Immer wenn Deutschland zu träumen begann, dann war Hans Magnus Enzensberger bereits wieder aufgewacht. Als das Land in den fünfziger Jahren glaubte, besenrein zu sein und ein einziges Wirtschaftswunder, da schleuderte er ihm seine Bösen Gedichte entgegen und beschrieb die »kleinbürgerliche Hölle« des Neckermann-Katalogs. Und als die bundesrepublikanische Linke in den späten sechziger Jahren für ihre gesellschaftlichen Utopien kämpfte, da war er bereits aus Kuba zurückgekehrt, um den Lesern des Kursbuchs mitzuteilen: »Der Sozialismus funktioniert nicht, Punkt, aus.« Aus der Apokalypsestimmung in den deutschen achtziger Jahren ließ er bereits mit dem zugespitzten Titel seines Essays Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang die Luft heraus. Und als sich Deutschland wieder vereinte und die Tür in die Zukunft aufzugehen schien, da wandte Enzensberger sich der Vergangenheit zu, sammelte Augenzeugenberichte der Stunde null und veröffentlichte Europa in Ruinen. Blickt man heute, anlässlich von Hans Magnus Enzensbergers 80. Geburtstag am 11. November, auf sein bisheriges Werk zurück, dann kann man nicht anders als: staunen.

Staunen über seinen permanenten Wachzustand, seinen Tonfall der kalten Erregung, die Größe seines Erfahrungshungers, vor allem aber kann man nur staunen über seine Witterung für Themen. Enzensberger hat seit 50 Jahren immer wieder die richtigen Fragen an die deutsche Gesellschaft gestellt. Bei seinen Antworten, seinem Totenschein für die Literatur, seinem Saddam/Hitler-Vergleich etwa, hat er sich natürlich manchmal geirrt – aber es sind seine dauerhafte Lust auf die zeitgeschichtliche Auseinandersetzung, sein Mut zur Positionierung und auch seine Fähigkeit zur Revision, die ihn zu dieser Ausnahmefigur in der intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik machen.

Er hat uns und unsere Väter provoziert und begeistert, die Lebenslügen und Selbsttäuschungen erkannt und entlarvt, unsere Sitten und Gebräuche beschrieben und verdammt. Aber zugleich hat er alles auch immer verstehen können. Weil er aus seiner Biografie wusste, dass man nur dann richtig liegen kann, wenn man sich zwischendurch auch richtig irrt. Doch wenn sich das irrende Land mit seinem Vorarbeiter gemeinzumachen hoffte, rief er ihm zu: »Ich bin keiner von uns.« Denn wenn das Land mühsam seine Lektionen gelernt hatte und glaubte, Enzensbergers Argumentationshöhe erreicht zu haben, dann war er gedanklich schon längst wieder weg. Es ist kein Wunder, dass ihm das immer wieder übel genommen wird. Seine beschwingte Saumseligkeit ist den Prinzipienreitern ein Gräuel. Es ist ein großes Glück für unser Land, dass ihn das nie interessiert hat. Denn nur wegen dieser singulären Gleichzeitigkeit von Verständnis und Abgrenzung konnte Enzensberger zu dem großen Nachhilfelehrer Deutschlands nach 1945 werden.

Bei seiner Pädagogik wechseln sich Beruhigung und Schocktherapie munter miteinander ab: Wird der Ton der Debatten zu aufgeregt, dann sendet Enzensberger Signale der Entwarnung, spürt er Selbstzufriedenheit, dann funkt er SOS: »Erst hat sie Hesse gelesen, dann Handke / Jetzt löst sie Silbenrätsel.« Er kann in einem Atemzug erklären, wie die 68er das Land »bewohnbarer« gemacht haben, um gleich danach zu bekennen, dass ihm deren »Veteranengeschichten zum Halse raushängen«. Niemand soll je glauben, er habe Enzensberger dauerhaft auf seiner Seite. Immer wenn streng unterschieden wird zwischen Gut und Böse, dann kommt er aus der Deckung und ruft dazwischen: So einfach ist das nicht. Er hasst Ideologien, Bekenntnisse und »Standpunkte« und singt das Hohelied des Realismus und des Arguments. Seine historische kulturelle Aufbauleistung besteht darin, dass er sich nicht von der Vergeblichkeit aller intellektuellen Anstrengung, die Adorno in seiner Dialektik der Aufklärung beschreibt, anstecken ließ – und dass er bewies, dass man, anders als Adorno behauptete, auch nach Auschwitz noch Gedichte schreiben konnte: »Wenn wir weiterleben wollen, muss dieser Satz widerlegt werden.« Mehr noch: Er demonstrierte in seinen Gedichtbänden verteidigung der wölfe, landessprache und blindenschrift darüber hinaus, dass man auch in Kleinschreibung große Poesie verfassen und dass sich in Gedichten nicht nur fühlen, sondern auch denken lässt.

Die Verführbarkeit der Masse als Lebensthema des Jahrgangs 1929

Enzensberger ist, wie auch Habermas und Dahrendorf, Mitglied jenes Jahrgangs 1929, der die Bundesrepublik entscheidend geprägt hat. Im Rückblick wird deutlich, wie sich das gesamte Werk Enzensbergers aus seinen frühen Erfahrungen entfalten lässt. Seine Arbeit als Barmann, Dolmetscher und Schwarzhändler in der Zeit unmittelbar nach 1945 hat ihn für immer zu jenem »teilnehmenden Beobachter« gemacht, wie er sich selbst einmal nannte. Und ist seine Beschäftigung mit den Massen, ihrem Mittelmaß und ihrem Wahn nicht auch ein Versuch, die Mechanismen des verhängnisvollen deutschen Experiments in Sachen »Masse und Macht« zu verstehen, das er in seiner Jugend miterlebte?

Er ist der kosmopolitischste deutsche Intellektuelle des 20. Jahrhunderts. Dennoch kreist sein gesamtes Werk im Grunde nur um sein Heimatland und dessen Bewohner: »Wie könnte ich auch, hin- und hergerissen zwischen Schock und Dankbarkeit, Seligkeit und Enttäuschung, Bestürzung und Verwunderung, mit diesem Land je zu Rande kommen.« Wahrscheinlich ist das deutsche Nationalgefühl am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht präziser auf den Punkt zu bringen.

 

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