Merkel Eine Frau zwischen zwei KanzlerschaftenSeite 2/2
Nur, wenn man die Leute in der Krise nicht verunsichern will, warum geht man dann so in die Schulden? Warum öffnet die Kanzlerin das Giftfass Gesundheitsreform wieder? Bei den Schulden da ist sie einfach überzeugt. Lieber aufs Wachstum wetten, als es mit Sparen abwürgen. Und bei der Gesundheit? Hat sie da nicht schon genug schlechte Erfahrungen gemacht? Getan werden muss aber etwas, weil die Kosten steigen. Und weil sie den intelligenten liberalen Jungmännern, den Philipp Röslers und Daniel Bahrs, nicht ins Gesicht lügen will, dass es keine mittelfristigen Probleme gebe.
Deswegen also will sie mit einer Gesundheitsprämie die Republik scheu machen? Andererseits: Wie lange können wir mit dem Argument, dass es jetzt gerade nicht passe, strukturelle Reformen aufschieben? Nur: Wenn das Strukturelle gar so drängt, nicht nur das Konjunkturelle, warum hat man davon im Wahlkampf nichts gehört?
Einen Ehrgeiz hat Merkel: dass das Land so stark aus der Krise kommt, wie es reinging. Davor jedoch gibt es lange harte Winter. Und es braucht eine geistige Erneuerung. Wie jedoch soll aus einer schwarz-gelb-rot-grünen Koalition, verkörpert von einer Frau, die nicht gern öffentlich philosophiert, eine geistige Erneuerung kommen?
Merkel ist heute sehr mächtig. Und sehr ohnmächtig zugleich. (Darin zumindest ähnelt sie Barack Obama, der auch nichts vermag, wenn die Gesellschaft, die Intellektuellen, die Medien, die Weltgemeinschaft nicht mitziehen.)
Das ist jetzt modern in Deutschland: Ein Land mit einer gesamtdeutschen, gesamtpolitischen Kanzlerin an der Spitze, die in die Gesellschaft hineinhorcht. Und die wenig tun kann, wenn sie von dort keine Signale empfängt.
Ob sie sich gefreut hat über ihren Sieg? Wenn, dann zu Hause beim Rotwein, mit ihrem Mann. Bei Emotionen ist sie geizig, Gefühlshaushaltsdisziplin sozusagen.
- Datum 03.12.2009 - 17:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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