Die Vergangenheit, besagt eine alte rabbinische Weisheit, hat eine lange Zukunft. So lang womöglich, wie das schwarze, glatte Haar von Fausta in dem peruanischen Film La teta asustada . Die junge indigene Frau hat das Grauen terroristischer Gewalt in ihrem Land mit der Muttermilch aufgesogen. Sie läuft nahezu über vor leidvoller Erinnerung. Der Film stellt aber auch die Möglichkeit des Heraustretens aus der Vergangenheit in Aussicht. Glücklicherweise ohne auf einen Schlussstrich zu sinnen.

Mit ihrem zweiten Kinofilm gewann die Regisseurin Claudia Llosa den Goldenen Bären der Berlinale, und ihr sensibler Umgang mit der sperrigen Vergangenheitsbewältigung wird für diesen Erfolg entscheidend gewesen sein. Auch dass sie ihr Thema auf ein Einzelschicksal verdichtet, an dem sich zugleich die soziale, kulturelle und ökonomische Zerrissenheit des Landes exemplarisch darstellt. Nicht zu vergessen, dass dem Ganzen noch eine leise Liebesgeschichte unterlegt ist. Man kann nur staunen, wie dieser proppenvolle Film traumwandlerisch auf dem Grat großer Themen wandert, ohne in die stets lockenden Abgründe des Plakativen und des Kitsches zu gleiten.

Vielleicht ist es seine Schrägheit, die den Film davor bewahrt, sein Hang zum Sagenhaften. La teta asustada, der nun mit dem etwas gefühlsduseligen und irreführenden Titel Eine Perle Ewigkeit in die Kinos kommt, greift einen alten peruanischen Mythos auf. Wenn Müttern großes Leid widerfahren ist, vererben sie ihren Töchtern unsägliche Angst als eine Art Krankheit: La teta asustada, was so viel meint wie "verschreckte Brust". Was die Mutter von Fausta erleben musste, ist dabei selbst unsäglich, das Wort Vergewaltigung fast schon eine Verharmlosung dafür. Faustas Mutter kann nur davon singen. Sie singt auf Quechua alte indianische Lieder, die aus dem Dunkel zu kommen scheinen. Noch bevor der Film zu seinem ersten Bild findet, tönt dieser Singsang, der im Verlauf des Filmes anschwillt zu einer Hymne auf die Macht der Musik: Erinnerungen bewahren, ihren Schrecken bannen, und die Distanz von Mensch zu Mensch überbrücken.

Die Musik und Faustas Empfänglichkeit dafür ergeben eine Art Gegenmodell, nach dem Berührung möglich ist, ohne einander Gewalt anzutun. Vor Gewalt ängstigt sich Fausta so sehr, dass sie in ihrer Vagina eine Kartoffel als Schutz vor Vergewaltigung trägt. Eine haarsträubende Vorstellung – die Claudia Llosa in Anlehnung an den Magischen Realismus der südamerikanischen Literatur aber so konsequent ausführt und in den Erzählverlauf einbettet, dass ihr fiktiver Charakter sich dabei verflüchtigt.

Faustas Mutter stirbt zu Beginn des Films, die junge Frau beschließt, den Leichnam von Lima in das Dorf zu bringen, in dem ihr Vater begraben liegt. Um das Geld für Reise und Bestattung zusammenzubringen, arbeitet sie als Hausmädchen bei einer berühmten Pianistin. Die stammt nicht nur in direkter Linie aus der Kolonialzeit, sondern beutet Fausta auch gleich sehr geschickt aus; man könnte sagen, mit derselben Natürlichkeit, mit der die Kartoffel ihren Keim aus Fausta treibt. Wenn der Zuschauer dann zusieht, wie Fausta zwischen ihren Beinen hantiert, wenn er ihre verkrampften Zehen sieht und dann diesen kurzen, reißenden Ton hört, mit dem eine Schere etwas zertrennt, ist das so schmerzhaft, als ginge der Schnitt ins eigene Fleisch.

Gespielt wird Fausta von Magaly Solier. Dieser Schauspielerin, die Llosa für ihren ersten Film in einem kleinen Dorf in den Anden auf der Straße gecastet hat, gelingt es in ihrer Rolle, von nahezu bodenloser Ängstlichkeit und Verletzbarkeit zu erzählen. Dazu braucht sie nicht viel. Ihre Blicke, die mal schreckensstarr, mal angespannt zur Seite gehen, ihre Hände, die sie wie eine Schwangere über dem Bauch faltet; ihre Schultern, die sich heben beim Atmen, die Neigung ihres Kopfes, das Zucken ihres Mundes, ein Schlucken. Es sind Zeichen einer Beklemmung, die den Zuschauer mit dem Schlimmsten rechnen lassen.

Die Kamera ist in solchen Momenten immer nah an Fausta, was auf Dauer kaum zu ertragen wäre. Auch darum hat Llosa ihren Film kontrapunktisch komponiert und für Weit- und Ausblicke gesorgt. Fausta wohnt bei der Familie ihres Onkels, die ein Hochzeitsunternehmen betreibt. Da wird gefeiert, eine Hochzeit nach der anderen. Unter freiem Himmel, in der Weite des kargen peruanischen Hinterlandes. Mit Farbenpracht, mit meterlangen Schleppen, mit Treppen, die ins Nirgendwo führen und Fotoshootings vor einer schrillen Niagarafall-Kulisse. Vor allem aber wird gefeiert, als gäbe es kein Gestern. Sondern nur den strahlenden Morgen, der mit Pauken und Trompeten begrüßt werden muss.