Vinyl-Artisten

Allerlei Gebrumm

Die Berliner Akademie der Künste entdeckt den Plattenspieler.

Der Plattenspieler ist ein Gerät der Befreiung. Er hat den Klang vom Moment seiner Aufführung befreit, den Hörer von unzuverlässigen, geldgierigen Musikern. Vor 120 Jahren drehte sich das Grammophon, anfangs noch mit dem Antrieb einer Kuckucksuhr, in das kollektive Bewusstsein hinein. Später stellten DJs einen Technics SL-1200 MK 2 (links im Bild) neben den anderen, und durch das Mischpult zwischen ihnen fuhr endloser rhythmischer Donner hinaus in die Nacht.

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Heute brauchen Töne keinen Träger und kein eigenes Abspielgerät mehr. Der Plattenspieler, befreit von seiner Funktion, steigt auf in die Sphäre der Kunst. Beim viertägigen T.I.T.O.-Festival in der Berliner Akademie der Künste zeigten 14 »Turntablisten« aus aller Welt, was ein Apparat leisten kann, der nichts mehr leisten muss.

Martin Ng aus Sydney fasste an den Tonkopf und drückte an dessen Kabeln herum. Sie dankten es ihm mit allerlei Gebrumm.

Maria Chavez aus Brooklyn ließ bei voll aufgedrehtem Verstärker erbsengroße Kristalle über eine ruhende Schallplatte kullern.

Arnaud Rivière aus Paris, dem die Haare zu Berge standen, hatte sein Gerät aufgebohrt und mit blanken Drähten versehen, die elektrisierende Verbindungen herstellten.

Ignaz Schick aus Berlin klebte den Tonarm fest und benutzte den Plattenteller wie eine Töpferscheibe. Er legte keine Platten auf, sondern Klangschalen, schlug sie mit dem Klöppel an und ließ sie unter einem Mikrofon rotieren, das er mit einer Zwinge ans Chassis geschraubt hatte. Sein Gamelan-Orchesterchen kam auf 33 Umdrehungen in der Minute.

Allabendlich bildeten die Klangkünstler The International Turntable Orchestra und spielten Stücke für 28 Plattenspieler und mehr. Das Publikum kam aus dem Staunen nicht heraus. Dabei gaben die Akteure zu verstehen, dass dies erst der Anfang der Zukunft des Plattenspielers sei.

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