Ost-West-Geschichten Die kleine Einheit

Greifswald und Osnabrück verbindet seit mehr als 20 Jahren eine Städtepartnerschaft. Und sonst? Eine Reise nach Ost- und Westdeutschland.

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Kein Satz wurde nach dem Fall der Mauer häufiger zitiert als Willy Brandts Epochenwort, und keiner verdeckte so viel deutsch-deutsche Verschiedenheit. Würde man die neuen und die alten Bundesländer auf Stadtgröße verkleinern, dann erhielte man in etwa Greifswald und Osnabrück. Beide verbindet eine Städtepartnerschaft. Was noch? Was nicht? Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall besuchen wir die deutsche Einheit in Miniatur.

Die deutsche Teilung begann 1933. Zwölf Jahre später wurde sie exekutiert. Im April 1945 stand von den beiden Städten nur noch eine. Osnabrück war dahin, untergegangen im Bombenkrieg. Der finale 69. Angriff erfolgte am 25. März 1945, dem Palmsonntag. In den Morgenstunden des 4. April rückten die Briten ein. 85 Prozent der Stadt lagen in Trümmern.

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Greifswald stand noch. Es nahte die Rote Armee. Ihr voran ergossen sich Flüchtlingsströme gen Westen. Die alte Hansestadt am Ryck überfüllten 70.000 Menschen, weit über das Doppelte der Einwohnerzahl. 10.000 Verwundete waren zu versorgen. Dennoch durfte sich Greifswald nicht zur Lazarettstadt deklarieren, sondern sollte verteidigt werden bis zum heldischen Untergang à la Prenzlau, Swinemünde, Demmin. »Greifswald, dessen liebliche Silhouette sein großer Sohn Caspar David Friedrich mit meisterlicher Kunst weltberühmt gemacht hatte, sollte nun das gleiche grausame Geschick erleiden.«

Dies schrieb nach dem Krieg der Stadtkommandant, Rudolf Petershagen. Wohl jeder DDR-Geborene kennt die Petershagen-Saga. Man wusste, dass dieser Wehrmacht-Oberst nicht den versprochenen Generals-Epauletten, sondern seinem Gewissen gefolgt war und Greifswald kampflos der Roten Armee übergeben hatte. Gewissen in Aufruhr hießen seine Memoiren, viel gelesen und 1961 mit Erwin Geschonneck mehrteilig verfilmt. Petershagen starb 1969 in Greifswald. Seine Frau lebte dort bis 1995.

Am 27. November 1985 schrieb Angelika Petershagen (geb. von Lindequist) einen Brief an Erich Honecker. Frau Petershagen begehrte zu wissen, wofür ihr Mann unter Lebensgefahr Greifswald gerettet habe, wenn es die DDR verfallen lasse. Ganze Viertel versackten, mit Billigung oder Nachhilfe der Behörden. Großflächig riss man ab und setzte Neubauten ins Quartier. Vergleichsweise komfortabel, waren sie durchaus begehrt.

Der Reporter kam 1988 erstmals dorthin. Und schrieb für die DDR-Kulturzeitung Sonntag: »Greifswald empfängt müde. Ist es nur die Hitze, oder liegt die Stadt in einer Lethargie? Die Straßen gähnen. Der Markt blättert vor sich hin. Die alten Fachwerkhäuser sacken allmählich zusammen oder haben Neubauten weichen müssen. (…) Ein Bier tut not, aber Gastronomie findet nicht statt. Bis auf den Ratskeller, der von einer 32-köpfigen Schlange belagert wird.« Der wachsame Sonntag- Chef vom Dienst strich alles zwischen Hitze und Bier. So sanierte der SED-Staat: die veröffentlichte Sprache, nicht die Städte.

1988 wurde Osnabrück Greifswalds Partnerstadt – mit Erich Honeckers Segen, denn Greifswalds Stadtobere durften diesbezüglich gar nichts entscheiden. 1986 hatte Honecker einer ersten deutsch-deutschen Partnerschaft zwischen Saarlouis und Eisenhüttenstadt zugestimmt. Damals setzte Osnabrücks Werben ein. Ein historischer Bezug war glücklich gefunden: Der Westfälische Friedensschluss von 1648, Artikel X, Paragraf 13, hatte den schwedischen König zum deutschen Reichsfürsten gemacht und ihm Vorpommern beschert, somit auch Greifswald.

Die Hansestadt

Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald liegt zwischen den Ostsee-Inseln Rügen und Usedom nahe der Mündung des Ryck. Sie trägt ihren Namenspatron im Wappen: Gryps, den pommerschen Greif. Ihren Ausgang nahm die Stadt vom nahe gelegenen Kloster Eldena. Der westfälische Friedensschluß 1648 brachte Greifswald unter schwedische Regierung: »Unter drei Kronen, da war gut wohnen.« Der Wiener Kongress 1815 schlug es dann Preußen zu. Greifswald birgt eine der ältesten Universitäten. 1456 vom Pommernherzog Wartislaw IX. und dem Bürgermeister Heinrich Rubenow gegründet, hatte sie zur DDR-Zeit 3500 Studenten. Heute sind es 12000, bei 54.000 Einwohnern. Das macht Greifswald zur jüngsten Kommune Deutschlands. 1945 entging die Stadt durch Kapitulation in letzter Minute der Zerstörung durch die Rote Armee. Zwei berühmte Autoren wurden hier geboren: Hans Fallada und Wolfgang Koeppen, dessen Roman Jugend das wilhelminische Greifswald des frühen 20. Jahrhunderts imaginiert. Bei seinem Besuch 1985, einer Wiederkehr nach 52 Jahren, erlebte der deprimierte Koeppen den baulichen Verfall und wähnte sich in einer sterbenden Stadt. Die Wende 1989 hat vieles gerettet – auch Koeppens Geburtshaus in der Bahnhofstraße 4.

Die Friedensstadt

Mit 163.000 Einwohnern ist Osnabrück nach Hannover und Braunschweig Niedersachsens drittgrößte Stadt. Dennoch muss es sich des Rufs der grauen Maus erwehren – falls dieses Wort zur »Friedensstadt« passt. 1648 wurde hier der Westfälische Friede und somit das Ende des Dreißigjährigen Kriegs verkündet. 1945 gehörte Osnabrück zu den am stärksten zerstörten Orten des Deutschen Reichs. Aus beiden Wegmarken ihrer Geschichte bezieht die Stadt Identität. Dabei war sie bis vor Kurzem eine Militärmetropole, die größte britische Garnison außerhalb des Vereinigten Königreichs. Die leeren Kasernen belasten die Kommune, ebenso der Niedergang alteingesessener Industrien. Auch Osnabrück ist Universitätsstadt. Seine Alma Mater kann sich an Größe mit der von Greifswald vergleichen, vom Alter her keineswegs. Obwohl sie in einem Schloss residiert, wurde sie erst 1974 gegründet. Osnabrück hat großartige alte Kirchen, doch das geschichtsmächtigste Haus ist ein Neubau: Daniel Libeskinds Museum für den jüdischen Osnabrücker Maler Felix Nussbaum, der 1944 mit seiner Frau, der Malerin Felka Platek, in Auschwitz umgebracht wurde. Dieses Ende ahnend, prognostizierte der magische Realist Nussbaum Bild für Bild den eigenen Untergang.

Fürwahr, eine zwingende Verbindung. Konsensthema: Frieden. Die ersten Umarmungen kann man sich nicht keusch genug ausmalen. Ebene traf Ebene. Zunächst reiste, im Barkas-Kleinbus, ein Halbdutzend DDR-Parteikader nach Osnabrück. Beim Gegenbesuch sahen die Osnabrücker Delegationäre natürlich, wie es um die »aufblühende sozialistische Stadt« und ihre Produktionsverhältnisse bestellt war. Zögerlich fragten sie nach und erfuhren von ihren Gastgebern: Wir können nichts machen, keine Devisen, Berlin entscheidet und teilt zu.

Am 18. Oktober 1989, dem Tag von Honeckers Sturz, begannen auch in Greifswald die Demonstrationen. Das Szenario glich dem im ganzen Lande DDR: Friedensgebete im Dom, der erwachende Mut, die Forderung, das Neue Forum anzuerkennen. Die Mauer fiel. Fortan Einig-Vaterland-Parolen. »… und nicht lange, da gab es in der Woge des nationalen Hochgefühls die ersten Ausbrüche von Chauvinismus und Rechtsextremismus. In Greifswald machte sich alsbald eine Schar von glatzköpfigen Kindern und Jugendlichen auf den Straßen bemerkbar und nannte sich ›Greifswalder Nationalsozialisten‹. Die Ideale des ›Neuen Forums‹ verblassten angesichts dieser freigesetzten Instinkte. Die Demokratie des Volkes entpuppte sich als Herrschaft der Bevölkerung und ihrer Interessengegensätze.« So erinnerte sich 1993 Reinhard Glöckner, ehedem Pfarrer an St. Marien, nach der Wende Oberbürgermeister.

Glöckner ist ein grau behelmter Recke von 76 Jahren mit überschießender Natur und vielen Talenten – außer Verwaltung und Teamarbeit. Das kostete ihn 1992 sein Amt. Fürs Gemeindepfarramt fühlte er sich danach ungeeignet. Mit dieser Hand, spricht Glöckner und erhebt die Rechte, habe ich 700 Kindergärtnerinnen entlassen.

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