Martenstein Herta Müller isst Sauerkrautsuppe

Junge Autoren und Rostbratwürstchen. Harald Martenstein über die literarische Welt im ICE-Restaurant.

H. und G. trafen sich in einem Café in Berlin-Mitte. Sie hatten sich lange nicht gesehen. H., Anfang sechzig, arbeitete als Consulting Senior Editor für ein großes Magazin, der jüngere G. hatte sich vom elterlichen Erbe unlängst einen kleinen, vielversprechenden Verlag und, mehr zum Spaß, ein Bergrestaurant in den Tiroler Alpen gekauft. Sie stellten fest, dass sie beide demnächst zur Frankfurter Buchmesse fuhren, natürlich mit dem ICE. Über die Deutsche Bahn werde immer nur geschimpft, stellte G. fest, dafür gebe es Gründe, gewiss, aber eines müsse man festhalten, die Zugrestaurants seien hervorragend. Vor allem, seit jeden Monat ein anderer deutscher Sternekoch aus einem anderen Bundesland die Speisekarte gestalte. Zurzeit war Hessen an der Reihe, mit einem jungen Koch, dessen "Respekt vor Konsistenz" in der Karte gepriesen wurde. "Ich sage nur: die Sauerkrautsuppe."

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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"Mit einem interessanten fernöstlichen Hauch von Curry", erwiderte H. "Die Linsensuppe mit Kürbis und einem erfrischenden Schuss Apfelessig ist aber auch nicht übel." Sie bemerkten, dass sie beide die Speisekarte des ICE beinahe auswendig konnten. Vom Angebot des laufenden Monats hatten beide nur ein einziges Gericht nicht ausprobiert, eines, das "Dörrobst" enthielt. Dieses Wort hatte sie beide abgeschreckt, Dörrobst, das klinge nicht verlockend. Schatz, darf ich dir noch etwas von dem leckeren Dörrobst auftun? Für ein frisch gedörrtes Dörrobst könnte ich sterben. Hmmmm – sehe ich falsch, oder ist das tatsächlich Dörrobst, was Sie da auf dem Teller haben? Solche Sätze gingen gar nicht. Schade sei auch, dass es bei der Ofenkartoffel mit Quark nicht mehr die Version mit Räucherlachs gebe, aber mehr an kritischen Einwänden fiel ihnen nicht ein.

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Der Zufall wollte es, dass sie sich am letzten Tag der Buchmesse erneut trafen, wo anders als im Restaurant des ICE nach Berlin. G. berichtete, dass er während der Messe bei seinen Gesprächen mit Autoren immer wieder die Rede auf das ICE-Restaurant gebracht habe, Ergebnis: Jeder deutsche Autor kenne die Sauerkrautsuppe, die Linsensuppe mit Kürbis, und jeder einzelne teile ihre Bedenken, das Wort "Dörrobst" betreffend. Auch als Romantitel wäre "Dörrobst", nebenbei bemerkt, eine problematische Wahl, außer vielleicht bei Herta Müller, die mit einem Titel wie Atemschaukel immerhin den Nobelpreis gewonnen habe. Besonders beliebt bei den jüngeren Autoren, wenn nicht legendär, seien die Nürnberger Rostbratwürstchen.

"Generation Rostbratwürstchen!", sagte H. und schmunzelte. Offenbar erfülle das ICE-Restaurant heutzutage eine soziale Funktion, die früher dem Fernsehen zukam, jeder kenne das Angebot, jeder könne mitreden und habe eine Meinung. "Aber nur bei Leuten wie uns", sagte G., "die relativ betucht sind und viel reisen. Billig ist es nicht im ICE."

Es würde ihn nicht wundern, wenn in gewissen Internetforen für Singles das ICE-Restaurant als Jagdrevier für junge Damen angepriesen werde, die, mal in Jeans, mal im Abendkleid eine gute Figur machend, nach einem solventen und kultivierten Partner suchen, der gerne reist und gern liest, so etwas finde man, abgesehen von den Bekanntschaftsanzeigen im ZEITmagazin , wohl am ehesten im ICE-Restaurant. Beiderseitiger Respekt vor Konsistenz sei für eine Verbindung sicher nicht die schlechteste Basis. Er unterbrach sich und senkte die Stimme: "Wie hoch ist noch einmal die Nobelpreissumme?" H. erinnerte sich, dass es sich um etwa eine Million Euro handelte. G. wies stumm auf den Nebentisch. War das wirklich Herta Müller? Sie aß Sauerkrautsuppe. 

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • honsel
    • 29.10.2009 um 14:33 Uhr

    sprach wer den hirsch beim röhren stört
    der hinter unseren föhren röhrt
    dem hau ich meine möhren
    achtkanntig um die öhren

    h.m.

  1. ... dass mich sowohl Kolumne als auch Kommentar in höchstem Maße erfreuen. Vielen Dank!

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