Es ist ein trüber Allerseelen-Tag, wie gemacht für das Totengedenken. Herbstlaub fegt durch die Straßen. Auf dem Pflaster am Vorplatz der Karl-Franzens-Universität in Graz flackert ein Lichtermeer in der Dämmerung. Inmitten der Grabkerzen liegt ein ausgebleichtes Gerippe aufgebahrt, das aus dem Lehrmittelfundus stammen könnte. Das kleine Grüppchen Hinterbliebener hat sichtlich Spaß. Auf den Brustkorb des Knochenmannes wurde ein Partezettel geheftet, der verrät, was hier alles betrauert wird: »der freie Hochschulzugang, die qualitativ hochwertige Bildung, die Freiheit von Forschung und Lehre«.

»Linke Chaoten«, wie allenthalben in den Boulevardzeitungen steht, sehen anders aus, heften andere Parolen an ihre Fahnen.

Etwa zur selben Zeit plätschert im besetzten Audimax der Universität Wien seit ein paar Stunden die Debatte ein wenig ziel- und lustlos dahin. Einige Studenten starren angestrengt auf den Bildschirm ihres Laptops, andere büffeln in Büchern. Jeder der Anwesenden kann sich auf die Rednerliste eintragen lassen und das Wort ergreifen. Es geht gesittet zu, der Lärmpegel ist erstaunlich niedrig. Zur Diskussion steht alles und nichts. Über Details der Selbstorganisation wird ebenso eifrig beraten wie über das große Ganze, das politische Selbstverständnis der inhomogenen Gruppe, die urplötzlich eine Rebellion an den österreichischen Universitäten angezettelt hat. Im hinteren Teil des Saales ergreift ein 24-jähriger Germanistikstudent mit Wuschelmähne das mobile Mikrofon. »Lassen wir doch das ganze Gerede über links, rechts oder was weiß ich«, appelliert er: »Das ist altes Denken. Das ist die alte Welt. Wir sind das, was wir aus unserer Situation machen.« So klingt das Credo der Revolte im Internetzeitalter.

Seit zwei Wochen bereits hält der verbitterte akademische Nachwuchs in nahezu allen Universitätsstädten des Landes Hörsäle okkupiert. Niemand hat die spontanen Aktionen organisiert, kein Propagandareferat hat die Besetzer mobilisiert. Binnen Tagen breitete sich die Protestaktion einiger Wiener Kunststudenten über das ganze Land aus, angestoßen wohl am ehesten vom Leidensdruck, der an den restlos überforderten Hohen Schulen herrscht. Regierung um Regierung hatte vor den Problemen mit den rapid anschwellenden Hörerzahlen die Augen verschlossen und bestenfalls versucht, sie schönzureden oder mit folgenlosen Lippenbekenntnissen Abhilfe zu versprechen. An der Situation änderte das konzeptlose Herumlavieren nicht das Geringste: zum Bersten überfüllte Hörsäle, lange Schlangen, um einen Seminarplatz zu ergattern, Studenten, die bei Massenvorlesungen zu Füßen des Vortragenden kauern.

Die Dynamik der Meuterei reicht weit über die universitäre Sphäre hinaus

Nun wurden die Politiker von der Protestwelle überrollt. Ignorieren half nichts. Ebenso nicht aussitzen oder verteufeln. Mehrere Zehntausend Studenten, die mit viel Demoklamauk in das Wiener Regierungsviertel marschierten, schreckten sie am Mittwoch vergangener Woche aus ihrer hilflosen Apathie. An diesem Donnerstag wollen die aufsässigen Studiosi mit ihrem »bundesweiten Aktionstag der Angefressenen« erneut die Straßen der Städte beleben. Die erstaunliche Dynamik der Meuterei auf Uni-Boden weckte auch Sympathien in Bereichen jenseits der universitären Sphäre. Nach einer Blitzumfrage behaupteten Meinungsforscher, eine Mehrheit der Bevölkerung halte die Aktion für »berechtigt«.

In Wien pilgerte vergangene Woche die Vizepräsidentin des Gewerkschaftsbundes in das Audimax, um den Besetzern den »Solidaritätsbeschluss« ihrer Organisation zu überbringen. In Innsbruck, wo die Studenten die Aula der Sozialwissenschaftlichen Fakultät in der Innenstadt zu ihrem Hauptquartier gewählt haben, tauchte am Freitagabend der Präsident des Tiroler Landtages, Ex-Landeshauptmann Herwig van Staa, vor dem verdutzten Auditorium auf. Er plauderte über seine eigene Studentenzeit und lobte die Diskussionskultur, die bei diesem »tolerierbaren Hausfriedensbruch« herrsche, den er als »demokratische Äußerung« einschätzte. Der Rektor der Innsbrucker Universität, der Altphilologe Karlheinz Töchterle, nannte die Besetzung sogar »Universität im besten Sinn«. Er dankte am Wochenende seinen Studenten öffentlich, »dass Sie es mit Ihrer Aktion geschafft haben, die Themen Bildung und Hochschule auf die politische Tagesordnung zu setzen«.

Die Uni-Rebellen hatten jedoch mehr als das erreicht. Sie setzten die Regierung unter Zugzwang. Nachdem er tagelang das Gespräch verweigert hatte, gab der scheidende Wissenschaftsminister Johannes Hahn – er zieht als EU-Kommissar nach Brüssel – schließlich klein bei und kündigte an, 34 Millionen Euro Soforthilfe aus seiner Budgetreserve ausschütten zu wollen. Die aufgebrachten Gemüter ließen sich dadurch freilich nicht beschwichtigen, zu durchsichtig war die Alibispende. »Zur Europareife«, sagen die Rektoren, fehle jährlich eine Milliarde Euro. Das Uni-Budget müsse zumindest um 50 Prozent aufgestockt werden. So weit soll es erst in zehn Jahren sein, bedauert die Regierung.