Seit beinah 50 Jahren verteidigt Fritz Steinacker ein Phantom. Am 5. Mai 1962 war es leibhaftig in seiner Kanzlei erschienen, er weiß nicht, wie. Damals kam der frühere SS-Arzt Aribert Heim in die Frankfurter Schumannstraße und hinterlegte im Büro Dr. Laternser & Steinacker eine »Vollmacht«. Heim spukt bis heute im Leben des 87-jährigen Rechtsanwalts herum. Steinacker ist mit dem Untoten alt geworden.

Das muss sie sein: Mit müder Sicherheit fischt Steinacker die Kopie aus einer Handakte, Heims kraftvolles »V« für Vollmacht ist gut zwei Zentimeter hoch. Das Original liegt beim Landeskriminalamt. In einer Mischung aus lateinischer und Sütterlinschrift betraute Heim »die Herrn Rechtsanwälte« damit, ihn »sowohl in meinen persönlichen als auch vermögensrechtlichen (einschließlich steuerlichen) Angelegenheiten gleich welcher Art gerichtlich und außergerichtlich zu vertreten« sowie alle »Massnahmen zu ergreifen, die meinen Interessen dienlich sind«. Das beflissene Schreiben war eine verkappte Fluchtankündigung.

Wer bei Wildfremden mit einem solchen Achtzeiler hereinschneit, hat Beistand bitter nötig. Tatsächlich berichtete der Besucher, gegen ihn laufe ein Ermittlungsverfahren. Zwischen Tür und Angel gebrauchte Heim die seltsame Abschiedsformel, im Übrigen werde er von sich hören lassen. Aus dem Abgang konnte geschlossen werden, dass sich der Mandant einem dräuenden Mordprozess jetzt nicht stellen wolle. Wie sich zeigte, auch nie stellte. Im September 1962 verschwand der Kriegsverbrecher auf Nimmerwiedersehen. Für die Strafverfolger blieb er »unbekannten Aufenthalts«.

Wie lange ihre folgenschwere Begegnung dauerte, wer Heim die Kanzlei empfohlen hatte, Steinacker schüttelt den Kopf: »Ich weiß es nicht.« Vermutlich hatte sich unter den alten SS-Kameraden herumgesprochen, dass bereits der nicht weniger luziferische KZ-Arzt Josef Mengele die Sozietät engagiert hatte. Für ihn war im August 1961 hilfesuchend seine Ehefrau Marta aufgekreuzt, wohnhaft in Zürich-Kloten, Schwimmbadstraße 11: »Marta ohne h«, diktiert Steinacker.

Der Mann, dem die Massenmörder vertrauten, hat immer noch ein Büro im Frankfurter Westend, konventionell bestückt mit augenfällig moosgrüner Chesterfield-Garnitur unter dem Merian-Stich von Frankfurt, dazu Yuccapalme und Tresor. Die der Zeit entrückte Ausstattung passt zum konservativen Outfit des Juristen (graue Hose, dunkler Blazer) und verrät eine Menge über den wohlsituierten Notar a. D. Die Handakte mit Heims Papieren klemmt sich Steinacker unter den Arm, wenn er den Besucher bei stillem Wasser und Gummibärchen im Zimmer allein lässt.

Die Welt kennt Heim unter dem schauderhaften Beinamen »Dr. Tod«. Auf seine Ergreifung ist eine Belohnung von 310.000 Euro ausgesetzt. Unendlich grausam muss er gewesen sein. Im KZ Mauthausen hat er »in einigen hundert Fällen aus niedrigen Beweggründen ... Menschen getötet«, indem er überwiegend jüdischen Opfern Chlormagnesium in die Herzkammer spritzte. Nachzulesen in Haftbefehl 6 Js 176/79, ausgefertigt von der Staatsanwaltschaft Baden-Baden. Heim schnitt KZ-Häftlinge auf, übte aus Langeweile am lebenden Objekt, ergötzte sich am Leiden der Geschächteten, ließ Schädel auskochen und präparieren. Die Ermittler hatten Mühe, seine Unbarmherzigkeit rein sachdienlich zu beschreiben.

Immer wieder schreckten Nachrichten die Öffentlichkeit auf, er sei gesichtet worden: in Brasilien, Chile, Dänemark, Österreich, Spanien. Sein Verteidiger schwieg dazu mit ausdruckslosem Gesicht. Geschützt durch das Anwaltsgeheimnis, behielt Steinacker einen Part im makabren Versteckspiel. Nach Recherchen von ZDF und New York Times ist Heim schon im August 1992 gestorben und als Tarik Hussein Farid in Kairo begraben worden.

Auch diese jüngste Enthüllung kann Steinacker nicht aus der Reserve locken. Er habe den Bericht zwar »mit großem Interesse« zur Kenntnis genommen. Doch solange Beweise wie eine DNA-Analyse fehlten, Heims Tod nicht in Form einer amtlichen Sterbeurkunde beglaubigt sei, gelte dessen Vollmacht von 1962 weiter. Dass ihr direkter Draht in den Siebzigern abgerissen sei, man fortan über Heims »generalbevollmächtigte Schwester Herta Barth« in Buchschlag kommunizierte, ändere daran nichts.

Zum Anwalt des Phantoms war ich mit gemischten Gefühlen gereist. Steinacker ist der letzte noch lebende Prominente einer Advokatenriege, die sich in den Mammutverfahren gegen Nazi-Verbrecher einen Namen machte. Ob es im Düsseldorfer Majdanek-Verfahren (von 1975 an) um bis zu 250.000 Ermordete ging oder am Hamburger Landgericht um Viktor Arajs, der 1979 wegen gemeinschaftlichen Mordes an 13.000 Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde – seine Mandanten sahen sich mit Schuldvorwürfen konfrontiert, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Kaum ein Prozess, in dem nicht von unfassbaren Gräueln, stechendem Verwesungsgestank und Menschenrauch die Rede sein musste; der Rauch waren Kinder, Frauen, Männer. Hinter Steinacker liegt eine vom Leid anderer überfrachtete Karriere, eine Karriere mit vielen Toten. Viel zu vielen Toten, bei seiner Leidenschaft für das Leben.

Man tut sich schwer mit einer Erklärung, ob die niederschmetternde Thematik ihn gefunden hat – oder er die Thematik für sich entdeckte. Niemand hat Steinacker gezwungen, seine besten Jahre reuelosen Nazis zu widmen und dafür Anfeindungen eines argwöhnischen Umfelds in Kauf zu nehmen. Mancher Kollege lehnte diese Kundschaft aus politischen Gründen generell ab. Andere dachten, das epische Verbrechen des Völkermords sei eher geeignet, den eigenen Ruin zu betreiben. Um dann zu erleben, dass die Kanzlei Dr. Laternser & Steinacker florierte. Albtraumartige Verbrechen üben einen Sog auf Strafverteidiger aus, tragen in befremdlicher Dialektik sogar zu ihrem Ruhm bei. Steinacker ist sichtlich bemüht, die Frage, warum er sich in die allertraurigsten und krudesten Fälle hineinziehen ließ, auf der Ebene des rein Forensischen abzuhandeln: »Das hat sich rumgesprochen, das ist der richtige Mann!« Bald war er eine Koryphäe auf diesem Gebiet, wenngleich eine nicht ganz geheure.

Jahrgang 1921 wie Joseph Beuys, ist Steinacker in den Hitler-Staat hineingewachsen. Kurz vor dem Abitur katapultierte ihn die Fliegerausbildung unter die Krieger. Mit der Befähigung zum Blindflug steuerte er Ju 88 und Heinkel 111, das Hakenkreuz prangte am Höhenruder. Der Bomberpilot der Kampfgeschwader 4 und 55 wurde mehrmals in Stahlgewittern »waidwund geschossen«. Das Alter hat ihn verwittern lassen, aber wem im Januar 1945 für »außergewöhnliche Tapferkeitstaten« der auf der rechten Brust zu tragende Orden des »Deutschen Kreuzes in Gold« verliehen wurde, dem ist Draufgängertum attestiert. Beim Rückzug landete er unsanft auf einer Waldlichtung bei Taufkirchen.

Am liebsten wollte der Oberhesse Medizin studieren. Ihm sei jedoch von den Gerüchen bis zur Ohnmacht übel geworden. Nach den verlorenen Jahren kam er mit Daseinshunger zur Juristerei.

Reporter lieben Zufälle. Wir waren im Büro verabredet. Steinacker lief mir schon auf der Straße über den Weg, die Gelegenheit, ihn unbemerkt zu beobachten: Er kommt aufrechter, energischer, vitaler daher, als zu erwarten ist. Beim Reingehen lässt er dem Jüngeren den Vortritt.

Wem das Verbrechen in allen Erscheinungsformen begegnet ist, der muss davon gezeichnet sein, sollte man meinen. Stattdessen sitzt mir nun ein zarter Herr mit Urlaubsbräune am Glastisch gegenüber. Klein von Statur, lädt er dazu ein, ihn zu unterschätzen. In ihm steckt aber ein Roman. Ein Kopf aus einer anderen Zeit. Wären da nicht die prüfenden Augen über den Tränensäcken, sein Gesichtsausdruck wäre unverbindlich. Bittere Falten ziehen sich von den Nasenflügeln zum Mund. Nicht einfach, das Gespräch zu beginnen. Wir bewundern die blühende Robinie vor dem Fenster. Kaffee wird in bunten Tassen serviert. Herumdrucksend tasten wir uns an Schauplätze und Personen heran, seine Mandanten Heim und Mengele, die 1945 nur ein Herzschlag vom Galgen trennte. In Frankfurt ist es drückend, im Raum wird es frostig.

 

Er blickt verstohlen auf die Uhr. Immer ein wenig steif in der Haltung, hat Steinacker die solide Ausstrahlung von Disziplin und Vernunft. Er macht einen angespannten Eindruck, mischt Neugier und Skepsis in wechselnden Anteilen mit pädagogischem Eifer. Sparsame Gesten. Gelegentlich blitzt Verschmitztheit auf. Er ist leicht reizbar wie ein Greis, der sich mit Harthörigkeit gegen unangenehme Einwände abschirmt. Duldsamkeit gehört nicht zu seinen Stärken.

Von der ersten Minute an war klar, es würden Termine werden, aus denen man benommen hinausgeht. Verdankt sich sein Rang als »Fachanwalt für deutsche Vergangenheit« doch Klienten, denen alle Varianten von Gewalt vorgeworfen wurden. Vom Tottreten über das Ersäufen bis zum Hineintreiben von Juden in elektrisch geladene KZ-Zäune. Bewandert in der Topografie des Terrors, könnte Steinacker wie kein Zweiter Auskunft geben über Verstrickungen und Täter, die nur ihm die ganze Wahrheit anvertrauten. In diesem Land, in dieser Zeit existieren immer noch Personen, die auf unheimliche Weise mit dem Holocaust vertraut sind und in beängstigender Erfahrungsnähe ihr Wissen direkt von Hitlers willigen Vollstreckern bezogen. Einer wie Steinacker sollte seine Memoiren schreiben. »Mein Sohn sagt das auch.« Er will nicht ausschließen, dass es dazu kommt.

Den Anwalt hat man auf grob gerasterten Zeitungsfotos Seit’ an Seit’ mit Obernazis gesehen: Steinacker 1972 fürsorglich im Prozess gegen den ehemaligen SS-Standartenführer Wagner. Ein Verfahren mit 20000 Seiten Material. Unglaublich, der auf Krücken humpelnde Opa soll Beihelfer »zum Judenmord in 356624 Fällen« gewesen sein. Steinacker im Prozess gegen die Eichmann-Männer Hunsche und Krumey, Letzterer mit »lebenslänglich« bestraft, weil er gemeinschaftlich die Tötung von 290000 Menschen zu verantworten hatte. Steinacker mit soldatischem Scheitel beim Verfahren gegen Heim. Steinacker allgegenwärtig, Steinacker allein gegen alle. In mancher Woche verteidigte er hintereinander in Hof, Ulm, Essen, Frankfurt.

Eine Blutspur durch Europa. Ermordete in Tarnow. Ermordete in Zmigrod, Ermordete in Riga. Die Ermordeten von Tschenstochau nicht zu vergessen. Dort soll sein Klient Fasold an der Tötung von »mindestens 180 jüdischen Zwangsarbeitern« als Mittäter teilgenommen haben: Anklage in Frankfurt, »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, stand über dem Gerichtseingang. Steinacker vertrat Alois Dörr, die deutsche Mischung aus Spießigkeit und Fanatismus. Der Bauer und SS-Unterscharführer zwang die Häftlinge des KZ-Außenlagers Helmbrechts auf den »Todesmarsch« in Richtung Böhmen und Mähren. Bald würde der Frieden kommen. Aber zu spät für diese Herde Verlorener im Frühling des April 1945. Mindestens 129 Frauen, durchweg Jüdinnen, starben, 49 wurden von ihren Bewachern in malerischen Waldstücken wie »Hirschsuhl« und »Hohe Tanne« umgebracht. Dörr erhielt die Höchststrafe. Nachzulesen auf den Seiten 582 bis 701 der Urteilssammlung Justiz und NS-Verbrechen, Band XXXII. Die bald 50 Wälzer mit goldgeprägten Titeln waren meine Lektüre zwischen drei Besuchen bei Steinacker.

Die Datenbank des Forschers Andreas Eichmüller belegt 25 einschlägige Prozesse mit Steinackers Beteiligung. Der Anwalt überfliegt die Liste und moniert: »Das müssen mehr gewesen sein.« Ein grober Querschnitt der Angeschuldigten ergibt als gemeinsames Profil den Vernichtungswillen der Nazis. In den Verfahren stand die Tötung von geschätzt einer Dreiviertelmillion Menschen im Raum.

NS-Verfahren fanden nie das Echo wie Eifersuchtsdramen. Trotz mörderischer Klientel sind für heutige Verhältnisse erstaunlich wenige Äußerungen von Steinacker überliefert. Außerhalb der Gerichte sagte er selten mehr als das Notwendige. Nicht weil er sich für unergiebig hielte. Im Gegenteil. Er wollte seinen Job in Ruhe machen. Nennt man ihn verschlossen, ruft er über den Tisch: »Das höre ich zum ersten Mal!« Der CDUler, eben für 30 Jahre Mitgliedschaft geehrt, machte sich rar, als müsse er Missverständnissen vorbeugen.

Die intimste Annäherung ist eine Würdigung zum 80. Geburtstag des Vorsitzenden der Frankfurter Turn- und Sportgemeinschaft. Das Amt brachte Steinacker einiges gesellschaftliches Ansehen und, kritisch beäugt, das Bundesverdienstkreuz ein. Privat blieb die Rolle des Verteidigers nach seinen Worten unumstritten. Weder mit Sohn Peter, lange Kirchenpräsident von Hessen-Nassau, noch mit der Gattin habe es einen Dissens gegeben. Seine Frau habe lediglich seufzend wissen wollen: »Wann endet das denn endlich?«

Im Frankfurt der 68er-Jahre, mit seinen Kommunen und Revolutionären Zellen, empfahl es sich, nicht zu viel Publicity um die Verteidigung von Heim, Mengele und ähnlichen Gestalten der Finsternis zu machen. Steinacker galt diesen Kreisen als Reaktionär, ein »Linkenfresser«. Zudem wurde ihm angekreidet, dass er sich im Düsseldorfer Majdanek-Verfahren anno 1975 zur Ablehnung des Gutachters Wolfgang Scheffler verstieg. Die »Besorgnis der Befangenheit« begründete er damit, Scheffler arbeite mit jüdischen Forschern zusammen. Schließlich sei dessen Doktorvater auch Jude. Gemeint war der Politologe Ernst Fraenkel, der vor den Nazis in die USA hatte emigrieren müssen.

Der Autor Heiner Lichtenstein berichtete weiter, danach habe sich »fassungsloses Entsetzen« im Zuschauerraum ausgebreitet. Dass Steinackers Entgleisung zwar haften geblieben ist, aber keinen Aufschrei der Empörung auslöste, belehrte über die geistige Verfassung einer Gesellschaft, die sich angesichts von NS-Prozessen in schuldbeladenes Schweigen flüchtete.

Beim großen Auftritt im Frankfurter Auschwitz-Prozess war Steinacker nicht mehr ganz jung, aber doch nur halb so alt wie heute. Mangels anderer Räumlichkeiten begann die Verhandlung in der »Strafsache gegen Mulka u. a.« 1963 im Plenarsaal des Frankfurter Römers. Steinacker mit seinen damals »paarundvierzich« in erwartungsvollem Ernst, vom Auftrag eingenommen. Runde Wangen, frisch glänzende Robe, überhaupt wie aus dem Ei gepellt. Den rebellischen Haarschopf, längst patriarchisch schlohweiß, makellos arrangiert. Er schrieb mit wie ein Wilder. Die Notizen ergaben 1600 maschinengeschriebene Seiten, erster Beweis der ihm nachgesagten Hartnäckigkeit. Mit ihr hat er den Zeitläuften getrotzt, findet er es noch heute normal, täglich in der Kanzlei zu sein. Nach einer Krankheitspause beginnt er jetzt wieder mit Tennis.

Die Deutschen pflegten fleißig ihre Schlussstrich-Mentalität, da schlug Steinackers Stunde der Bewährung. Zusammen mit seinem Mentor Hans Laternser vertrat er fünf Angeklagte: eine trostlose Anordnung von SS-Dienstgraden an kleinen Tischen mit großen Nummern, die den Überblick erleichtern sollen. Wer als Zuschauer gekommen war, um KZ-Peiniger endlich ihren Strafen ausgeliefert zu sehen, stieß auf Biedermänner. Kontur konnten sie nur durch Verbrechen gewinnen. Sie hatten, nachdem sie ihre Gewaltfantasien ausgetobt hatten, die SS-Kluft gegen demokratischen Zwirn und weiße Kragen getauscht. Bei der Rückkehr ins Bürgerliche assistierten Ehefrauen mit Bienenkorbfrisuren. Die Täter tarnten sich mit Unschuldsmienen oder versteckten sich hinter Zeitungen.

Getrieben von leicht zu durchschauender Untertänigkeit, standen die Angeklagten stramm, sobald sie angesprochen wurden. Die Subalternen glaubten nicht an ihre Schuld, sondern an Schicksal. Sie litten an phänomenalem Gedächtnisschwund. Von ihnen zugeordneten Verbrechen wussten sie nichts, als hätte ihr zweites Ich im KZ ein Eigenleben geführt. Lediglich ihre Namen hatten sie sich gemerkt.

Victor Capesius. Lagerapotheker von Auschwitz, mit höchster Finesse vom Duo Laternser/Steinacker verteidigt. Die Freundlichkeit des SS-Sturmbannführers war noch fürchterlicher als seine Feindschaft. Er bestimmte laut Urteil »mindestens 8000 Opfer« zur Vergasung. Nach Dienstplan erhob er sich neben Steinackers abscheulichstem Mandanten Mengele an der Rampe von Birkenau zum Herrn über Leben und Tod. Mit heuchlerischer Ruhe begrüßte Capesius in der Vorhölle Landsleute aus Siebenbürgen, die seinen Beistand erflehten. Man kannte sich aus dem Schwimmbad Schäßburg. Er überwachte das Einschütten von Zyklon B in die Gaskammer, verfolgte durchs Guckloch das Sterben, bis Stille und Erstarrung eintraten. Nachschub für die eisernen Öfen.

Während die Nachtseite des Dr. Capesius verhandelt wurde, verbarg er die Augen, die das Schlimmste gesehen hatten, hinter einer dunklen Brille. Dank anwaltlicher Kunstgriffe kam er als »Beihelfer« davon; mit neun Jahren Zuchthaus war er ausgesprochen gut bedient. Obwohl er »heimtückisch und grausam« gehandelt und sich »in schamloser Weise« an der Habe Ermordeter bereichert hatte, verneinte die Kammer in einigermaßen verdrehter Logik ein »persönliches Interesse« an der Tötung von Häftlingen. Seiner Frau hatte er die Göppinger Markt-Apotheke überschrieben, in Reutlingen warb ihr Institut für Cosmetologie mit dem Motto »Sei schön durch eine Behandlung bei Capesius«.

 

1964 ist Steinacker bei der Ortsbesichtigung in Auschwitz dabei. Das Gericht reiste im Monat Dezember, der besonders dazu prädestiniert ist, den von den Deutschen vergifteten Landstrich mit leichenhafter Farbe zu bedecken. Die 28 Häftlingsblocks waren nun keine Planskizze mehr zur Orientierung im Gericht, sondern der konkrete Tatort seiner Mandanten. Stellte sich ihr Anwalt unter den winterkahlen Platanen die Deportierten in Fünferreihe vor, mit dem Blick erloschener Hoffnung, der sie bis zum Sterben nicht mehr verlassen würde? An diesem Ort brachte Mengele mit wissendem Lächeln jedem Unglück: eine Daumenbewegung nach links schickte Menschen ins Gas, eine nach rechts Arbeitsfähige zur kümmerlichen Gnadenfrist ins Lager. Was mag dem Verteidiger so vieler Menschenschinder an den Gleisen durch den Kopf gegangen sein? Darüber erfährt man nichts.

Der Schriftsteller Peter Weiss begleitete die Delegation. Steinacker hat ihn nicht wahrgenommen, trotz rotem Schlips zum blauen Hemd. Weiss dem Prozess abgelauschtes Theaterstück Die Ermittlung hat er nie gesehen, obwohl Capesius darin eine Rolle spielt und Verteidiger agieren, die Steinacker verdammt ähnlich sind. Beim nächsten Termin bringe ich den Text mit. Er leiht mir auf meine Bitte ein vergriffenes Auschwitz-Buch.

»Vor Ihrem Capesius hat es mich geekelt!«, muss ich bei unserem nächsten Gespräch loswerden. Der Anwalt antwortet: »Ich habe ihm seine Darstellung damals geglaubt. Können Sie in einen Menschen hineingucken?« Er pflegte freundschaftlichen Umgang mit dem Ehepaar Capesius.

Steinacker war Juniorpartner einer Kanzlei mit der Kernkompetenz für NS-Verfahren. Unterschwellig ist das Verhältnis zum älteren Kollegen Laternser nicht unbelastet durch Rivalität. Steinackers Pendant sprang die Eitelkeit aus allen Knopflöchern. Laternser passte perfekt ins Feindbild der Protestgeneration. Zeugen, die mit den verstörten Gesichtern der Davongekommenen ihre Reise durch die Hölle schilderten, befragte er nicht, er knöpfte sie sich vor: Traumatisierten mit Wunden, die man nicht heilen konnte, im Prozess aufs Neue überwältigt von der nicht verjährten Tragödie, hielt er vor, »kommunistisch indoktriniert«, von »Rachegefühlen« geleitet zu sein. Nicht frei von Gefallsucht gegenüber dem Senior, verfocht auch der ehrgeizige Steinacker »keine Wischiwaschi-Strategie«. Manche Einlassung war fatalerweise so auslegbar, dass sie (ohne seine Billigung) in Pamphleten von Rechtsradikalen auftauchte.

Allen voran ihre Kanzlei wälzte das, was Deutsche im Orden unter dem Totenkopf verbrochen hatten, auf den »Hauptverantwortlichen Hitler« ab und reklamierte mildernden »Befehlsnotstand« für die Täter. Diese simple Erklärung des Unerklärlichen – »Ich wars nicht, Hitler wars«! – leuchtete sofort Ex-Wehrmachtsoffizieren wie Steinacker und Laternser ein. Ihre Verteidigungen glichen Papierschlachten.

Richter erzählen, jeder zu »lebenslänglich« verurteilte Täter lasse Spuren in ihnen zurück, ja sie fühlten sich als Gefangene ihrer Erinnerung. Fritz Steinacker scheint in seinen Geheimnissen zu ruhen. Außer einem bisweilen verdrießlichen Zug bietet er wenig sichtbare Emotion an, sondern bevorzugt Wendungen, die schon oft gebraucht worden sind: »Die den Mandanten gemachten Vorwürfe belasten einen. Das wird immer so bleiben. Fallen ihre Namen, kommen die Bilder wieder hervor!«

Steinacker zieht sich gern auf sicheres Terrain zurück, nimmt Deckung hinter dem Gesetzbuch. Der Fachjargon dient dem Selbstschutz, kann inneren Nöten wehren und hinter Formelhaftem die schaurigen Details verbergen. Seine Täter-Typologie gipfelt in dem Allerweltssatz: »Das waren Menschen wie du und ich!«, der abgedroschen klingt, aber genauso bedeuten kann, dass jeder das radikal Böse in sich trägt.

Im Gespräch legt er Wert auf eine bizarre Feststellung: »Meiner Erinnerung nach habe ich keinen Angeklagten vertreten, der persönlich mit Pistole oder Gewehr einen Menschen umgebracht hat.« Das mussten die Experten für die »Endlösung der Judenfrage« auch nicht: Heim und Mengele praktizierten ihre speziellen Killermethoden.

Mengele, einen Mediziner von kosmischer Kälte, der kartonweise Augäpfel getöteter Kinder nach Berlin gesandt hatte, vertrat er in »zwei Verfahren ohne ihn, den Herrn Mengele«. Steinacker stritt um dessen Titel als Dr. med. und Dr. phil. Deren Aberkennung durch die Universitäten Frankfurt und München traf den dünkelhaften KZ-Arzt schwer. »Herrn Mengeles Aufenthaltsorte kannte ich nicht. Mit ihm habe ich weder gesprochen noch ihn je gesehen.« Und trotzdem genoss der dauerhaft von der Bildfläche Verschwundene Steinackers Schutz. »Wenn Sie mich so fragen, mein Honorar ist wahrscheinlich von der Günzburger Firma Mengele bezahlt worden.«

Sein Engagement für Heim sollte sich als desaströs erweisen und brachte ihn in heftige Begründungsnot. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre hat er jeweils zwei, drei Tage in der Anonymität von Kairo seine gefährliche Nähe gesucht. Thema bei ihren Begegnungen war das anhängige Mordverfahren. Steinacker hat dann ein paarmal zu oft auf den diskreten Charakter ihrer Beziehung hingewiesen, ein paarmal zu oft damit kokettiert, Heim sei wie Mengele, »der ist auch vorhanden und nicht vorhanden!« Da war dem Spiegel , als spräche ein »Medium« des Geflüchteten. Beschützerisch hat er als sein Beistand kommentiert, man könne es Heim nicht übel nehmen, dass er sich dem Haftbefehl entziehe. Seinetwegen handelte Steinacker sich (im Sande verlaufene) Strafanzeigen ein. Hochnotpeinlich für den Ehrenrichter der Rechtsanwaltskammer, der es mit den Standesregeln bei anderen immer ganz genau nahm.

Steinacker ist Jurist. Juristen sind Pragmatiker, das beantwortet die Frage nach der Moral. Mitwisser von Schuld zu sein und Parteilichkeit gehören zum Wesen des Berufes. Insoweit war ihm schlecht vorzuwerfen, dass er einen Teuflischen in Statements verteidigte, die eben die eines Verteidigers sind: Heim habe »jede Misshandlung oder gar Tötung von Häftlingen« bestritten. Er wäre kein Advokat seiner Klasse, wäre nicht wie aus der Pistole geschossen gekommen: Die Vorwürfe stünden »auf geduldigem Papier«. Mit stupender Ruhe trennt er bis zum Beweis des Gegenteils die Paragrafen von der Schuld, den gnadenlosen »Doktor Tod« vom einnehmenden Doktor Heim, der einst in der Kanzlei anklopfte.

Der Anwalt erweckt nicht den Eindruck, dass ihm das Skandalöse des Heim-Komplexes voll bewusst ist. Der weltweit Gesuchte machte die Zielfahnder zum Gespött, derweil mehrte er in der Bundesrepublik sein Geld: Mieteinnahmen, Wertpapiere, er galt als Millionär. Damit das Monetäre seine rechte Ordnung hatte, pflegte Steinacker Heims Steuererklärungen einzureichen. Zum Nachweis seiner Existenz brachte er Heims Stimme auf Tonband bei. Der muss Steinackers Loyalität blind vertraut haben. Man wüsste gern, was der Kitt ihres Vertrauens gewesen ist.

Es muss einen Grund gegeben haben, warum die Kriegsverbrecher ausgerechnet ihn für geeignet hielten, sie gegebenenfalls vor dem unausweichlichen »lebenslänglich« zu bewahren. Warum mancher die letzte Chance auf Freispruch mit Steinacker verband, ist dem Veteran in jeder Sekunde anzuspüren. Sein konzilianter Ton kann jäh in resistente Härte umschlagen, mindestens die Härte von Palisanderholz. Beruflich hatte er Pflichterfüllung über Gefühle zu stellen. Steinacker gilt als Aktenfresser mit legendärem Faktengedächtnis. Wenige konnten für schuldig Gewordene unnachgiebiger streiten als der Meister juristischer Spitzfindigkeiten. Wehe, sein Späherblick bohrte sich missbilligend in Prozessgegner.

Staatsanwälte suchten in den Angeklagten tief verwurzelten Antisemitismus, Verblendung, schiere Mordlust, die Paranoia der Zeit. Steinacker fand im Monströsen die juristische Herausforderung. Dank gerichtsnotorischer Zähigkeit war er überaus erfolgreich, das lässt sich nicht leugnen. Bitterer Lorbeer sozusagen, der den Tätern, nicht aber den Opfern Genugtuung verschaffen konnte. Doch sind das kaum Erfolge, mit denen man sich brüstet. Recht und Gerechtigkeit sind zweierlei. Steinacker ist selbst Zeitzeuge einer Periode, in der die Bundesrepublik daran scheiterte, die NS-Verbrechen juristisch zu bewältigen.

 

Wir hatten unser Gespräch mit dem Fall Heim begonnen. Eine mühsame Verständigung über Raum und Zeit hinweg. Es war fast unheimlich, aber wie im Entwicklerbad tauchte allmählich ein NS-Scherge nach dem anderen auf. Unwirklich, draußen ging die Bankenstadt ihren Geschäften nach, wir saßen in einer gediegenen Bibliothek, gingen die Namen von Hitlers Schreckensmännern durch. Der Kontrast konnte nicht krasser sein. Fast meinte man, nach diesen Begegnungen müsste Steinacker auf der Netzhaut des Auges noch die Bilder Hunderttausender Opfer haben.

Im September 1941 war er, keine 20, zur weiteren Fliegerausbildung in Finsterwalde. Sein späterer Mandant Adolf Janssen diente beim Sonderkommando 4a. SS-Obersturmführer, groß, schlank, sehr blond. Nach dem Urteil des Landgerichts Darmstadt unter anderem bei der Exekution von 33.771 jüdischen Bürgern dabei, alle unweit des Friedhofs in der Schlucht von Babij Jar (Kiew) hingerichtet. Bei Ankunft der Frauen und Männer ist die Luft mit Mordlust geladen. Ihre panischen Blicke tasten das Gelände nach einem Ausweg ab. Sie sind umzingelt. Schützen warten schon im sandigen Grund. Mit dem Gesicht nach unten müssen sich die Wehrlosen auf die bereits Getöteten legen.

Die Landschaft nach der Schlacht, ein Tal der Tränen. Nackte Körper im Vordergrund, übereinander, nebeneinander, wie Holzscheite stapeln sie sich im Massengrab. Die Fotos schnüren einem die Kehle zu. Als im schwindenden Licht das barbarische Ritual vollendet ist, lässt Janssen das Zusprengen des Tatorts vorbereiten, um Spuren zu beseitigen. Sein Beitrag zum Massaker nach gerichtlicher Feststellung: Erde auf die Toten, Erde auf die nicht tödlich getroffenen Lebenden. 33.771 Opfer kann man zählen, jedoch nicht unter einem Leichentuch verstecken. Bald hebt und senkt sich der Boden blubbernd unter den freigesetzten Gasen.

Manche Geschichte verliert ihren Schrecken, je öfter sie erzählt wird. Diese wird immer grauenvoller. Über dem Blutbad liegt ein durch keine Zeit zu löschender Wahn. Man möchte für ausgeschlossen halten, dass die Täter je aus dem Labyrinth der Verstrickung zurückkehren konnten. Doch die Mörder lebten unter uns, im sicheren Versteck des Alltags. Auf die Gewaltkarriere folgte beruflicher Aufstieg. Der Staatsanwalt stöberte Bankdirektor Janssen, Fachgebiet Beleihungen, im gepflegten Taunus-Zuhause auf.

Janssen musste wegen »Beihilfe zum Mord« für elf Jahre ins Gefängnis. Auf den Richter, der seine Schuld verkündete, machte er einen beinah ungerührten Eindruck. Steinacker erinnert sich an ihn als »hochintelligent«. Nach der Freilassung hielten sie Kontakt. Seines Wissens sei er verstorben. Die Telefonnummer überdauert im schwarzen Adressbüchlein von antiquarischem Wert: »06081/5054«, 06081 für Usingen.

Steinackers Mandant Rolf-Joachim Buchs lehrte Staatskunde an der Landespolizeischule Düsseldorf, bis endlich Anklage gegen ihn erhoben wurde. Glattes Gesicht, SS-Rune am Kragenspiegel, unter dem Sternzeichen Jungfrau geboren, Angehöriger des Polizeibataillons 309. Kein Rassenfanatiker. Buchs fürchtete bloß den Makel der Weichheit.

Am 27. Juni 1941 war es heiß in Białystok. An dem Freitag sperrten die Deutschen dort 700 jüdische Bürger in ihrer Synagoge ein. Kompaniechef Buchs erkannte laut dem Wuppertaler Landgericht »die Sachlage voll und ganz«. Die Sachlage war das Verbrennen der Eingesperrten bei lebendigem Leib. Er wartete, bis Brandbeschleuniger in das Bethaus gebracht worden war. Er wartete, bis drinnen das Wehklagen verstummte, er wartete, bis der sich hochschaukelnde Pogrom mit dem infernalischen Tod endete. Er wartete, bis schwere Qualmwolken über der Ruine waberten. Obwohl er wusste, zu welchem Tod diese Menschen verdammt waren, griff Buchs erst dann ein. Sein Befehl hätte, so das Urteil, dem Morden Einhalt gebieten können. Stattdessen kratzte man zusammengebackene Mumien vom Boden.

Die Wahrheit des Augenblicks: Geblendet von der Aussicht auf Beförderung, verpasst Buchs die Chance, ein Mensch zu sein. Das Gericht stufte ihn als »Mittäter« beim Mord ein. Steinacker ging in Revision. Die verkürzte das »lebenslänglich« auf vier Jahre Haft, zur Bewährung ausgesetzt. Die Lokalzeitung titelte: Schuldig, aber frei!

Fritz Steinacker verstand sein Handwerk. So gut, dass einige der erfochtenen Urteile im Ausland Proteste hervorriefen und ihm Gegnerschaft bis hin zu anonymen Drohungen eintrugen: »Dich bringen wir auch noch um.« Dem wegen gemeinschaftlichen Mordes zu »lebenslänglich« verurteilten SS-Obersturmführer Strippel erstritt er 121.500 Mark Entschädigung für zu Unrecht verbüßte Haft. Ein Siegerlächeln huscht bei der Erwähnung über sein Gesicht: »Das war rechtsstaatlich geboten.« Strippel kaufte eine Wohnung in Frankfurt. 1987 stellte die Staatsanwaltschaft das nächste Verfahren gegen den gefürchteten Rapportführer im KZ Buchenwald »aus Gesundheitsgründen« ein. Ihm war die Beteiligung an der Erhängung von 20 jüdischen Kindern in Hamburg vorgeworfen worden.

Von den NS-lastigen Mandaten schlossen Steinackers Kritiker nicht bloß auf Tüchtigkeit, sondern auf Gesinnung. Ohne Affinität zur Szene spezialisiere sich niemand auf solche Leute, raunten sie. Insbesondere Heim und Mengele brachten ihm den Ruf ein, »mit dem Satan« zu paktieren. Das Gemunkel hing auch mit seiner NSDAP-Mitgliedschaft zusammen. Der 17-jährige Fritz war gemeinsam mit Kameraden aus der Friedberger »HJ-Gefolgschaft Burg« eingetreten, laut der im Bundesarchiv liegenden Gaukartei war er Parteigenosse 7125239. Aufnahmedatum 1. September 1939. Steinacker sagte, es sei 1943 gewesen.

Dass man ihn flugs dem rechten Lager zuschlug, ist für Steinacker starker Tobak. Selbst rechnet er sich, ohne mit der Wimper zu zucken, zum liberalen Flügel seiner CDU. Wer ihm Überidentifikation mit Altnazis vorwirft, lernt seine Kämpfernatur kennen: Hier gehe es um »rechtsstaatliche Überprüfung von Vorwürfen. Mit Sympathisantentum hat das nichts zu tun.« Basta! »In die rechte Ecke gedrängt zu werden, muss ich ertragen.« Schulterzuckend trotzt er der Nachrede, klingt aber gekränkt.

An seiner mit den schlimmsten Verbrechern verwobenen Lebensgeschichte ist mir am Ende manches schleierhaft geblieben. Schwere Schatten lasten auf Steinackers Mandaten, sein wiederholter Hinweis »Jeder, auch der Mörder, hat Anspruch darauf, dass er vor Gericht ordentlich vertreten wird!« kann sie nicht vertreiben. Der innere Konflikt ist nicht aufzulösen, doch muss man hoffen, dass Steinackers Mitfühlen den Opfern seiner Klienten gilt, Klienten, die der Anwalt blendend verteidigte. Mit fast 88 gehört er nicht zur »Generation der Selbsterforschung«. Da fängt niemand mehr an, sich anderen, wie sagt man, »zu öffnen«. Würde man nicht erwarten, dass er am Ende die eigene Profession verflucht und den Satz hinterherschickt, der Mensch sei in seiner Grausamkeit am kreativsten? Der zeitgleich mit den NS-Verfahren angetretene Vereinsvorsitz war wohl auch eine Flucht aus lähmender Schwermut in ein Gemeinschaftsgefühl.

Die Erwägung, wie ein Einzelner die abgrundtief traurige Vertrautheit mit den Peinigern überhaupt ertragen konnte, muss man ihm nicht aufnötigen. Die Erinnerung pocht noch schwer genug gegen die Stirn. Aber im biblischen Alter liegt ein gewisser Trost darin, dass einem manches ins Unscharfe entgleitet. Und man kann sich nicht jeden Tag das unlösbare Rätsel stellen, warum der Mensch dem Menschen ein Tier ist. Von leiser Melancholie erfüllt, wirkt er versöhnt mit sich und dem, was er glaubte tun zu müssen.

Herr Steinacker, Neues vom Phantom? Bei Doktor Heim laufe sein Auftrag, »bis die Entscheidung gefallen ist, dass er nicht mehr lebt«. Treu bis in den Tod. Der Anwalt hat fast alle Mandanten überlebt.