Studentenprotest "Das ist Universität im besten Sinn"Seite 2/2

Wo sie derzeit selbst eine bescheidenere Summe flüssig machen könnte, ist ihr schleierhaft. Beim Ministerrat am Dienstag holte sich Bundeskanzler Werner Faymann in seinem Kabinett bei dem Versuch, aus anderen Ressortbudgets Hilfsgelder für die maroden Hohen Schulen umzuleiten, eine klare Abfuhr. Die Sozialdemokraten hätten ja nicht mutwillig die Studiengebühren wieder abschaffen müssen, stichelte Innenministerin Maria Fekter vom Koalitionspartner ÖVP.

Nach Jahren der Vernachlässigung ist der Karren nun derart verfahren, dass sich nirgendwo eine Lösung abzeichnet, welche die unterschiedlichen Bedürfnisse befriedigen könnte. Die romantischen Maximalforderungen der Hörsaalbesetzer sind auch mittelfristig nicht zu erfüllen. Ihr hehres Ideal einer offenen Universität wird angesichts der Zwänge eine Schimäre bleiben. Beschränkt sich der hoch verschuldete Staat hingegen weiterhin darauf, lediglich Löcher im Bildungsbudget zu stopfen, wird der Unmut bei Studenten und Professoren weiter anwachsen.

An den Unis formiert sich eine akademische Einheitsfront

Wie seine Kollegen in anderen Städten, etwa der Chef der Wiener Uni, Günther Winckler, entdeckt auch der Rektor der Linzer Johannes Kepler Universität, Richard Hagelauer, dass beide Seiten an einem Strang ziehen. »Die Forderungen der Hörsaalbesetzer nehmen wir sehr ernst, und wir sind für Gespräche offen. Berechtigte Anliegen der Studierenden haben bei uns immer Platz«, reiht er sich in die neue akademische Einheitsfront ein.

Zu einer längst überfälligen Generaldebatte über Ziele und Wege, die aus der Misere führen sollen, herrscht aber auch in der Regierung zu große Uneinigkeit. Zwar kann sich der Kanzler nun mit »Zugangsregelungen« nach Beispiel der Fachhochschulen (also mit Aufnahmeprüfungen) anfreunden. Doch vor allem entzweit weiterhin die Frage von Studiengebühren die Geister. Nach der Blamage von Faymann-Vorgänger Alfred Gusenbauer (Nachhilfestunden statt Gebühren) sind sie für die SPÖ Teufelszeug, während die ÖVP darin den Stein der Weisen entdeckt zu haben glaubt. In den Wochen vor der Uni-Rebellion hatten kryptische Androhungen von Minister Hahn das Fass zum Überlaufen gebracht.

Zudem fehlt den Entscheidungsträgern jede Vorstellung darüber, wie und mit wem sie in einen Dialog treten könnten. Sie sind es gewohnt, sich mit den Funktionären von der Hochschülerschaft zu zanken. Doch die gewählten Studentenvertreter haben selbst in der neuen Basisbewegung wenig zu melden. Immer wieder beteuert die Vorsitzende der Hochschülerschaft, Sigrid Maurer, sie sei doch lediglich ein kleines Rädchen, das ebenfalls fleißig den Hörsaal putze und in der »Volxküche« Rohkost rasple.

Die lose verknüpften Besetzer fügen sich zu keiner herkömmlichen Aktionsgemeinschaft, wie sie in einem ritualisierten politischen Prozess in Erscheinung tritt. Die Rebellen bilden eher ein frei schwebendes Kollektiv, so als habe plötzlich eines der virtuellen Sozialen Netzwerke, über die sie miteinander kommunizieren und ihre Aktivitäten organisieren, eine Gestalt aus Fleisch und Blut angenommen. Man meldet sich an und wieder ab, sondert Kommentare ab oder beobachtet nur so, was die anderen treiben. In allen Belangen herrscht die freundlich-fröhliche Etikett der Internetgeneration. Nur eines ist verpönt: zu nerven.

So als wäre es die wichtigste Errungenschaft ihrer Protestbewegung, hüten die Aktivisten ihre offenen Strukturen sorgfältig. Schon deswegen liefen bislang alle Versuche ÖVP-naher Studenten, etwa in Linz und Innsbruck die Bewegung in Realos und Fundis, in Angepasste und Radikale zu spalten, weitgehend ins Leere. Wie lange das gut gehen kann, darüber haben die meisten, die ihren Durchhaltewillen beteuern, selbst keine Ahnung.

Am Dienstag kam die Vergangenheit zu Besuch in das besetzte Wiener Audimax. Es wurde ein Dokumentarfilm über die spontane Besetzung eines Wiener Veranstaltungszentrums namens Arena vor über 30 Jahren gezeigt. Einen kurzen Sommer der Anarchie hielt die kunterbunte Jugendrevolte damals durch. Es war eine Initialzündung, welche die Stadt aus ihrer kulturellen Öde katapultierte. Für viele im Publikum lieferte der Film ein frappierendes Déjà-vu-Erlebnis. »Jetzt werden wir die Uhren in der Bildungspolitik neu stellen«, versicherten sie trotzig.

Mitarbeit: Josef Ertl, Florian Gasser

 
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der Rektor der Universität Wien heißt Georg Winckler, nicht Günther Winckler.

    Sonst ein schöner Artikel, danke dafür. Aber wo bleibt die Berichterstattung über die Besetzungen an den deutschen Universitäten?

  2. Der Audimax der Universität Potsdam ist im Anschluss an eine vom Studentischen Parlament einberufenen Vollversammlung seit Mittwoch 4.11 besetzt.

    Weiter Infos:
    http://www.twitter.com/po...
    http://www.unsereunis.de/...
    http://bildungsstreikpots...

  3. Hübscher Artikel. Und wie ist die Lage an deutschen Unis?

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