Luchs Nr. 274 Unter der Eisdecke des Sees

Mit Witz und voller Zärtlichkeit steuert der schwedische Autor Mikael Engström einen Jungen durch eine unheilvolle Kindheit.

Ein Stein bringt die Geschichte ins Rollen. Er fliegt aus der Hand eines Jungen, der voller Aggression und ohnmächtiger Wut ist, und trifft einen versoffenen Penner am Kopf. Der Junge kommt aus einer ganz und gar nicht funktionierenden Familie: Die Mutter ist tot, und der Vater trinkt. Der geliebte große Bruder sorgt zwar für Essen, ein bisschen Erziehung und das Lächeln, das lebensnotwendige, geht aber krumme Wege. Als er von der Polizei abgeholt wird, bleibt ein Junge zurück, dem das Wasser bis an seine zu großen Ohren steht – und er kann nicht schwimmen.

Wir wissen, dass Familie manchmal kein guter Platz zum Aufwachsen ist. Wir sehen es um uns herum, wir lesen davon in Zeitungen und auch in Büchern. Die Kinder- und Jugendliteratur ist reich an Geschichten über problematische Kindheiten. Meist sind es Texte, die entlang soziologischer Befunde mit mehr pädagogischem als literarischem Anspruch erzählt sind. Auch der schwedische Autor Mikael Engström bedient sich in seinem jüngsten Roman des Stoffes, aus dem diese Bücher gemacht sind: heruntergekommene Stadtrandviertel, kaputte Familien, Alkoholismus, Kriminalität, engstirnige Behördenvertreter. Er stellt seinen Helden Mik mitten in diese Welt. Er überlässt ihn Paragrafenreitern, die nur vorgeben, das Beste zu wollen. Das sind Pflegeeltern, die ihren Schützling mitleidlos im Keller einsperren oder ihn die Käfige von geifernden Hunden ausmisten lassen. Und Kinder, die abgestumpfte und böswillige Plagegeister sind. So viel Unheil lässt er auf seinen jungen Helden niederprasseln. Was Mik und uns aber rettet, das ist die Erzählkunst des Autors, die Birgitta Kicherer souverän ins Deutsche übersetzt hat.

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Engström ist seinem Helden spürbar zärtlich verbunden, vermeidet Pathos und hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Er baut in diese Odyssee durch die Hölle Erholungspausen ein, inszeniert die nordschwedische Landschaft als paradiesisches Eisland, besiedelt von skurrilen, aber liebenswerten Figuren, gut geeignet für kindliche Abenteuer. Er lässt den Jungen auch an wache und freundliche Kinder geraten, etwa an das Mädchen Pi, das weiß, wo man am besten Fische fängt und wie man sie ausnimmt, und der es etwa großes Vergnügen bereitet, an Miks Ohrläppchen zu saugen.

Dass diese Idyllen kleine Inseln auf schwankendem Grund sind, daran lässt Engström keinen Zweifel. Der drohende Abgrund und die Sehnsucht nach Erlösung sind stets präsent, im Käfig voller Hundekacke wie im magisch verschneiten Wald. Dass es ganz ernst ist, um Leben und Tod geht, wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass Engström seinem Roman Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz einschreibt. In ihm findet Mik seine Zuflucht vor der großen Schlange Einsamkeit. Von Anfang an aber sind ihm auch der böse Tengil und das Drachenweibchen auf den Fersen. In dem großartigem Showdown am Ende haben sie ihn fast: Gefangen unter der Eisdecke eines Sees, denkt er schon den letzten Satz aus Lindgrens großem Klassiker über den Tod: »Ich sehe das Licht.«

Aber sie kriegen ihn nicht, die Paragrafenreiter und Plagegeister. Inzwischen hat Mik nämlich nicht nur Schwimmen gelernt, sogar gegen den Strom, sondern auch Menschen gefunden, die ihm Familie sein wollen. So findet er, dem Nangijala immer tröstlicher Ausweg war, ins richtige Leben zurück, ohne Stein in der Hand: »Wo bin ich?«, sagt Mik. »Zu Hause.«

Mikael Engström: Ihr kriegt mich nicht! Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer; C. Hanser Verlag, München 2009; 267 S., 15,90 Euro (ab 12 Jahren)

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