Balkan"Der Krieg ist noch nicht zu Ende"

Die Balkan-Staaten pochen auf ihre Souveränität, doch das Miteinander will ihnen nicht gelingen. Eine politische Reise durch Bosnien, Serbien und das Kosovo. von Theo Sommer

Im ehemaligen Jugoslawien wird nicht mehr geschossen und gestorben. Aber noch immer gibt es frische Gräber; in Bosnien-Herzegowina werden jeden Tag mühsam identifizierte Leichen beerdigt. Noch fristen in sechs Republiken Hunderttausende Flüchtlinge in Sammellagern oder Behelfsunterkünften ihr dürftiges Leben. Und wenn auch überall Neubauten aus dem Boden schießen, erinnern doch allenthalben noch viele Ruinen an die jugoslawischen Auflösungskriege. Die Narben sind verheilt, aber sie schmerzen weiter. Manch einer befürchtet, dass sie wieder zu bluten anfangen. »Wenn es so weitergeht, wird es ohne Frage wieder Konflikte geben«, sagt Sulejman Tihić, Chef der größten Muslim-Partei in Bosnien.

Die Lage in der Region, die neuerdings »Westbalkan« heißt (womit Exjugoslawien minus Slowenien plus Albanien gemeint ist), scheint äußerlich ruhig, aber unter der Oberfläche rumort es. Dies jedenfalls war der beherrschende Eindruck, den eine internationale Journalistengruppe auf einer von der Robert Bosch Stiftung organisierten Reise nach Serbien, Makedonien, Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Kroatien gewann. Den Staatspräsidenten und Regierungschefs, Politikern und Studenten, zivilen und militärischen »Internationalen« – allen war die Beunruhigung darüber anzumerken, dass Exjugoslawien seine endgültige Form noch nicht gefunden hat.

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»Unser nunmehr fertiger Staat« nannte Bismarck das 1870/71 von ihm geeinte Deutschland. Von den sieben Ländern, die aus Titos Erbmasse entstanden sind, können vier dies nicht von sich behaupten; sie sind unfertige Staaten. Serbien ist unfertig, solange es noch davon träumt, Kosovo abermals seiner Souveränität, wenn schon nicht seiner direkten Herrschaft zu unterstellen. Kosovo seinerseits ist unfertig, solange es im Innern gespalten bleibt und nach außen fortdauernd um seine Anerkennung buhlen muss (von 27 EU-Mitgliedern haben fünf die 2008 ausgerufene unabhängige Republik nicht anerkannt; insgesamt haben dies erst 62 Staaten getan). Bosnien-Herzegowina ist nach wie vor ein Provisorium, und schließlich muss auch Makedonien als unfertig gelten, da es bis heute nicht gelungen ist, die slawische Mehrheit und die albanische Minderheit zu mehr als zähneknirschender Zusammenarbeit zu bewegen.

Wo der ausländische Besucher auch hinkommt, in Belgrad und Skopje, in Prishtinë, Sarajewo und Zagreb – überall hört er dasselbe Lied. Alle wollen so rasch wie möglich in die Europäische Union aufgenommen werden. Alle pochen auf ihre Souveränität und territoriale Integrität. Und alle wollen den Lebensstandard ihrer Bürger heben; ein an sich schon schwieriges Vorhaben, das ihnen die Weltwirtschaftskrise nun zusätzlich erschwert.

Noch stabilisieren Soldaten aus 32 Staaten das Kosovo

Der serbische Präsident Boris Tadić spricht bewegt über alle drei Themen. »Serbien in die EU zu bringen, ist meine wichtigste Aufgabe«, sagt er und verweist auf die vielen Reformen, die Belgrad einseitig vorgenommen hat, um beitrittsfähig zu werden – Reformen, die im jüngsten Erweiterungsbericht de EU-Kommission ausdrücklich gewürdigt werden; die lang ersehnte Visafreiheit für Reisen von Serben in die EU-Staaten vom 1. Januar 2010 an ist die Belohnung dafür. Die Reformen hat er eingeführt, obwohl die EU das auf der Grundlage des Stabilitäts- und Assoziierungsabkommen abgeschlossene Interimshandelsabkommen auf Eis gelegt hat; die Niederländer hatten ihr Veto gegen seine Inkraftsetzung eingelegt, solange Belgrad den angeklagten Kriegsverbrecher Ratko Mladić nicht ausliefere. Wozu der Präsident geradezu verzweifelt bemerkte: »Wie soll ich jemanden ausliefern, dessen Aufenthaltsort ich nicht kenne? Mein Tag beginnt jeden Morgen mit den Berichten der Geheimdienste über Mladić. Ich werde nicht aufhören, nach ihm zu suchen. Karadžić haben wir schließlich auch wenige Tage nach meinem Amtsantritt an das Haager Tribunal ausgeliefert, und zwar unmittelbar, nachdem wir ihn entdeckt hatten. Heute tappen wir im Dunkeln.«

Als seine zweitwichtigste Aufgabe betrachtet Tadić die Verteidigung der territorialen Unversehrtheit Serbiens, im Klartext: die Rettung des Kosovos für die Serben. Dabei macht er, ein pragmatischer Nationalist, sich keine Illusionen. Er weiß: Der Zustand vor dem Kosovokrieg (1999) lässt sich nicht wiederherstellen, da die Kosovaren niemals wieder unter serbischer Herrschaft leben wollen. Indes werden in der Belgrader Präsidialkanzlei eine Reihe von Lösungsmöglichkeiten erwogen, die dem Kosovo seine Autonomie belassen würden, aber wenigstens eine lose Unterstellung unter serbische Souveränität ermöglichen könnten. Der Status der zwischen Schweden und Finnland gelegenen Ålandinseln, die Rechtsstellung Nordirlands im Vereinten Königreich oder die chinesische Sonderregelung für Hongkong werden akribisch untersucht, aber auch das Verhältnis der beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg – beiderseitige Anerkennung bei Festhalten an unterschiedlichen Fernzielen – findet in diesem Zusammenhang großes Interesse.

Die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovos empfindet Boris Tadić – wie alle Serben nicht ohne einen gewissen Hang zum Selbstmitleid – als eine tiefe Demütigung. Belgrad hat den Internationalen Gerichtshof angerufen; er soll die Unabhängigkeitserklärung für völkerrechtswidrig erklären. Ein Urteil wird im nächsten Jahr erwartet. Im Kosovo pocht Ministerpräsident Hashim Thaçi auf den Konferenztisch: »Die Statusfrage ist am 17. Februar 2008 endgültig geklärt worden. Wir sind unabhängig. Daran gibt es nichts zu deuteln.«

Der KFor-Kommandeur, der deutsche General Markus Bentler, beschreibt die Lage in dem jungen Staat als »ruhig und stabil«. Seine 12500 – bald nur noch 10.000 – Soldaten aus 32 Nationen sorgen dafür, dass es so bleibt. Die KFor genießt Respekt, anders als die UN-Organe und die Eulex-Mission, die in seltsam verschachtelter Parallelität und Rivalität im Lande das letzte Wort haben. Es wird noch Jahre dauern, bis die Soldaten abziehen können.

Leserkommentare
  1. nah jetzt fabulieren sie aber.

    Das sind für sich genommen keine Lebensfähigen Gebilde die nur von massiven Subventionen am Leben erhalten werden. Am ehesten Traue ich noch Serbien zu sich selbst zu tragen - der Kosovo sich nicht!

    Muss man sich bei EU-Beitritten nicht auch fragen was die EU davon hat? Einen Unruheherd im Bauch und nicht nur [...]. Welchen Beitrag sollen diese Länder leisten außer eine florierende Mafia? Im Durchschnitt sinkt damit der Wohlstand in der EU.

    2040 ist wohl ein Realistischers Datum. Auch für die Türkei - auch wenn die BRD sich schon zur West-Türkei entwickelt.

    [Gekuerzt, bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. /Die Redaktion pt.]

  2. liegt vor deren Wege. Die Probleme des Balkans bzw. des West-Balkans sind schwer zu lösen, da keine Gemeinschaft oder etwas gemeinsames herrscht, sondern nur Rassenhass und Rachesucht. Außerdem hat die EU schon genug Probleme und ich finde mit den sollten sie sich auch beschäftigen als überhaupt diesen Ländern ein funken Hoffnung geben.

  3. Irgendwann wird man erkennen, dass manchen Ethnien / Kulturen nicht friedlich zusammen leben können. Auch wenn die EU dies krampfhaft versucht.

  4. So sehr der Artikel in der Beschreibung informativ, in der Analyse scharfsinnig ist, so sehr verwundert das Ergebnis: Die heute bereits auf 27 Staaten aufgeblähte Europäische Union als Auffanglager für gescheiterte Staaten. Das wäre keine Herausforderung, das wäre die Pervertierung des Europäischen Gedankens.
    Im Versuch, Teile der ehemaligen Comecon-Staaten aus dem Einflußbereich der untergegangenen Sowjetunion und der daraus hervorgegangenen Russischen Förderation heraus zu lösen, hat die EU sich bereits bis zur Grenze der Machbarkeit belastet. Staaten mit sehr fragwürdigem Demokratieverständnis wie Rumänien, Zypern, ja selbst im Baltikum haben dadurch zwar einen Wohlstandshafen erreicht. Mit Blick auf die erweiterten Mehrheitsentscheidungen auf der Ebene der EU-Politik wird aber gerade diese Demokratiekarenz nicht unbeträchtlichen Ärger bringen. In eine solche Mitte hinein, wo die EU selbst ihre Checks & Balances erst noch finden muss, unfertige, ich behaupte: bereits wieder gescheiterte Staaten aufzunehmen, würde diesen ureigenen Prozeß nicht nur stören, sondern geradezu unterminieren. Da kann auch kein Argument sein, dass es anderenfalls Krieg geben könnte: Erpressungen waren noch nie eine gute Geschäftsgrundlage.

  5. Mir als Spätgeborener, der den Jugo-Krieg nur als Kind miterlebt hat, hätte der Autor doch mal erläutern können, warum es eigentlich zu dem Krieg kam ( Kosovo-Krieg genauso), dessen Folgen er hier beschreibt.

    Aber darüber liest man bei solchen Artikeln, die sich mit diesem Thema beschäftigen, seltsamerweise nie.
    Dabei wären es doch mal ganz interessant, die Probleme zu beleuchten , die diesem Konflikt zugrunde liegen.
    Aber das scheint seeehr heikel zu sein.
    Und deshalb nennt man jeden dieser Staaten eine "Zeitbombe", philosophiert ein paar Zeilen weiter schon wieder vom EU-Beitritt...
    Soll man wirklich "Zeitbomben" in die Eu aufnehmen?

  6. Geben Sie in Ihrer Suchmaschine "Manifest" und "Akademie für Wissenschaft und Künste" "Belgrad" ein. Sie werden sich wundern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zack34
    • 18. November 2009 16:51 Uhr

    genau nach Ihrem Hinweis und - nichts erhalten...

    Aber Sie werden es uns verraten. Damit auch wir uns so sehr wundern dürfen. Etwa wie bei der berühmten dpa-Meldung vom "Originalexemplar des Hufeisenplans des serbischen Generalstabs", das zufällig ausgerechnet in einem Archiv in Tirana, Albanien gefunden wurde, zufällig auch Mitte 1999...
    damals in vielen Printmedien des sog. Qualitätsjournallismus zu lesen.

    ps.
    Kann es sein, dass die demographische Entwicklung auf dem Kosovo einschließlich der damit verbundenen Spannungen usw. ber. jahrzehntelang vor dem "Manifest" stattfand, und - ja (siehe z.B. SPIEGEL 17/2008) - immer noch stattfindet?

  7. Kleiner Tipp zur Lektüre: "Wie Jugoslawien verspielt wurde" von Viktor Meier, Beck'sche Reihe. Solide Hintergrundinformation fuer den ganzen Jugoslawienkonflikt. Auch das von ed2murrow bereits erwaehnte Manifest der Akademie fuer Wissenschaft und Kuenste in Belgrad wird erwaehnt.

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