Ost-West-Geschichten Die kleine Einheit

Greifswald und Osnabrück verbindet seit mehr als 20 Jahren eine Städtepartnerschaft. Und sonst? Eine Reise nach Ost- und Westdeutschland.

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Kein Satz wurde nach dem Fall der Mauer häufiger zitiert als Willy Brandts Epochenwort, und keiner verdeckte so viel deutsch-deutsche Verschiedenheit. Würde man die neuen und die alten Bundesländer auf Stadtgröße verkleinern, dann erhielte man in etwa Greifswald und Osnabrück. Beide verbindet eine Städtepartnerschaft. Was noch? Was nicht? Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall besuchen wir die deutsche Einheit in Miniatur.

Die deutsche Teilung begann 1933. Zwölf Jahre später wurde sie exekutiert. Im April 1945 stand von den beiden Städten nur noch eine. Osnabrück war dahin, untergegangen im Bombenkrieg. Der finale 69. Angriff erfolgte am 25. März 1945, dem Palmsonntag. In den Morgenstunden des 4. April rückten die Briten ein. 85 Prozent der Stadt lagen in Trümmern.

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Greifswald stand noch. Es nahte die Rote Armee. Ihr voran ergossen sich Flüchtlingsströme gen Westen. Die alte Hansestadt am Ryck überfüllten 70.000 Menschen, weit über das Doppelte der Einwohnerzahl. 10.000 Verwundete waren zu versorgen. Dennoch durfte sich Greifswald nicht zur Lazarettstadt deklarieren, sondern sollte verteidigt werden bis zum heldischen Untergang à la Prenzlau, Swinemünde, Demmin. »Greifswald, dessen liebliche Silhouette sein großer Sohn Caspar David Friedrich mit meisterlicher Kunst weltberühmt gemacht hatte, sollte nun das gleiche grausame Geschick erleiden.«

Dies schrieb nach dem Krieg der Stadtkommandant, Rudolf Petershagen. Wohl jeder DDR-Geborene kennt die Petershagen-Saga. Man wusste, dass dieser Wehrmacht-Oberst nicht den versprochenen Generals-Epauletten, sondern seinem Gewissen gefolgt war und Greifswald kampflos der Roten Armee übergeben hatte. Gewissen in Aufruhr hießen seine Memoiren, viel gelesen und 1961 mit Erwin Geschonneck mehrteilig verfilmt. Petershagen starb 1969 in Greifswald. Seine Frau lebte dort bis 1995.

Am 27. November 1985 schrieb Angelika Petershagen (geb. von Lindequist) einen Brief an Erich Honecker. Frau Petershagen begehrte zu wissen, wofür ihr Mann unter Lebensgefahr Greifswald gerettet habe, wenn es die DDR verfallen lasse. Ganze Viertel versackten, mit Billigung oder Nachhilfe der Behörden. Großflächig riss man ab und setzte Neubauten ins Quartier. Vergleichsweise komfortabel, waren sie durchaus begehrt.

Der Reporter kam 1988 erstmals dorthin. Und schrieb für die DDR-Kulturzeitung Sonntag: »Greifswald empfängt müde. Ist es nur die Hitze, oder liegt die Stadt in einer Lethargie? Die Straßen gähnen. Der Markt blättert vor sich hin. Die alten Fachwerkhäuser sacken allmählich zusammen oder haben Neubauten weichen müssen. (…) Ein Bier tut not, aber Gastronomie findet nicht statt. Bis auf den Ratskeller, der von einer 32-köpfigen Schlange belagert wird.« Der wachsame Sonntag- Chef vom Dienst strich alles zwischen Hitze und Bier. So sanierte der SED-Staat: die veröffentlichte Sprache, nicht die Städte.

1988 wurde Osnabrück Greifswalds Partnerstadt – mit Erich Honeckers Segen, denn Greifswalds Stadtobere durften diesbezüglich gar nichts entscheiden. 1986 hatte Honecker einer ersten deutsch-deutschen Partnerschaft zwischen Saarlouis und Eisenhüttenstadt zugestimmt. Damals setzte Osnabrücks Werben ein. Ein historischer Bezug war glücklich gefunden: Der Westfälische Friedensschluss von 1648, Artikel X, Paragraf 13, hatte den schwedischen König zum deutschen Reichsfürsten gemacht und ihm Vorpommern beschert, somit auch Greifswald.

Die Hansestadt

Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald liegt zwischen den Ostsee-Inseln Rügen und Usedom nahe der Mündung des Ryck. Sie trägt ihren Namenspatron im Wappen: Gryps, den pommerschen Greif. Ihren Ausgang nahm die Stadt vom nahe gelegenen Kloster Eldena. Der westfälische Friedensschluß 1648 brachte Greifswald unter schwedische Regierung: »Unter drei Kronen, da war gut wohnen.« Der Wiener Kongress 1815 schlug es dann Preußen zu. Greifswald birgt eine der ältesten Universitäten. 1456 vom Pommernherzog Wartislaw IX. und dem Bürgermeister Heinrich Rubenow gegründet, hatte sie zur DDR-Zeit 3500 Studenten. Heute sind es 12000, bei 54.000 Einwohnern. Das macht Greifswald zur jüngsten Kommune Deutschlands. 1945 entging die Stadt durch Kapitulation in letzter Minute der Zerstörung durch die Rote Armee. Zwei berühmte Autoren wurden hier geboren: Hans Fallada und Wolfgang Koeppen, dessen Roman Jugend das wilhelminische Greifswald des frühen 20. Jahrhunderts imaginiert. Bei seinem Besuch 1985, einer Wiederkehr nach 52 Jahren, erlebte der deprimierte Koeppen den baulichen Verfall und wähnte sich in einer sterbenden Stadt. Die Wende 1989 hat vieles gerettet – auch Koeppens Geburtshaus in der Bahnhofstraße 4.

Die Friedensstadt

Mit 163.000 Einwohnern ist Osnabrück nach Hannover und Braunschweig Niedersachsens drittgrößte Stadt. Dennoch muss es sich des Rufs der grauen Maus erwehren – falls dieses Wort zur »Friedensstadt« passt. 1648 wurde hier der Westfälische Friede und somit das Ende des Dreißigjährigen Kriegs verkündet. 1945 gehörte Osnabrück zu den am stärksten zerstörten Orten des Deutschen Reichs. Aus beiden Wegmarken ihrer Geschichte bezieht die Stadt Identität. Dabei war sie bis vor Kurzem eine Militärmetropole, die größte britische Garnison außerhalb des Vereinigten Königreichs. Die leeren Kasernen belasten die Kommune, ebenso der Niedergang alteingesessener Industrien. Auch Osnabrück ist Universitätsstadt. Seine Alma Mater kann sich an Größe mit der von Greifswald vergleichen, vom Alter her keineswegs. Obwohl sie in einem Schloss residiert, wurde sie erst 1974 gegründet. Osnabrück hat großartige alte Kirchen, doch das geschichtsmächtigste Haus ist ein Neubau: Daniel Libeskinds Museum für den jüdischen Osnabrücker Maler Felix Nussbaum, der 1944 mit seiner Frau, der Malerin Felka Platek, in Auschwitz umgebracht wurde. Dieses Ende ahnend, prognostizierte der magische Realist Nussbaum Bild für Bild den eigenen Untergang.

Fürwahr, eine zwingende Verbindung. Konsensthema: Frieden. Die ersten Umarmungen kann man sich nicht keusch genug ausmalen. Ebene traf Ebene. Zunächst reiste, im Barkas-Kleinbus, ein Halbdutzend DDR-Parteikader nach Osnabrück. Beim Gegenbesuch sahen die Osnabrücker Delegationäre natürlich, wie es um die »aufblühende sozialistische Stadt« und ihre Produktionsverhältnisse bestellt war. Zögerlich fragten sie nach und erfuhren von ihren Gastgebern: Wir können nichts machen, keine Devisen, Berlin entscheidet und teilt zu.

Am 18. Oktober 1989, dem Tag von Honeckers Sturz, begannen auch in Greifswald die Demonstrationen. Das Szenario glich dem im ganzen Lande DDR: Friedensgebete im Dom, der erwachende Mut, die Forderung, das Neue Forum anzuerkennen. Die Mauer fiel. Fortan Einig-Vaterland-Parolen. »… und nicht lange, da gab es in der Woge des nationalen Hochgefühls die ersten Ausbrüche von Chauvinismus und Rechtsextremismus. In Greifswald machte sich alsbald eine Schar von glatzköpfigen Kindern und Jugendlichen auf den Straßen bemerkbar und nannte sich ›Greifswalder Nationalsozialisten‹. Die Ideale des ›Neuen Forums‹ verblassten angesichts dieser freigesetzten Instinkte. Die Demokratie des Volkes entpuppte sich als Herrschaft der Bevölkerung und ihrer Interessengegensätze.« So erinnerte sich 1993 Reinhard Glöckner, ehedem Pfarrer an St. Marien, nach der Wende Oberbürgermeister.

Glöckner ist ein grau behelmter Recke von 76 Jahren mit überschießender Natur und vielen Talenten – außer Verwaltung und Teamarbeit. Das kostete ihn 1992 sein Amt. Fürs Gemeindepfarramt fühlte er sich danach ungeeignet. Mit dieser Hand, spricht Glöckner und erhebt die Rechte, habe ich 700 Kindergärtnerinnen entlassen.

Glöckner verkörpert exemplarisch den größten Ost-West-Unterschied: den biografischen Wende-Bruch. Ost-Leben wird geteilt vom 89er-Zeitengraben. Jenseits dessen liegen lange Vorgeschichten und wirken fort. Im Erzgebirge geboren, zog Glöckner westwärts, arbeitete in Fabriken, reiste durch Europa – und ging 1961 in die DDR zurück. Er hasste den Staat – und trat der Blockpartei CDU bei. Ein Fenster zu den Interna der Gesellschaft habe er sich öffnen wollen. Er saß im Stadtrat und tat unbotmäßig den Mund auf, auch als Prediger wider die Militarisierung. 1989 leitete er Greifswalds Runden Tisch.

Der Osten, sagt der Wessi, sei im Fluss. Der Westen stehen geblieben

»Die Hoffnung der Wende war: Schluss mit der Anpassung« schrieb er, »ihr Ergebnis: Anpassung ins Quadrat.« Den Dritten Weg gibt es nicht, resumiert Glöckner zum Abschied. Freiheit und Gerechtigkeit lassen sich nicht versöhnen. Aber man kann in die Freiheitsgesellschaft Gerechtigkeit hineinbalancieren und umgekehrt.

Auf der Treppe sagt er: Gott ist das Ich der Welt.

Der Mauerfall änderte alles. Nun reiste, wer wollte. Osnabrück lud ganz normale Bürger ein. Osnabrück schenkte Greifswald seine alte Stadtbus-Flotte, neue Müllcontainer und lehrte es Verwaltungsaufbau West. Im Frühjahr 1990 nahm ein »Greifswald-Botschafter«, von der Stadt entsandt, in Osnabrück Quartier: Uwe Rieger. Kulturschock, sagt Rieger, Crashkurs BRD. Was wusste ich über Wirtschaftsförderung?

Man lief ihm die Bude ein. Er musste endlos erzählen: seine Biografie, vom Leben in der DDR und wie man helfen könnte. Krankenhäuser wollten Einwegspritzen stiften, Philatelisten suchten Ost-Kontakt, wie die Industrie- und Handelskammer … Die Leute hatten die unterschiedlichsten Motive, sagt Rieger, von deutscher Einheit bis richtig Kohle machen. Einer, den ich damals kennenlernte, hat dann in Greifswald wahnsinnige Geschäfte gemacht, den hab ich kürzlich im Knast besucht.

Der Ratsmitarbeiter Rieger ist ein grübelnder Mecklenburger, Rock-Freak und Science-Fiction-Autor. Zur DDR-Zeit studierte er Rechtswissenschaft. Er verweigerte sich der Partei, wies auch die Stasi ab und landete am behördlichen Katzentisch. Dort sitze er mangels Parteibuch noch heute. Nein, bitter sei er nicht, nur desillusioniert.

Im Mai 1990 reiste der frisch gewählte OB Reinhard Glöckner nach Osnabrück und sprach: Ich brauche einen Stadtbaurat. Der Amtskollege erhörte Glöckner und entsandte den Stadtplanungs-Direktor Volker Bouché nach Greifswald. Osnabrück bezahlte ihn ein Jahr. Er blieb für immer. Bouché, ein Alt-68er mit sozialem Credo, erzählt vom Flohzirkus, den er hier zu bändigen hatte: Altstadtsanierung, Gewerbegebiete schaffen, Neubaugebiete umbauen, mit etwas Abriss und viel Variation. Wir brauchen Wohnungen, sagt Bouché. Die Haushalte verkleinern sich wie im Westen, die zivilisatorische Unfruchtbarkeit hat den Osten erreicht.

Greifswalds Arbeitslosenquote liegt bei 15 Prozent, doppelt so hoch wie die von Osnabrück. Die Neubaugebiete sind das Erbe der DDR, gebaut für ein Proletariat, dessen Arbeit verschwand. Von 2500 Beschäftigten des Werks für Nachrichtenelektronik brauchte Siemens 600. Und 8500 DDRler, von überall zugezogen, werkten im Kernkraftwerk Nord. Ein ehemaliger Greifswalder Physik-Student half es gleich nach der Wende abzuschalten: Sebastian Pflugbeil, Minister im Kabinett Modrow, Bürgerrechtler und Tschernobyl-Experte. Noch immer beschäftigt der Abriss tausend Menschen.

Nicht überlebt hat auch die Fischkutter-Reparaturwerft. Dort residiert jetzt die HanseYachts AG des gebürtigen Kielers und Ex-Hamburgers Michael Schmidt. Von 130 Leuten konnte ich nur 30 übernehmen, sagt Schmidt. War ich natürlich in der Stadt der Held ...

Schmidt baute preiswert Segelboote. Bald brummte der Laden. Vor der Finanzkrise hatte er 650 Angestellte, derzeit sind es 400. Hamburgs Pisswetter und Anspruchsdenken habe er hinter sich gelassen. Wozu, sinnt Schmidt, brauche ich Steaks vom biergefütterten japanischen Kobe-Rind? Ne Gartentomate, ’ne polnische Essiggurke, das ist doch der Rausch. – Sichtlich hat Schmidt, ein hanseatisch liberaler Buddha, diesen Rausch nicht immer genossen, doch nun ist er Greifswalder geworden. Geil, sagt er. Wasser, Kneipen, Jugend, und das antipolnische Gequatsche lasse auch endlich nach. Der Osten sei unheimlich im Fluss, der Westen total stehen geblieben, eine satte Gesellschaft in der Endphase. Hier kommuniziere man menschlicher, wobei er manche Zungenschläge habe lernen müssen. Für das Hamburger Kosewort Arschloch werde man hier erschossen.

Greifswald betört mit Historie. Wir erklommen den Domturm, umklungen von Glocken und Wind, und blickten bis Rügen. Wir beschauten im wunderbaren Pommerschen Landesmuseum Caspar David Friedrichs metaphysische Malerei. Wir schnurrten mit dem hansestädtischen Dienstfahrrad nach Eldena, zu Friedrichs Klosterruine. Alle radeln in dieser Stadt der zehnminütigen Wege. Aber die Jugend wandert westwärts, der Arbeit nach, besonders die fitten jungen Frauen. Dennoch wirkt Greifswald ungeheuer jung dank der Studenten. Die Uni ist der größte Arbeitgeber. Die altehrwürdige Gelehrtenrepublik, 1456 gegründet, trägt, trotz periodisch wiederkehrender studentischer Proteste, den Namen des Franzosenfressers Ernst Moritz Arndt, den ihr 1933 Hermann Göring verpasste. Zur DDR-Zeit hatte sie 3500 Studenten, heute 11500. Studiengebühren: keine.

Eine Woche Greifswald. Unendliche Geschichten. Wir hörten von Siemens-Schmiergeldern pro CDU, vom altbundesdeutschen »Eliten«-Import und einem Milieu namens Osnabrück-Filz, von zweifelhaften Grundverkäufen, von Protesten gegen das geplante Kohlekraftwerk bei Lubmin, von den dunklen neunziger Jahren, als Asylbewerberheime und ausländische Studenten angegriffen wurden. Stetig wuchs die rechte Szene. Im Jahr 2000 wurde ein Obdachloser totgeschlagen, worauf Oberbürgermeister von der Wense – Wessi, CDU – verfügte, es sei genug. Am 14. Januar 2001 vereinte die Demo gegen Rechts 7000 Greifswalder. Heute, sagt Christine Dembski vom Präventionsrat, sei hier die Rechtsdrift als jugendkultureller Trend vorbei. Langsam schwinde auch der ostdeutsche Mangel an bürgerlicher Selbstorganisation, das Warten auf den Staat. Doch viele Gekränkte verachteten die Demokratie als kungelnde Wirtschaftsmagd.

In Greifswald war viel Osnabrück zu finden – umgekehrt kaum

Frau Dembski, könnte ich als Farbiger nachts angstfrei durch die Straßen laufen?

Ich würde sagen ja. Aber ich würde nicht meine Hand ins Feuer legen.

Zum Schluss der Oberbürgermeister. Arthur König – bedächtiger Physiker, CDU wie alle Greifswalder OBs seit der Wende – summierte uns seine Stadt, sprach vom Max-Planck-Institut, vom Biotechnicum, vom Mangel an gewerblichen Arbeitsplätzen, von seiner Dankbarkeit gen Osnabrück. Davon dass Greifswald leicht wachse, mit heute 54.000 Einwohnern, von denen zwei Prozent ausländischer Herkunft seien, die Studenten eingerechnet. Dass die Stadt klage gegen die Kreisgebietsreform, die das bis dato kreisfreie Greifswald ans arme Nordostvorpommern koppeln will. Wir hörten König, schauten aus dem Rathausfenster über den leuchtenden Markt, verglichen mit 1988 und hofften: Hier gelingt’s.

Zum Bahnhof! Gen Westen!

Man kommt in die Friedensstadt Osnabrück und hat sofort den Frieden in der Hand. Die Tür zum Rathaus, von dessen Treppe das Ende des Dreißigjährigen Kriegs verkündet wurde, öffnet eine Klinke, auf der FRIEDE 1648 steht. Sofort müssen wir zum Oberbürgermeister Boris Pistorius. Vorher darf kein Stadtverwaltungsmensch uns beauskunften.

Herr Pistorius, warum Friedensstadt? Marketing oder Bekenntnis?

Wir leben das, sagt Pistorius. Osnabrück ist definitiv toleranter als andere Städte. Der soziale Friede wirkt sich aufs städtische Klima aus. Geringere Jugendkriminalität, Chancengleichheit, Schulabbrecherquote fünf Prozent, bundesweit sind es 16 …

Kann ich als Farbiger nachts angstfrei durch Ihre Straßen gehen?

Wie jeder andere auch.

Wo bleibt das Wort der Friedensstadt gegen die Militarisierung der deutschen Außenpolitik?

Außenpolitik können wir nicht beeinflussen, sagt der Sozialdemokrat Pistorius. Wir fördern den Frieden im Inneren, durch Dialog und Abbau von Vorurteilen, zum Beispiel am Runden Tisch der Religionen. Ich wohne im Stadtteil Schinkel, Volksmund Klein-Neukölln. Da haben manche Grundschulklassen 80 Prozent Migrationshintergrund und lernen miteinander umzugehen. Deutschland wird künftig nur noch durch Einwanderung klarkommen.

Die Partnerschaft zu Greifswald? Sei heute auf eine gewisse Routine reduziert. Über das vergangene Jahrzehnt habe Osnabrück 300 Millionen Euro in den Fonds zur deutschen Einheit gezahlt. Das belaste den Haushalt. Doch stimme es einfach nicht, dass hier Investitionen und Bauvorhaben unterblieben, weil die Fördermittel nach Osten abgeflossen seien. Außerdem, spricht Pistorius entschlossen, ist das langfristig gut angelegtes Geld.

Jetzt suchen wir den Frieden. Und finden Erich Maria Remarque, den »militanten Pazifisten«, dessen Antikriegsbuch Im Westen nichts Neues nach 1929 zum angeblich meistverkauften Roman der Menschheitsgeschichte wurde. Im Remarque-Friedenszentrum ist sein Leben ausgestellt. Im Stadtbild verteilen sich 25 rostige Vierkantstelen, aus denen kleine Apfelbäume wachsen. Die Inschriften konfrontieren Friedenszitate mit Parolen manneszüchtiger Tötungskultur: »Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.« (Horaz) – »Wann wird zum Mord, was man sonst Heldentum nennt?« (Remarque) Geschaffen hat die Säulen Volker-Johannes Trieb, ein flammender Jungvierziger, der am Sutthauser Bahnhof in seiner Künstlerscheune wohnt.

Wer hat die Säulen bezahlt? Die Stadt?

Firmen, sagt Trieb, Privatsponsoren. Die Stadt bemüht sich. Aber Frieden ist kein Thema mit Knautschzone. Wer sich zu Afghanistan, zur Verleihung des Eisernen Kreuzes durch die Kanzlerin nicht äußert, kann sich auch Stadt im Grünen nennen.

Und das städtische Friedensbüro? Die Osnabrücker Friedensgespräche der Universität? Das Felix-Nussbaum-Museum, Daniel Libeskinds erster Bau, Holocaust-Memorial und Bilderburg des in Auschwitz ermordeten Osnabrücker Malers? Auch die Gedenkstätten Augustaschacht und Gestapo-Keller erzählen Geschichte aus der Naziopfer-Perspektive. Die Stadt wirkt gefestigt liberal, mit einem bürgerlichen Geist, um den sich Greifswald angestrengt bemüht.

Im Jahre 2004 ermittelte der Stern Osnabrück als Stadt der glücklichsten Deutschen. Aufkleber jubelten: »Ich komm zum Glück aus Osnabrück.« Einer pappt noch an der Traditionskneipe Olle Use, in der zwei Herforder plus Bulette 4,30 Euro kosten. Am Tresen loben kultivierte Senioren Barcelonas Architektur, bis die Gattin den Gatten fühlsam fragt: Wolln wir denn mal gehen? Und er folgt ihr, ohne Murren. Und draußen auf dem Markt ist Weinfest, mit Gesumm und Gebrumm Aberhunderter wohlsituierter Vorpensionäre, die leben und leben lassen – behaglich, unmondän, die bildgewordene Besitzstandswahrung. Vor dem Rathaus muss ein Junggeselle an seinem 30. Geburtstag die Treppe fegen. Die begleitende Jugend schluckt maßvoll, und ein Gettoblaster plärrt wahrhaftig: Ein bisschen Frieden …

Wo sind die Sorgen von Osnabrück?

Wir schaffen es nicht, den Haushalt auszugleichen, hatte OB Pistorius gesagt. Der VfL packt die Zweite Bundesliga nicht. Wir müssen die Kasernengelände von 10.000 kürzlich abgezogenen britischen Soldaten umwidmen. Vor allem: Karmann ist insolvent.

Das Sterben des Industriezeitalters hat auch Osnabrück nicht verschont. Die Klöckner-Stahlwerke schwanden, wie die Textilbranche, deren radförmiger Leggestempel das Osnabrücker Wappen ziert. Karmanns Aus ist ein Hieb fürs städtische Selbstwertgefühl. Christian Eick, der lange Karmanns Marketing betrieb, führt uns durch die gloriose Autosammlung des Unternehmens. Sie verkörpert ein Jahrhundert Industrie, beginnend 1901, als Wilhelm Karmann die Wagenfabrik Klages kaufte, die Deichsel durchs Lenkrad ersetzte, die Pferde durch einen Motor, und siehe, es ward Auto. Karmann wurde Karossier und schneiderte Autos nach individuellen Wünschen.

Eine Karmann-Perspektive vermutet Christian Eick im Bau von Elektromobilen. Osnabrücks Zukunft, das hören wir immer wieder, liege in Dienstleistung und Kreativwirtschaft. Die Stadt hat 18.000 Studenten an der 1974 gegründeten Universität und der aufstrebenden Fachhochschule. 500 Euro Gebühr kostet das Semester an der Uni. Dort lehrt, beglaubigt durch den Ars legendi-Preis, Deutschlands bester Professor, der Informatiker Oliver Vornberger. Der – Arbeiterkind, 1951 in Essen geboren – erzählt von Osnabrücks Familienfreundlichkeit und springt ins Soziale: Wie sie ihn fuchse, die wissenschaftspuristische Arroganz mancher Kollegen. Mancher belächle ihn, weil er mit seinen Studenten wandere und grille. Dieses Elitengetue! Und die Krankenschwester? fragt Vornberger. Der Friseur, der Lehrer, die ihren Job tun, ohne zu meckern? Und die ganz unten … Wenn ich immer reicher werde und andere in der Gosse liegen, das ist doch keine Lebensqualität.

Die freiheitliche Gesellschaft …

Diese Ansprüche und Privilegien, sagt Vornberger, dieses Paralleluniversum der Manager und Banker. Die die Macht haben, wollen sie behalten, destabilisieren sie aber, indem sie den Konsens der Gesellschaft gefährden. Manchmal denk ich: Ihr habt den Schuss nicht gehört. Noch einen Schritt weiter, und ihr werdet wieder anne Wand gestellt.

Dies war das schärfste Wort der ganzen Woche Osnabrück. Ansonsten edler Frieden, auch in Eversburg, wo wir die Moschee der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde besuchten. Osnabrücks 160.000 Bewohner dritteln sich in Protestanten, Katholiken, Sonstige. 20 Prozent sind Ausländer. Es gibt neun Moscheen. Die Uni bildet demnächst Imame aus. Die Ahmadiyyas, erzählte ihr junger Sprecher Yahanzeb Shaker, hätten zum Baubeginn die skeptischen Nachbarn eingeladen und versichert, dass sie keine Terroristen oder Fundamentalisten seien, sondern deutsche Gesetze respektierten und das Land, in dem sie leben.

Und dann?

Dann waren die Leute beruhigt. Die Menschheit wird erst friedlich, wenn jeder seine Religion versteht und nicht nur dran glaubt.

Das Maß des Friedens war voll, als wir uns nach Klein-Ankara begaben, zum räudigen Rosenplatz, wo sich bestätigte, was OB Pistorius sagte: Wir sind keine reiche Stadt. Im Kebap-Haus würfelten die alten Türken. Am Tresen disputierte der Bauarbeiter Hodscha mit der georgischen Zapferin Chatija über Islam und Christentum, Bildung, Sünde und Moral. Via goldene Regel wurden die Weltreligionen einig.

Am letzten Abend spazierten wir am lauschigen Ufer der Hase und fotografierten eine Scheherazade und ihren Galan. Sie flehte: Nicht in die Zeitung, bitte, sonst bin ich tot! Der Schützer, auf uns weisend: Nein, der ist dann tot.

So oder ähnlich lebt diese Stadt, gestern wie morgen. Westliche Neuzeit, das ist ein östliches Gefühl. In Greifswald war viel Osnabrück zu finden, umgekehrt kaum. Die Sängerin Kathrin Brauer zog vom Theater Stralsund/Greifswald ans hiesige, der Liebe wegen, und will nicht zurück. Menschen ihrer Art gebe es hüben und drüben, doch werde im Westen besser gelebt, und mit mehr Initiative. Die Literaturstudentin und Saxofonistin Julia Behrendt fand, die Mauer stehe noch in manchem Kopf. Gemeinschaftsdenken, Solidarität, das sei im Osten stärker. Dann trank sie vom libanesischen Wein und sagte, die Uni sei top und daheim in Potsdam verteidige sie Osnabrück.

Der Prognos -Zukunftsatlas 2007 platzierte Osnabrück bundesweit auf Rang 115 mit der Bemerkung: »ausgeglichener Chancen-Risiko-Mix«. Das Osnabrücker Land lag auf Platz 148. Greifswald belegte Platz 101: »Zukunftschancen«. Das ist im Osten der viertbeste Wert, nach Dresden (13), Potsdam (15) und Jena (20). Der Landkreis Nordvorpommern errang Platz 421.

So steht’s um die deutsche Einheit. Diagnosen bitte nur mit Ortsangabe.

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