Die Modekritikerin Suzy Menkes bei der Konferenz "Techno Luxury" im März 2009 in Neu Delhi © Chris Jackson/Getty Images

Das Büro, von dem der größte Einfluss auf die internationale Modewelt ausgeht, ist nicht mehr als eine kleine Kammer in Paris. In der Mitte ein Schreibtisch, auf dem ein Blumensträußchen um Aufmerksamkeit kämpft inmitten von Bergen von Papier. An den Wänden weiße Billy-Regale.

Eine Dame steht mit leicht gebeugtem Rücken und einer selbstbewussten Haartolle am Schreibtisch und wühlt im Papierwust. Sie ist ein bisschen ungeduldig, denn sie hat nicht viel Zeit. Sie hat nie viel Zeit, vor allem nicht während der Modewoche. "Paris ist immer wieder überraschend", sagt sie. "Gestern war ich bei der Schau von John Galliano in einer Industriebaracke. Das Dach war undicht. Ich saß in der ersten Reihe mit einem Regenschirm." Sie findet ihren Laptop. Nun ist das Powerpaar der Modebranche perfekt: Suzy Menkes, die Modechefin der Zeitung International Herald Tribune, und ihr Computer.

Nur wenige Menschen außerhalb der Luxusbranche können etwas mit ihrem Namen anfangen. Vielleicht auch, weil die Herald Tribune, eine von der New York Times in Paris herausgegebene internationale Tageszeitung, eine sehr ausgesuchte Leserschaft hat. Aber dennoch beeinflusst Suzy Menkes das Leben von Millionen. Sie ist der Marcel Reich-Ranicki der Mode. Nur dass ihr Einflussgebiet nicht Deutschland ist, sondern die ganze Welt.

Allein während der internationalen Schauen zu den Frühlings-Sommer-Kollektionen hat die Modekritikerin 26.000 Wörter in ihren Computer getippt. Und jedes davon wird aufmerksamer gelesen als alle anderen Äußerungen der Modepresse. Der in Marokko geborene Designer Alber Elbaz, der für Lanvin entwirft, sagte einmal, er stehe am Tag nach seiner Präsentation immer um sechs Uhr auf, um einer der Ersten zu sein, der die Herald Tribune liest. Erst dann wisse er, ob er gut gearbeitet habe.

Wie groß ihre Macht ist, spürt man vor allem dann, wenn die Branche gegen die 65-Jährige aufbegehrt. Einmal schrieb Menkes über ein Defilee von John Galliano für Dior, es sei eine "grausige Parade entsetzlicher Kleider gewesen", die aussähen "wie aus einem Comic". Daraufhin wurde Menkes von sämtlichen Schauen des Modekonzerns LVMH ausgeladen. Das Medienecho war so negativ, dass man schnell wieder zurückruderte. Zuletzt war ihr Einfluss bei den Defilees in Mailand zu spüren. Die zum jüdischen Glauben konvertierte Engländerin arbeitet grundsätzlich nicht am jüdischen Feiertag Jom Kippur. Dieses Jahr fiel er mitten in die Mailänder Modewoche. Kaum eine Show fand statt. Für die Designer ist es ein schlechtes Omen, wenn sie nicht in der ersten Reihe sitzt.

Nun fällt Suzy Menkes’ Blick auf ein Bild auf ihrem Schreibtisch. In silbernem Rahmen prangt die Miniatur eines grünen Folklorekleides: "Was ist denn das Entsetzliches? Ich habe keine Ahnung mehr, woher das kommt." Dabei ist es fast der einzige Schmuck in ihrem Büro. Abgesehen von einem liebevoll zusammengeklebten Holzhaus auf dem Fensterbrett. Es ist das Modell ihres Sommerhauses in der französischen Provinz, wo sie nur noch selten hinkommt. Das Häuschen ist das Hübscheste, was man in ihrem Fenster sehen kann. Der Ausblick auf die Betonfassade ist deprimierend. Sie zuckt die Schultern: "Ich bin ohnehin nie hier."

Außer in ihrem Büro und ihrem Landhaus ist sie jedoch fast überall. Pro Jahr sieht sie fast 600 Schauen ("es fühlt sich aber nach mehr an"). Allein in diesem Jahr hat sie mehr als 120 Artikel für die International Herald Tribune geschrieben, aus New York, Paris, London, Mailand, Florenz, Berlin, Neu-Delhi.