Grimmelshausen Nur der Irre überlebt in der irren WeltSeite 2/2

Ebendiese Sprache, obwohl es sich historisch gesehen um Neuhochdeutsch handelt, ist heute nicht immer leicht zu verstehen, und deshalb hat Reinhard Kaiser den Versuch unternommen, sie in unser gegenwärtiges Deutsch zu übertragen. Das ist alles in allem geglückt, nun lässt sich die Geschichte flüssig lesen. Aber so ganz denn doch nicht, denn Kaiser kann nicht umhin, den zeitgebundenen Text mit zahlreichen Anmerkungen näher aufzuschlüsseln.

Betrachten wir ein Beispiel. Gleich zu Beginn schildert Simplicius sein bäurisches Herkommen als Adelstravestie:

An statt der Pagen, Laqueyen und Stallknecht hatte er [der Pflegevater] Schaf, Böcke und Säu, jedes fein ordentlich in seine natürliche Liberey gekleidet. Die Rüst- oder Harnisch-Kammer war mit Pflügen, Kärsten, Aexten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen, mit welchen Waffen er sich täglich übet; dann hacken und reuthen war seine disciplina militaris, Ochsen anspannen war sein Hauptmannschafftliches Commando, Mist außführen sein Fortificationwesen, und Ackern sein Feldzug, Stallaußmisten aber sein Adeliche Kurtzweil und Turnierspiel.

Kaiser macht daraus:

Statt Pagen, Lakaien und Stallknechte hatte er Schafe, Böcke und Säue, jedes fein ordentlich in seine natürliche Livree gekleidet. Die Waffen- oder Harnischkammer war mit Pflügen, Hacken, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln wohlversehen, und mit diesen Waffen übte er sich jeden Tag. Denn Hacken und Roden war seine disciplina militaris. Beim Ochsenanspannen übte er sich als Befehlshaber, mit Mistfahren befestigte er die Umwallung seines Anwesens, das Ackern war sein Feldzug, das Stallausmisten aber seine adelige Kurzweil, sein Turnierspiel.

Man sieht: Kaiser hat einige Stolperstellen entfernt. Dass »Liberey« so viel wie »Livree« heißt, darauf wäre man wohl nicht gekommen. Aber »Fortficationwesen« ist verständlich und vielleicht doch hübscher als »Umwallung seines Anwesens«. Die Übersetzung glättet den Text, erzeugt den Anschein von Gegenwärtigkeit. Das ist kein Mangel, aber wer den kraftvollen Grimmelshausen-Sound erleben will, sollte zur Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlags (Frankfurt 2009) greifen oder zu der 1956 von Alfred Kelletat besorgten und gut kommentierten Edition (lieferbar bei dtv), die den Text maßvoll modernisiert. Im Übrigen muss man sagen, dass die neue Ausgabe ein Muster buchkünstlerischer Gestaltung ist.

 
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