Neulich ist wieder ein Kleidungsstück aufgetaucht, das zuletzt vor fünfzig Jahren gesehen wurde: das Betrügerchen. Das war einmal ein Hilfsmittel für Damen, die vorgeben wollten, eine Bluse zu tragen, obgleich sie tatsächlich nur einen Pullover anhatten. Sie halfen sich mit einem Kragen, den sie einfach in den V-Ausschnitt steckten. Dieser Kragen war sozusagen ein Kleidungsstück ohne Unterleib. Es war die Zeit, als es noch keine schwedischen Modediscounter gab. Als eine Bluse noch zu den teuren Kleidungsstücken gehörte, von denen man nicht beliebig viele besaß. Man konnte es sich nicht erlauben, so ein Stück mit Körperschweiß zu imprägnieren und zu knittern, obgleich doch ohnehin nur der Kragen zu sehen sein würde.

Ein Betrügerchen konnte damals viele Formen annehmen, und es war auch in der Kinderabteilung zu finden. Da man nicht ständig neue Sachen kaufen konnte, wuchsen die Hemden gewissermaßen mit: Die zu kurzen Arme wurden mit etwas Stoff verlängert, der aus dem Rückenteil des Hemdes entnommen wurde. Dieses Loch wurde wiederum mit einem anderen Betrügerchen geflickt: einem Stück Stoff, das niemand zu sehen bekam, es blieb stets von einer Strickjacke verborgen. Das alles zeugte natürlich von materieller Not – aber auch von Haltung. Obgleich man eigentlich nicht die Mittel dazu hatte, wollte man anständig aussehen.

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Von dieser Haltung ist heute nur mehr wenig zu spüren. Es ist eher akzeptiert, in Sachen Kleidung unter seinen Verhältnissen zu leben als darüber. Allerdings gibt es auch gegenläufige Entwicklungen – wie eben das wieder aufgetauchte Betrügerchen. Teile, die früher für Knausertum standen, finden sich neuerdings in der Mode wieder. Wolfgang Joop hat für seine Marke Wunderkind Ellbogenschoner vorgestellt. Frauen laufen durch Berlin-Mitte mit Leggins, die dicke Knieschoner haben. So setzt sich langsam, aber sicher die Bescheidenheit als Mode-Statement durch. Die britische Modedesignerin Vivienne Westwood betont, dass sie Kleider so lange anziehe, bis sie abgetragen seien. Auch Sergio Loro Piana, einer der beiden Chefs der gleichnamigen italienischen Kaschmir-Marke, pflegt in giftgrünen Hosen herumzulaufen, die er noch aus den achtziger Jahren besitzt.

Lohn der Geduld: Sie sind jetzt wieder in.