Plácido Domingo in Berlin Brokatkugel und FlatterkleidSeite 2/2
Dazu lässt Tiezzi nun die Sängerstars wie Pappkameraden in der Deko stehen, und wenn sie gehen, wird es noch schlimmer. Wo Spannungsexperte Verdi vorsieht, dass Boccanegra auf der Suche nach seiner Geliebten einen Palast betritt und wir an seinem Schrei von innen begreifen, dass er sie als Tote findet, wird hier eilfertig ein Sarg durch die Gotik getragen, angesichts dessen der Held sofort weiß, wer drin liegt. Selbst für Ausstattungstheater ist das zu dumm – und umso mehr bewundert man, wie die an Tausenden Abenden gereifte Präsenz Domingos solcher Stumpfheit standhält. Untrennbar von einer Stimme, die zwar nicht mehr entgrenzt schmelzen kann, aber ohne Konditionsschwäche ein Selbstporträt des Künstlers als alter Mann entstehen lässt, textdeutlich und unforciert, mit sensiblem Legato, mit Nuancen, die von innen kommen.
Von den anderen Solisten bringt allenfalls Kwangchul Youn als Fiesco ein Eigengewicht mit, das Spannung ins Schaufenster bringt. Ein Bassist, dessen schlanke Schwärze etwas Objektives hat, der Patrizier als Institution. Hanno Müller-Brachmann, Bariton und damit Domingos jugendlicher Widerpart, klingt als Verräter Paolo hinreißend, seine Wut ist glühendes Anthrazit. Aber wie soll einer zur Gestalt werden, dem mimisch nur die Varianten »höhnisch« und »trotzig« abverlangt werden? Und wie soll ein wackerer Tenor wie Fabio Sartori als Liebhaber bestehen, wenn er als stämmige Brokatkugel neben einer händeringenden Schönheit im Flatterkleid abgesetzt wird? Diese Amelia wird von Anja Harteros so untadelig wie unpersönlich gesungen.
Wenn am Ende vor Gischtprojektionen (ach ja, das Meer!) der sterbende Doge die Liebenden segnet, dann ist Domingo darin so wahrhaftig, dass man sich erst recht darüber ärgert, welches Potenzial hier szenisch verschenkt wurde. Es ist keine Geschmacksfrage, ob ein Regisseur über Figuren und Motive nachdenkt oder nicht. Man muss auch nicht gleich von »Regietheater« reden, wo es darum geht, an Standards musiktheatralischer Auseinandersetzung anzuknüpfen, um die ein Künstler genauso wenig herumkommt wie ein Arzt ums Mikroskop.
- Datum 29.10.2009 - 07:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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Werter Herr Hagedorn,
in den bisherigen Vorstellungen haben über 5.000 Besucher die von Ihnen zum Machwerk herabgewürdigte Aufführung mit standing ovations gefeiert. Wollen Sie allen Ernst eine zu den besten Inszesnierungen zählende Bearbeitung, an dem ein sachverständiges Team intensiv gearbeitet hat, so herabwürdigen?
Wo nehmt ihr Scheinexperten nur das Recht für eure verdammte Arroganz her?
Über Geschmack kann man nicht streiten, wohl aber über die Art, wie man mit der ehrlichen Arbeit gestaltender Darstellung umgeht.
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