Staatsminister Bernd Neumann Politprofi am Akkordeon
Als Bernd Neumann vor vier Jahren Kulturstaatsminister wurde, passte er nicht ins Kulturmilieu. Doch er erwarb sich Respekt, weil er viel erreicht hat. Jetzt beginnt seine zweite Amtsperiode.
Als Bernd Neumann 2005 Kulturstaatsminister wurde, ging er in den ersten Monaten Interviews aus dem Weg. Er, der gewohnt war, die Menschen durch Jovialität für sich einzunehmen, musste feststellen, dass seine Art in der Welt der Kultur nicht funktionierte. Er machte die demütigende Erfahrung, dass man ihn snobbte wie jemanden, der durch einen falschen Akzent seine Klassenunzugehörigkeit verrät. Neumann, der in der Bremer CDU sozialisiert wurde, war für die Welt der Kultur nicht nur ein unbeschriebenes Blatt, er war ein Fremdkörper. Also zog er sich zurück und igelte sich ein. Denn er ahnte, worauf Interviews hinauslaufen würden: Man würde ihn – mit glucksender Vorfreude auf sein Zappeln – nach seinem Lieblingsmaler fragen und nach dem letzten Buch, das er gelesen habe, um dann zu schauen, wie er sich wohl herausredet. Das wollte sich Neumann lieber ersparen. Also blieb er in Deckung.
Das Amt des Kulturstaatsministers, 1998 von der rot-grünen Koalition ins Leben gerufen, lebte bis dahin von der repräsentativen Verkörperung von Kultur. Neumanns drei Vorgänger hatten das Amt auf je unterschiedliche, aber kulturbürgerlich geschliffene Art geführt. Sie alle konnten auf einer Vernissage jederzeit ein paar Worte improvisieren, die von einem persönlichen Verhältnis zu den Gegenständen der Künste glaubwürdig Zeugnis ablegten. Das war nicht Neumanns Rollenfach.
Einer seiner ersten zaghaften öffentlichen Auftritte führte ihn in eine Talkshow. Er wirkte insgesamt verquält und unfroh. Dann sagte der Moderator, man wisse, er spiele ja gerne Akkordeon, man habe auch extra eines besorgt, ob er sich wohl überreden lasse, ein Beispiel seiner Kunst zum Besten zu geben? Neumann tat es, er griff zum Akkordeon, aber mit einer Miene, die ausdrückte, dass es nicht die reine Freude ist, sich öffentlich zu seinen musikalischen Vorlieben zu bekennen.
Bernd Neumann hatte es noch mit zwei weiteren Hypotheken zu tun: Rot-Grün hatte den Kulturstaatsminister stets durch Quereinsteiger besetzt. Das verlieh dem Amt eine besondere politikferne Würde. Nun schien es unter Merkel zur politischen Verhandlungsmasse zu werden, mit der man verdiente Mitarbeiter belohnte. Außerdem war die Vorstellung, dass die Kultur von der Union betreut wurde, für die Republik eine gewöhnungsbedürftige Erfahrung. Die kulturelle Hegemonie der Linken war eine Selbstverständlichkeit. Und jetzt sollte ausgerechnet einer der letzten Kohl-Getreuen, der dem Altkanzler demonstrativ loyal blieb, als dieser längst im Sumpf der schwarzen Konten untergegangen war, für die Kulturnation sprechen?
In dieser Situation muss Neumann, der ein schnörkelloser Selbstbeobachter ist, begriffen haben, dass er sich durch schöne Worte keine Autorität erwerben würde. Vielleicht aber durch gute Zahlen. Und während die Kulturschickeria sich noch an ihren Späßchen über Neumanns verunglückte Eröffnungsreden erfreute, ließ dieser seine Verbindungen im Bundestag spielen und zeigte, was man für den Kulturetat herausholen kann, wenn man über die richtigen Kontakte verfügt und weiß, wie Politik funktioniert.
So erwarb sich Neumann Ansehen als Politprofi. Er wurde zu dem Kulturstaatsminister, dessen Etat stetig stieg. Für die Jahre 2007 bis 2009 holte er satte 180 Millionen Euro für die Filmförderung heraus. Und er machte nach Jahren der Finanzierungsdiskussionen den Weg frei für die Sanierung der Berliner Staatsoper, indem der Bund mit 50 Millionen Euro einsprang. Das waren Erfolge, die man nicht mehr rhetorisch verkaufen musste.
Neumann ist kein Überbau-Politiker, dazu fehlt ihm schon das entsprechende Vokabular. Aber er hat ein gutes Gehör, um sich klug beraten zu lassen. Was man an ihn heranträgt, erwägt er genau. So gelang es ihm ohne große ideologische Verwerfungen, die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung auf den Weg zu bringen. Und sein Pragmatismus half ihm, die Fusion der Kulturstiftungen des Bundes und der Länder abzublasen, als er sah, dass die föderalistischen Sturköpfigkeiten in dieser Sache unüberwindbar waren.
Jetzt geht Neumann in seine zweite Amtsperiode. Ob das Motto »Zahlen sagen mehr als tausend Worte« im schwarz-gelben Schuldenkabinett noch funktionieren wird, ist eher unwahrscheinlich. Aber gute Kulturpolitik hat ja nicht nur etwas mit steigenden Etats zu tun. Manchmal bedarf es vor allem eines zündenden Gedankens, einer die Dinge belebenden Idee, ja, einer gewissen diskursiven Inspiration. Das ist nicht Neumanns Stärke. Im Zentrum der Berliner Republik, auf dem Schlossplatz, klafft ein Loch, das auch inhaltlich zu füllen ist. Den konzeptuellen Scherbenhaufen um die künftige Nutzung des rekonstruierten Hohenzollernschlosses hat auch der Kulturstaatsminister als Dienstherr der Preußenstiftung mitzuverantworten. Hier muss Neumann in seiner zweiten Amtsperiode einen auch intellektuellen Neubeginn initiieren, wenn das Humboldt-Forum nicht zur Totgeburt werden soll. Das Gleiche gilt für das Einheits- und Freiheitsdenkmal: Der erste Wettbewerb scheiterte auch deshalb so kläglich, weil man zu wenig konzeptionelle Reflexion auf Aufgabe und Idee eines solchen Denkmals verwendet hatte. Reiner Pragmatismus ist eben zu wenig, wo es um mehr geht als um die Stärkung der »Rahmenbedingungen« für Kultur. Aber auch was er in den zukunftsentscheidenden Fragen von Digitalisierung und Urheberrecht erreicht, wird über den Erfolg seiner zweiten Amtszeit entscheiden.
Dass die Kulturpolitik unter Schwarz-Gelb hingegen andere ideologische Obertöne bekommen könnte, ist nicht zu erwarten. Kulturpolitik ist interessanterweise in der Berliner Republik parteiübergreifend zu einer identitätsstiftenden Repräsentationsaufgabe geworden. In diesem Konsens verrät sich eine Tendenz unseres Zeitalters. Bernd Neumann ist gewiss nicht der Mann, daran zu rütteln.
- Datum 30.10.2009 - 12:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.10.2009 Nr. 45
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