufgebrachte Vater einer der Schönen zur Ehe zwingt. Daraus wird aber nicht viel, weil ihn das Schicksal nach Paris verschlägt, wo er heiße Nächte als Gespiele einer Fürstin erlebt.
Nun aber dreht sich das Rad der Fortuna immer schneller. War Simplicius eben noch ganz oben, so stürzt er jetzt rasend hinab, stirbt fast an den Pocken, fristet sein Leben als Betrüger, gerät aufs Neue in den Krieg, kann sich befreien, kommt wieder zu Geld, kauft einen Hof, heiratet erneut – und so fort. Der Roman, um es offen zu sagen, wird, je länger es geht, umso beliebiger und fahriger. Es gibt eine Fahrt mit Wassergeistern zum Mittelpunkt der Erde, eine äußerst flüchtig beschriebene Reise um die ganze Welt, und man gewinnt den Eindruck, Grimmelshausen habe die erfolgreichen ersten Teile des Buchs um jeden Preis verlängern wollen.
Wirklich stark und beeindruckend ist nur die Schilderung von Kindheit und Jugend. Sie erzählt die Welt aus der unverständigen Sicht eines Kindes, eines Narren, und enthüllt so den Unverstand der Welt. Dieser Blick von unten eröffnet uns einen unvergleichlichen Einblick in die unfassbaren Turbulenzen der Zeit. Das ist auch von soziologischem und historischem Interesse. So gab es nur zu Beginn des DreißigjährigenKrieges stehende Heere, deren Logistik halbwegs organisiert war. Später versorgten sich die Truppen selbst, indem sie die Bauern überfielen, sich alles holten, was sie brauchen konnten, das Übrige verbrannten und verwüsteten, damit es dem Feind nicht in die Hände fiel. Auch bildeten sich zahllose Banden von Freischärlern. All das erzählt Grimmelshausen mit einer Anschaulichkeit, die deshalb so eindrucksvoll ist, weil er sie mit Witz und Sarkasmus paart und frei bleibt von jeglicher Sentimentalität. Die Sprache strotzt von originellen Bildern und Anspielungen.
Ebendiese Sprache, obwohl es sich historisch gesehen um Neuhochdeutsch handelt, ist heute nicht immer leicht zu verstehen, und deshalb hat Reinhard Kaiser den Versuch unternommen, sie in unser gegenwärtiges Deutsch zu übertragen. Das ist alles in allem geglückt, nun lässt sich die Geschichte flüssig lesen. Aber so ganz denn doch nicht, denn Kaiser kann nicht umhin, den zeitgebundenen Text mit zahlreichen Anmerkungen näher aufzuschlüsseln.
Betrachten wir ein Beispiel. Gleich zu Beginn schildert Simplicius sein bäurisches Herkommen als Adelstravestie:
An statt der Pagen, Laqueyen und Stallknecht hatte er [der Pflegevater] Schaf, Böcke und Säu, jedes fein ordentlich in seine natürliche Liberey gekleidet. Die Rüst- oder Harnisch-Kammer war mit Pflügen, Kärsten, Aexten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen, mit welchen Waffen er sich täglich übet; dann hacken und reuthen war seine disciplina militaris, Ochsen anspannen war sein Hauptmannschafftliches Commando, Mist außführen sein Fortificationwesen, und Ackern sein Feldzug, Stallaußmisten aber sein Adeliche Kurtzweil und Turnierspiel.
Kaiser macht daraus:
Statt Pagen, Lakaien und Stallknechte hatte er Schafe, Böcke und Säue, jedes fein ordentlich in seine natürliche Livree gekleidet. Die Waffen- oder Harnischkammer war mit Pflügen, Hacken, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln wohlversehen, und mit diesen Waffen übte er sich jeden Tag. Denn Hacken und Roden war seine disciplina militaris. Beim Ochsenanspannen übte er sich als Befehlshaber, mit Mistfahren befestigte er die Umwallung seines Anwesens, das Ackern war sein Feldzug, das Stallausmisten aber seine adelige Kurzweil, sein Turnierspiel.
Man sieht: Kaiser hat einige Stolperstellen entfernt. Dass »Liberey« so viel wie »Livree« heißt, darauf wäre man wohl nicht gekommen. Aber »Fortficationwesen« ist verständlich und vielleicht doch hübscher als »Umwallung seines Anwesens«. Die Übersetzung glättet den Text, erzeugt den Anschein von Gegenwärtigkeit. Das ist kein Mangel, aber wer den kraftvollen Grimmelshausen-Sound erleben will, sollte zur Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlags (Frankfurt 2009) greifen oder zu der 1956 von Alfred Kelletat besorgten und gut kommentierten Edition (lieferbar bei dtv), die den Text maßvoll modernisiert. Im Übrigen muss man sagen, dass die neue Ausgabe ein Muster buchkünstlerischer Gestaltung ist.
- Datum 29.10.2009 - 10:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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